"Archäologen der sozialen Identität" und "ganz große Poeten"

Sozialstriptease: Österreichische Fotografie in der Albertina

Dienstag, 13. Juni 2017 | 11:40 Uhr

“Was sagt ein angerichteter Mittagstisch aus über die österreichische Seele?” Durch die Linse von Robert F. Hammerstiel: eine Menge. Die Albertina präsentiert ab morgen, Mittwoch, bis 8. Oktober österreichische Fotografen von 1970 bis 2000. Für Direktor Klaus Albrecht Schröder sind sie “nicht nur Dokumentaristen und Archäologen der sozialen Identität Österreichs, sondern auch ganz große Poeten.”

Heinz Cibulka, Lisl Ponger, Gerhard Roth, VALIE EXPORT, Johannes Faber, Peter Dressler und wie sie alle heißen – die Ausstellung mit 22 vertretenen Fotografen setzt auf bekannte Namen ebenso wie auf sanfte Um-Schreibungen des fotografischen Kanons. Gemeinsam ist ihnen eine “Verwurzelung im Dokumentarischen”, wie Kurator Walter Moser bei der heutigen Presseführung erklärte, der thematische und formale Aufbruch der Fotografie in den 1970-er Jahren – und eine Annäherung an die großen Brüche jener Jahre, “die so etwas wie den Subtext darstellen”, so Schröder.

Gemeint ist der Fall des Eisernen Vorhangs – sensibel porträtiert etwa von dem seit den 1970-ern in Österreich lebenden japanischen Fotografen Seiichi Furuya – und die Wahl Kurt Waldheims, “die das Land in einer Weise gespalten hat, die auch an den Künsten nicht vorbeigegangen ist”. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ihr Hineinwirken in die Versatzstücke eines nie gründlich hinterfragten Alltags zieht sich durch alle Themenkomplexe. Vom “Land”, unerbittlich per Blitzlicht verfremdet und ausgeleuchtet durch Manfred Willmann, über die “Peripherie” in den Aufnahmen Johannes Fabers bis zu Helmut Kandls Videoarbeit “Herr Doktor aus Wien”, die aus Privatem gezielt und doch nebenbei das Historische schält.

Es sind diese Erzählstrategien, in denen schließlich auch das Poetische zum Tragen kommt: wenn Peter Dressler oder Heinz Cibulka ihre Collagen zusammenstellen, mit einer motivischen oder farblichen Strenge der Komposition, auf jeden Fall aber mit einem intuitiven Arrangieren von visueller Realität als Bildkunst. Auf die Spitze getrieben findet sich das Konzeptionelle in der “Dialektstudie” von Norbert Brunner und Michael Schuster, die Ortschaften auf einer strikten Süd-Nord-Linie von Südtirol bis Bayern fotografierten und mit den dazugehörigen Dialekten als Tonbeispiele kombinierten. Eine beinahe wissenschaftliche Analogie von Architektur und Artikulation, die schnell zum Vergnügen wird.

Neben der hauseigenen Sammlung, die anlässlich der Schau um Neuerwerbungen sowie Schenkungen erweitert werden konnte, speist sich “Österreich” auch aus den Beständen der Fotosammlung des Bundes am Museum der Moderne Salzburg – dort wird die Ausstellung im nächsten Frühjahr ebenfalls zu sehen sein.

(S E R V I C E – “Österreich. Fotografie 1970 – 2000”, 14. Juni bis 8. Oktober, Albertina, www.albertina.at)

Von: apa

Bezirk: Bozen