Ausstellung im Belvedere ab Freitag geöffnet

“Stadt der Frauen” präsentiert im Belvedere 60 Künstlerinnen

Donnerstag, 24. Januar 2019 | 13:50 Uhr

Klimt? Schiele? Kokoschka? Die Wiener Moderne ist identitätsstiftend, schillernd, touristenträchtig – und männlich. Eine dreiste Lüge der Kunstgeschichte, die im Belvedere ab Freitag in einer bahnbrechenden Ausstellung korrigiert wird: “Stadt der Frauen” präsentiert rund 60 Künstlerinnen im Wien von 1900 bis 1938. Ein Erlebnis wie das Öffnen einer vergrabenen Schatztruhe.

Sie waren prominente Vertreterinnen ihrer Zunft, stilprägend, rebellisch, politisch. Sie waren in den wichtigsten Ausstellungen der Wiener Moderne in hoher Zahl vertreten (von wegen Quote: die von Gustav Klimt 1908 zusammengestellte Kunstschau bestand zu einem Drittel aus weiblichen Positionen) – und sie eroberten sich ihren Platz unter den männlichen Kollegen gewaltigen Widerständen zum Trotz. Erst 1920 wurde die Kunstakademie für Frauen geöffnet. Aber schon in den 1890er Jahren stellte eine Teresa Feodorowna Ries ihre monumentalen Skulpturen aus. “Man stelle sich das vor – wie eine Frau, verhüllt vom Kinn bis zur Sohle, zugeschnürt im Korsett, diese Steinbrocken behauen hat”, versuchte Kuratorin Sabine Fellner am Donnerstag, ein Gefühl für das Vorkämpfertum dieser Künstlerinnen zu vermitteln.

260 Exponate versammelt die Schau und erschließt damit “Lichtjahre an neuem Terrain”, freute sich Generaldirektorin Stella Rollig. Freilich habe es schon bisher wichtige Stationen auf dem Weg der weiblichen Korrektur der Kunstgeschichte gegeben. Doch “Stadt der Frauen” ist die bisher größte Ausstellung zur Epoche der Wiener Moderne, die ausschließlich Arbeiten von Frauen zeigt. Und dabei kein Quäntchen an Qualität auf der Strecke lässt – wohl aber tief in den Beständen und im Privatbesitz zu schürfen hatte. “In die hintersten Winkel der Depots, auf privaten Dachböden, in den Weiten des Kunsthandels”, machte man sich auf die Suche, so Rollig. Etwa ein Drittel der Stücke stammt aus dem eigenen Haus.

Faszinierend sind die Biografien der Künstlerinnen, beeindruckend ihr Werk. Das Spektrum reicht von bekannteren Namen wie Olga Wisinger-Florian oder Broncia Koller-Pinell, deren Wichtigkeit für ihre Zeit hier noch einmal vehement unterstrichen wird, bis zu völligen Wiederentdeckungen wie Hermine Heller-Ostersetzer, Bertha Tarnoczy von Sprinzenberg, Gertraud Reinberger-Brausewetter oder Bettina Ehrlich-Bauer.

Letztere, verheiratet mit dem Bildhauer Georg Ehrlich, rettete bei der Flucht vor den Nazis die Werke ihres Mannes, während ihre eigenen in Wien verloren gingen. In der Ausstellung sind einige Fotografien davon zu sehen. Intensiv gewürdigt werden Helene Funke, Fanny Harlfinger-Zakucka oder Trude Waehner – Malerinnen, deren mutige Koloration und richtungsweisende Perspektiven wie ein fehlendes Puzzleteil in die Kunstgeschichte der 1920er-Jahre passt. Für alle 60 Namen gilt: Es ist verzeihlich, sie nicht zu kennen – aber nicht, sie noch einmal zu vergessen.

Thematisch waren die Künstlerinnen an ihren Platz verwiesen – und der hieß Stillleben, Blumen, Landschaften. Eine Zuweisung, die von den Damen mal provokanter, mal subversiver unterlaufen wurde: Viele von ihnen widmeten sich lieber sozialkritischen Themen, richteten ihren Blick auf Armut und Arbeitsbedingungen, auf Menschen am Rande der Gesellschaft. Andere drückten Rebellion und Originalität in ihrem Stil, ihrer Perspektive, ihren Bildebenen aus und arrangierten einen lieblichen Blumenstrauß als kunstpolitisches Statement. Welche Strecken sie dabei in den 40 ausgestellten Jahren zurückgelegt haben, ist atemberaubend.

Vor allem, wenn man weiß, wie die Geschichte weitergegangen ist. Mit der Zäsur 1938 verschwand die Frau bis in die 1960er-Jahre aus der Kunstgeschichte. Mit dem Nationalsozialismus waren die erstrittenen Freiheiten ebenso wenig vereinbar wie mit der Restauration und bürgerlichen Enge der Nachkriegszeit. Nicht wenige der Künstlerinnen waren jüdisch – und wurden zum Opfer des Holocaust. Die Werke der Pionierinnen verschwanden im Privatbesitz und in Depots. Ihre Namen verschwanden aus den Lexika der Kunstgeschichte, unter einem Teppich von Huldigungen an die fälschlich als männlich wahrgenommene goldene Ära der Wiener Moderne. Im Vorjahr hat man zu ihren 100. Todestagen die Heroen Klimt und Schiele in großen Personalen gefeiert. Die seit langem wichtigste Ausstellung zur Wiener Moderne eröffnet heute Abend.

Von: apa

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