Das Stück zeigt uns eine Welt im Tirol des Jahres 1816

Starke Frauenbilder dominieren Stück „Die Wölfe“

Mittwoch, 13. Juli 2022 | 15:40 Uhr

Meran – Mit penibel zusammengesuchten, historischen Kostümen präsentieren die Meraner Festspiele das Schauspiel „Die Wölfe“ in der Inszenierung von Judith Keller oberhalb Schloss Trauttmansdorff. Es ist die vierte Uraufführung der Meraner Festspiele und die fünfte im Rahmen der Initiative für Ur- und Erstaufführungen, die mit der Uraufführung des historischen Schauspiels „Die Verfolgten“ 2017 begann. Fünf Jahre danach dominieren Frauen die Freilichtaufführungen.

Das beginnt bereits bei Regisseurin Judith Keller, die aus dem Handlungsgeschehen des Schauspiels „Die Wölfe“ einen dynamischen Ablauf des Erzählten und damit einen sehr kurzweiligen, spannenden Theaterabend gestaltet hat. In 20 Szenen wechseln sich lyrische Momente mit den immer härter werdenden Auftritten der Bauern ab, bis schließlich alles in einem großen Gerichtsgeschehen endet.

„Die Wölfe“, das Schauspiel des Tiroler Dramatikers Luis Zagler, ist wie sein Stück „Die Verfolgten“ der Geschichte Tirols entnommen und gibt einen einprägsamen Einblick in das Leben der Menschen von damals. Wir schreiben das Jahr 1816 in Tirol. An und für sich hatten Frauen in dieser Zeit wenig zu sagen. Doch der Schein trügt. Das zeigt das Stück „Die Wölfe“. Hier dominieren Frauen die Szenen, teils leidend, teils durch ihre Fähigkeit für Disziplin und durch ihre Intelligenz. Klugheit, Raffinesse und Disziplin, das sind Eigenschaften, durch die Frauen im Stück „Die Wölfe“ als Sieger hervorgehen. Wenn zu Beginn des Stückes die Reinigungsdame Frau Gantioler (Karin Lintner, Terlan) sich auf die Seite der Bauern schlägt und dem Gerichtsdiener (Robert Bernardi, Marling) widerspricht, ist das der mutige Schritt einer Frau. Gegen Ende des Stückes wird Gantioler sich sogar erlauben, ihren Arbeitskollegen zu belehren, in dem sie behauptet, dass Wölfe nicht immer nur ein Problem der Bauern sein werden.

Eine sehr starke Mädchenrolle hat der Theaterautor in der Person der Maria (Leonie Vitroler, Brixen) geschaffen, die von ihrem Stiefvater dazu gezwungen wird, sich auf das Liebeswerben des Grafensohnes (Martin Radecke, Berlin) einzulassen. Ihn soll sie dafür gewinnen, sich im Kampf gegen die Wölfe auf die Seite der Bauern zu schlagen. Maria gehorcht dem Wunsch ihres Stiefvaters, erweist sich im Laufe der Geschichte aber als die Stärkere, und das sowohl gegenüber ihrem Stiefvater, der schon wenig später alles bereut, als auch gegenüber den Grafensohn, der letztlich an Marias konsequenter Disziplin und moralischer Haltung scheitert. Wie der Grafensohn wenig später reumütig zu Christiane von Schönau, seiner Verlobten, (Julia Sailer, Landeck) zurückkehrt, zeigt uns die nächste starke Frau, dass sie es eigentlich ist, die ihrem Verlobten durch Disziplin, Klugheit und Raffinesse überlegen ist. Deshalb kann sie am Ende des Stückes sagen, dass sie es ist, „der er nicht mehr entkommt“. Ihre heimliche Dominanz beruht auf Disziplin, Intelligenz und Geduld. Im Grunde dominieren alle diese Frauen die Szenen aufgrund dieser Tugenden, während die Männer im Stück genau das nicht zu haben scheinen. Der Wilderer Fex (Pascal Gross, Wien) ist zwar ein sehr gerissener Bursche, der sogar den Richter (Horst Saller, Schlanders) zu übervorteilen vermag, scheitert letztlich aber an seinem Ungestüm und reißt die Bauern und Witwen mit sich, die wegen ihm auf Gericht landen. Carl Aschbacher, der Stiefvater, (Horst Ortler, Meran) scheitert am traditionellen Verständnis seiner Rolle als Mann im Haus, der auf die gut gemeinten Ratschläge und Bedenken seiner Frau (Ruth Kofler, Naturns) nicht hört und stattdessen in eine Fehlentscheidung nach der anderen tappt. Wolfram Schäfer (Michael Arnold, Innsbruck), der kluge, alte Außenseiter, der für jeden ein offenes Ohr hat und auch in seiner Meinung fast immer richtig liegt, auch er scheitert letztlich, weil er die Dynamik der Handlung falsch einschätzt, die schließlich über ihn hinwegrollt. Auch Max, der Diener des Grafen, (Max Tschager, Lana) scheitert und verliert seine Dienststelle, weil es ihm nicht gelingt, den Grafen in seiner Exaltiertheit richtig zu beraten und Einhalt zu gebieten, seine Freundin (Valentina Mölk, Meran), kann ihm dabei nicht helfen, auch wenn sie es versucht.

Das Stück „Die Wölfe“ von Luis Zagler zeigt uns eine Welt im Tirol des Jahres 1816 und liefert uns damit gleichzeitig eine sehr kluge Analyse der Lebens- und Machtverhältnisse dieser Zeit, die im allgemeinen leider viel zu oberflächlich gesehen wird. Wie die genaue Beobachtung des Theaterautors zeigt, waren die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern wie auch im gesellschaftlichen Geschehen doch anders, als wir es allgemein gesagt bekommen. Was im Stück „Die Wölfe“ sehr scharfsichtig herausgearbeitet wird. Sehr gut beobachtet ist in diesem Stück auch die Tatsache, dass die Stärken der Frauen gerade in Zeiten der Not am deutlichsten zum Tragen kommen. Zu den Folgen des Tiroler Freiheitskrieges von 1809 kamen verheerende Wetterverhältnisse, die in den Jahren von 1814 – 1817 zu schwerwiegenden Ernteausfällen und in der Folge zu Not und Hunger führten. Die Bauern und Witwen hatten aber nicht nur damit zu kämpfen, sondern waren auch mit Wölfen konfrontiert, die sich aufgrund des verlorenen Russlandfeldzuges Napoleons in den Weiten Russlands so rasch vermehrten, dass sie sich auf die Suche nach neuen Lebensräumen machten und bis in die Alpen strömten, wo sie zur Plage für die Tiroler Bauern wurden.

Hier wird das Stück zu einem Spiegel für unsere Zeit, denn auch in unserer Zeit leiden die Bergbauern unter den Wölfen. Und wie die herrschende Elite von damals, werden die Bauern in ihrer Not auch heute wieder weitgehend ignoriert. Dem Gerichtswesen sind die Hände gebunden, weil die Gesetze einen durchschlagenden Einsatz für Recht und Gerechtigkeit offensichtlich nicht hergeben. Mit dem Stück „Die Wölfe“ hat der Tiroler Dramatiker ein Werk geschaffen, das eine sehr kluge Analyse der Geschichte darstellt, die gleichzeitig wie ein Spiegel unserer Zeit zu sehen ist. Diese Analyse transportiert der Theaterautor auf den verschiedensten Ebenen der Handlung. Vordergründig ist da der Kampf gegen die Wölfe, was er Theaterautor zu einem spannenden Theaterstück verarbeitet hat, das in der Inszenierung von Judith Keller noch einmal an Schwung und Kraft gewinnt. Gleichzeitig werden uns im Stück „Die Wölfe“ auf einer anderen Ebene viele kluge und detailgetreue Beobachtungen vor Augen geführt, so zum Beispiel die beschriebene „stille Macht der Frauen“ wie auch die dekadente Arroganz des Adels, die vor allem in der überaus interessanten Beziehung des Grafensohnes zu seiner Verlobten zum Ausdruck kommt. Wir ahnen in diesem Stück „Die Wölfe“ förmlich den folgenden Verlauf der Geschichte voraus. Angefangen von den Frauenrechtsbewegungen bis hin zu den revolutionären Aufständen von 1848.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass sich die Meraner Festspiele im vierten Jahr ihres Bestehens zu einer wahren Talenteschmiede entwickelt haben, über die großartigen schauspielerischen Talente wie Leonie Vitroler ihre Bühnenerfahrung sammeln können. Gleichzeitig sind die Meraner Festspiele in diesem Jahr wieder ein würdiger Botschafter der Gedanken einer Europaregion Tirol. Im Stück „Die Wölf“ arbeiten Schauspieler aus Landeck, Innsbruck, Brixen, Schlanders, Meran, Lana, Wien und Berlin eng zusammen. Das ist einmalig in Südtirols Freilichttheaterlandschaft, erfrischend und spannend. Schon allein dadurch haben sich die Meraner Festspiele ihren Platz in den Freilichtaufführungen unseres Landes verdient. Hinzu kommt, dass durch die Initiative für Ur- und Erstaufführungen jedes Jahr ein Stück entsteht, wodurch neue Theaterliteratur entsteht und aufgeführt wird, die es verdienen würde, mehr als bisher gefördert zu werden.

Das prominente Publikum am Tag der Premiere honorierte das junge, engagierte Team um den Präsidenten der Meraner Festspiele, Philipp Genetti mit viel Applaus. Dieser Applaus galt in erster Linie dem Autor, wie auch dem Ensemble und seiner Regisseurin Judith Keller. Wie aber Landesrat Arnold schon in seinen Eingangsworten betonte, galt dieser Applaus auch den Initiatoren der Meraner Festspiele, die mit den Meraner Festspielen in wenigen Jahren eine ernsthafte Talenteschmiede aufgebaut haben. Durch die Freilichtaufführungen der Meraner Festspiele ist sichtbar geworden, welche Talente das Land hat. Angefangen beim Theaterautor, der gezeigt hat, dass er imstande ist, jedes Jahr ein neues, gut funktionierendes Theaterstück zu schreiben, bis hin zu den Schauspieltalenten, von denen bei den Meraner Festspielen jedes Jahr neue entdeckt werden. Und nicht zu vergessen die Talente hinter der Bühne, die alles das ermöglichen. Allen voran Philipp Genetti, der als junger Präsident der Meraner Festspiele gezeigt hat, wie ernstzunehmendes Freilichttheater auch in Südtirol sein Publikum findet, oder Sandra Spinell (Organisation) und Harald Rechenmacher (Organisation und Technik), die beide seit der Gründung der Meraner Festspiele mit dabei sind. Maria Kralik (Maske) stellt ihr besonders Talent als Maskenbildnerin jedes Jahr neu unter Beweis und überzeugt damit auch Profischauspieler. Rita Kröss (Kostüme) galt zu Beginn der Meraner Festspiele noch als kaum bekannte Newcomerin, inzwischen hat sie sich zur Fachfrau auf dem Gebiet der Kostüme gemausert und erbringt eine Höchstleistung nach der anderen. Alle diese jungen Südtiroler Talente werden durch die Meraner Festspiele gefördert und können ihre kreativen Ideen verwirklichen. Ihnen allen gilt der Applaus des Publikums, die jedes Jahr aus ganz Südtirol kommen und teils sogar aus Nordtirol.

Nächste Aufführungen:
Mittwoch, 13. Juli
Freitag, 15. Juli
Samstag, 16. Juli
Montag, 18. Juli
Mittwoch, 20. Juli
Donnerstag, 21. Juli
Freitag, 22. Juli 2022

Beginn der Aufführung jeweils: 21.00 Uhr
Dauer der Aufführung ca. 90 Minuten.

Von: mk

Bezirk: Burggrafenamt

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