Das künstlerische Angebot ist groß

Steirischer Herbst: Künstlerhaus Graz lädt zu Ausstellung

Freitag, 21. September 2018 | 15:00 Uhr

Graz ist eine internationale Metropole voller pulsierendem Leben zwischen bunten Hochhausschluchten. In dieses Bild der steirischen Landeshauptstadt lässt sich zumindest virtuell eintauchen: Die Arbeit von Marc Lee, der für seine Städteporträts Live-Daten aus sozialen Netzwerken verwendet, ist Teil einer Ausstellung “Artificial Paradise? Immersion in Raum und Zeit” im Grazer Künstlerhaus.

In der “Halle für Kunst & Medien” hat Kurator Jürgen Dehm immersive Arbeiten von zwölf internationalen Künstlern versammelt. Immersiv bedeutet häufig auch interaktiv – deswegen ist die Schau, die Samstagnachmittag im Rahmen des steirischen herbst eröffnet, auch eine echte Mitmach-Ausstellung. Immer wieder lässt sich mittels VR-Brille Spaß haben.

Gleich im Foyer lässt sich mit der Datenbrille ein virtuelles Künstlerhaus erkunden. Der deutsche Künstler Manuel Roßner hat den Ausstellungsraum im Computer nach- und dort seine eigenen Exponate aufgebaut. Diese erweisen sich zwar als relativ simple farbige Skulpturen und der Bezug zu einem Rilke-Gedicht, das mit seiner Zeile “Du musst dein Leben ändern” der Arbeit ihren Titel gegeben hat, scheint sehr weit hergeholt – immerhin lässt sich entspannt zwischen den Objekten umherschlendern.

Gegen “Primal Tourism” des in New York lebenden Dänen Jakob Kudsk Steensen stinkt Roßners Arbeit natürlich gleich wieder ab: Steensen hat aus im Internet verfügbaren Bildern und Infos sowie aus Zeichnungen des 18. Jahrhunderts das Bora Bora Atoll in Französisch-Polynesien nachgebaut, angeblich eines der teuersten und exklusivsten Reiseziele der Welt. Dieser Luxus lässt sich im virtuellen Raum zwar nicht wirklich nachvollziehen, doch immerhin locken Palmen, Sandstrand und herrlich aussehendes Wasser.

Ganz anders ist die Welt, die das deutsche Duo Banz & Bowinkel geschaffen hat: “Palo Alto” dreht den Spieß um. Der Computer baut hier nicht die reale Welt nach, sondern erschafft sich seine eigene. Der Besucher muss mittels Datenbrille versuchen, sich darin zurechtzufinden. “Den Computer interessiert es nicht, was real ist und was nicht”, umschrieb Friedemann Banz bei der heutigen Presseführung den Ansatz, der in eine Zukunft führt, in der nicht mehr der Mensch das Maß aller Dinge ist.

Doch auch in die Vergangenheit führt die Ausstellung und begnügt sich dabei leider mit einem einzigen Beispiel: Das Ölgemälde “Ideale Landschaft mit untergehender Sonne” von Johann Kniep (1806) zeigt, wie sehr Künstler bereits früher versuchten, die Betrachter zum Eintritt in Fantasiewelten zu bewegen. Illusionistische Räume, Zentralperspektive, Rundgemälde und Panoramen wären nur manche Stichworte eines lohnenden Streifzugs durch die Geschichte der VR, den diese Schau, wie Dehm zugibt, nicht leisten kann.

Dafür hat man bei “Artificial Paradise?” durchaus nicht nur auf 3D gesetzt. Schon über dem Eingang verweist ein aus Überwachungskameras gebauter Luster von Addie Wagenknecht auf ungeliebte und vor allem ungefragte Immersion. Olga Fedorova verwendet bei ihren Lentikulardrucken jene Technik, die es als Kippbilder sogar auf “lustige” Postkarten geschafft hat. Gerriet K. Sharma versucht, mittels synthetischer Klänge synthetische Räume zu generieren, Frauke Dannert verwendet für ihre”cut-out”-Installation jene blaue Farbe, die für Blue-Screen-Technik angewandt wird.

Ivana Basic schafft aus Staub vergängliche Körperskulpturen, die wieder zu Staub werden, Paul Chan kombiniert in einem Video Anarchie und Animation, Pop und Politik, und Harun Farocki zeigt in einigen Videoinstallationen, wie sehr Kriegsspiele am Computer bereits in die reale Kriegsführung Einzug gehalten haben.

Bleibt Marc Lee. In Graz präsentiert der Schweizer Künstler eine als Mobile App umgesetzte Version seiner Installation “10.000 Moving Cities – Same but Different” aus 2010. Sie zeigt auf faszinierende Weise, wie anders sich eine Agglomeration in der Datenwelt präsentiert und führt vor Augen, wie dramatisch unterschiedlich bereits jetzt Wahrnehmungswelten sind. Nicht nur Graz ist hier nicht wiederzuerkennen. Noch ist die App nicht öffentlich erhältlich. Auch das ist Zukunftsmusik. Das Fragezeichen im Ausstellungstitel sollte man jedenfalls keineswegs übersehen: “Artificial Paradise?” Künstlich ja. Paradiesisch wohl nicht unbedingt.

Von: apa

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