Peter Simonischek ("Afzal") und Aenne Schwarz ("Zarina")

“The Who and The What”: Spurensuche im Islam als Komödie

Montag, 28. Mai 2018 | 11:40 Uhr

Vor einem überdimensionalen orientalischen Wandteppich entfaltet sich am Akademietheater eine Welt, die uns fremd und vertraut zugleich erscheint: Eine muslimische Kleinfamilie, gefangen in den Zwängen der selbst auferlegten Konventionen, ringt um ihr moralisches Überleben. Ayad Akhtars tiefgründige Komödie “The Who and the What” feierte am Sonntag seine akklamierte österreichische Erstaufführung.

Bereits in seinem mit einem “Nestroy” für das “Beste Stück” ausgezeichneten “Geächtet” zeigte der pakistanischstämmige amerikanische Autor, dass er es versteht, die westlich-muslimische Identität zwischen Stolz, Trotz und Selbstbezichtigung mit viel Gespür und Humor zu verhandeln. Rieb sich sein muslimischer Protagonist damals noch an westlichen Gesprächspartnern, ist es diesmal die muslimische Familie selbst, die an ihren internen Bruchlinien zu zerbrechen droht. Schauplatz ist eine Stadt in Amerika, wo die aus Pakistan stammende Familie ein gut integriertes Leben führt, Kopftücher scheinbar kein Thema sind und der Vater (ebenfalls scheinbar) alles tut, um seinen Töchtern die Welt zu Füßen zu legen.

Doch mit fortschreitendem Alter wird die weltoffene Zarina, die an einem Roman über Gender-Politik vor dem Hintergrund muslimischen Glaubens arbeitet, von ihrem Vater Afzal und ihrer jüngeren Schwester Mahwish dazu gedrängt, doch endlich zu heiraten. Dabei geht der als Taxiunternehmer erfolgreich gewordene Vater so weit, sich in Zarinas Namen auf der Dating-Plattform “Muslimlove.com” anzumelden und verschiedene Brautwerber bei einem ersten Date zu begutachten.

Regisseur Felix Prader, der am Haus vor drei Jahren Hermann Bahrs “Das Konzert” inszenierte, setzt ganz auf Reduktion: Lediglich ein paar Stühle stehen den vier Schauspielern zur Verfügung, die in ihren Auftrittspausen am Bühnenrand Platz nehmen und das Geschehen aus dem Off verfolgen. So gelingen schnelle Szenenwechsel, die das über mehrere Jahre spielende Stück temporeich in zwei pausenlosen Stunden zu einem kurzweiligen Vergnügen machen. Das ist auch dem flotten, intensiven Spiel des Ensembles zu verdanken: Peter Simonischek legt seinen großzügigen, stolzen, aber im Kern doch konservativen Patriarchen nuanciert und liebenswert an. Man will ihm glauben, dass das Wohl seiner Töchter vor allen religiösen Zwängen steht, er am Ende aber nicht anders kann, als Allah um Zustimmung (und später Vergebung) zu bitten.

Schließlich bietet ihm die intellektuelle Zarina, die es nie verwunden hat, sich von ihrer großen Liebe Ryan trennen zu müssen, da er nicht bereit war, zum Islam zu konvertieren, ordentlich die Stirn. Aenne Schwarz zeichnet eine rebellische junge Frau, die selbst bei der Zubereitung des Abendessens ihre eigenen Vorlieben vor jene ihres Vaters und der Schwester Mahwish (herrlich naiv: Irina Sulaver) stellt. Selbige zieht sie mit der Vorstellung auf, dass sie in der Bibliothek sitzt, um vor ihrem Manuskript zu masturbieren und kreidet ihr an, dass sie sich von ihrem Verlobten zum Analsex überreden hat lassen, um bis zur Hochzeit Jungfrau zu bleiben. Dann kommt aber Eli in Zarinas Leben: Der junge Konvertit, der eine muslimische Gemeinde leitet, ist dem Vater (als Zarina) online begegnet und gewinnt schließlich ihr Herz, da er ihr durch sein ehrliches Interesse aus ihrer Schreibblockade hilft.

Doch selbst jetzt ist Afzal nicht zufrieden: Sein Schwiegersohn ist zu weich, er verdient zu wenig Geld und ein Kind hat er Zarina auch ein Jahr nach der Hochzeit noch nicht gemacht. Zur berührendsten Szene des Abends gehört, als Simonischek und ein bärtiger Philipp Hauß einander gegenüberstehen und Afzal seinem Schwiegersohn rät, Zarina doch endlich zu brechen, worauf der selbstbewusst entgegnet: “Frauen muss man nicht brechen. Man muss ihnen zuhören.” Ein Satz, der wie ein Motto über diesem emotionalen Abend schwebt, der den Kampf aller Beteiligten zeigt, den richtigen Lebensweg einzuschlagen. Ins Zweifeln verfällt Eli jedoch, als er das fertige Manuskript in Händen hält, in dem Zarina Mohammeds erotische Gelüste bildhaft durchexerziert und die Frage stellt, ob Mohammed wirklich Gott gehört hat, oder vielleicht doch nur Stimmen in seinem eigenen Kopf. Spätestens jetzt scheint der finale Bruch nicht mehr aufzuhalten zu sein.

“The Who and The What” bietet dem Publikum ein Wechselbad der Gefühle. Jenseits des muslimischen Kontexts verhandelt Akhtar Familienzusammenhalt, das Wesen von Liebesbeziehungen und das weibliche Ringen um Selbstbestimmung. Dass keine der Figuren sichtbare Zeichen einer muslimischen Herkunft trägt, macht “The Who and The What” trotz des klaren religiösen Themas ein Stück weit universell. Was bedeutet Familie? Was bedeutet Glaube? Wer sind “die Anderen”, vor denen man sein Gesicht wahren muss? Ayad Akhtar stellt nicht nur Fragen an die muslimische Community. Er stellt sie uns allen. Lang anhaltender Jubel für Ensemble, Regie und den zu Tränen gerührten Autor beschlossen einen Abend, der noch lange nachwirkt.

(S E R V I C E – “The Who and the What” von Ayad Akhtar im Akademietheater. Regie: Felix Prader, Bühne und Kostüme: Anja Furthmann. Mit Aenne Schwarz, Irina Sulaver, Peter Simonischek und Philipp Hauß. Weitere Termine: 29. und 30. Mai sowie am 10. und 13. Juni. Infos und Karten unter Tel. (01) 5131513 oder www.burgtheater.at)

Von: apa