Pensotti brachte sein Mammutwerk nach Wien

Theaterdorf “Diamante” eröffnet Blick in Fremdes hinter Glas

Sonntag, 12. Mai 2019 | 11:30 Uhr

In der Nebenhalle wurde eisgelaufen, und während sich draußen ein Unwetter zusammenbraute, ging drinnen in der Halle 3 der Erste Bank Arena in Wien-Donaustadt eine sozialökonomische Utopie gründlich den Bach runter. In der Festwochen-Eröffnungsproduktion “Diamante” sah man am Samstagabend fünfeinhalb Stunden lang menschlichem Treiben zu und wurde danach ohne große Hoffnung in den Regen entlassen.

Das Tollste an der Produktion des argentinischen Regisseurs Mariano Pensotti, die im August 2018 für die Ruhrtriennale entwickelt wurde und in Wien erst ihre zweite Station hat, ist ihr Konzept. Pensotti hat die Idee der Firmenstädte und Werksiedlungen aufgegriffen, in denen Berufs- und Privatleben verschwimmen und der Arbeitgeber auch politische und soziale Aufgaben übernimmt. Die “Hipster Towns” im Silicon Valley und die den westlichen Wohlstand sichernden Werkbänke der Ausbeutung in China, Indien oder Mexiko seien zwei gegensätzliche Pole dieser wieder in Mode gekommenen Idee, so Pensotti.

Die erfundene Geschichte “Diamante” beginnt vor 100 Jahren, als der deutsche Industrielle Emil Hügel – ihm ist eine Büste in der kleinen Siedlung gewidmet – für seinen Goodwind-Konzern im Dschungel im Norden Argentiniens eine Retorten-Stadt gründete, in dem die Arbeiter deutlich bessere Lebensbedingungen vorfanden als die in Armut lebenden Bewohner der abgeschotteten Umgebung. Heute, so der Plot, leben hier vorwiegend deutsche Familien, teilweise bereits in der zweiten oder dritten Generation.

Die Umsetzung von “Diamante” ist zunächst bestechend: In der 1.300 Quadratmeter großen Halle ist wie auf einem Filmset ein Dorf aus zehn einfachen Hütten aufgebaut, dazu gibt es noch eine Bühne und ein Auto als Spielort. Das Ganze sieht aus wie ein Filmset und erinnert an Lars von Triers “Dogville”. Niemand würde einen hindern, an diesem Abend frei über die Kunstrasenflächen und Wege zu spazieren und am Dorfleben teilzunehmen – doch es gibt keines. Stattdessen gibt es ein strenges Konzept, das die Vorstellung strikt in Acht-Minuten-Einheiten (plus zwei halbstündige Pausen, die man außerhalb der Halle verbringen muss) teilt, zu denen sich Zuschauergruppen vor den Schaufenstern der kleinen Häuser niederlassen, um das sich darin Ereignende zu verfolgen. Dazwischen ist rascher Wechsel und Kampf um die besten Stockerlplätze angesagt.

Man blickt also in spießbürgerlich dekorierte und mit Menschen besiedelte Terrarien: fremdes Leben hinter Glas. Pensotti hat sich zahlreiche einzelne Biografien einfallen lassen, die einerseits miteinander verzahnt sind (auch Akteure wechseln mitunter von einem Schauplatz zum anderen), anderseits eine zeitliche Abfolge haben: Die drei Kapitel des Abends zeigen die Entwicklung der Stadt innerhalb eines Jahres. Und schon bald weiß man: “Diamante” geht keiner glitzernden Zukunft entgegen.

So kompliziert die Umsetzung – zu den per Mikro nach außen übertragenen Dialogen gibt es jede Menge auf die Hauswände projizierten Sub- und Zwischentext, der Hintergrund-Infos oder die Gedanken der Akteure liefert -, so einfach und vorhersehbar wirken die Geschichten vom ökonomischen Niedergang, von der Manipulation der Menschen, von Korruption und Kriminalität, vom Daseinskampf, der in die Vereinzelung statt in die Solidarität mündet. Dazwischen bekommt man Sätze an den Kopf geworfen wie “Es gibt nichts Epischeres als den Alltag”, “Der Realismus ist ein Konstrukt, das ständig neu definiert werden muss”, oder “Manchmal muss man Täter werden, um nicht mehr Opfer zu sein.”

Junge Menschen scheitern mit ihrem Fluchtversuch aus dem reglementierten Leben und gründen unter Einfluss psychedelischer Pilze eine Sekte; eine Top-Managerin erlebt ihren rasanten Abstieg zur Pole Dancerin und Putzfrau, eine andere steigt in einem fulminanten Wahlkampf zur Provinz-Gouverneurin auf; einem politisch engagierten Betriebsrat wird übel mitgespielt; ein Siedlungs-Veteran scheitert mit seiner Strategie, sein Lebenstrauma in den Griff zu bekommen; skrupellose Mitarbeiter entwickeln umfangreiche Entlassungspläne, die ihre Freunde und Nachbarn miteinschließen – derartige Handlungsstränge ließen sich auch in einer Telenovela gut entwickeln. “Diamante” dagegen setzt auf Langsamkeit statt auf Tempo, auf Empathie statt auf Effekt, auf Politik statt auf Pointe.

Selten gewinnen die einzelnen Figuren wirklich Eigenleben, schon früh wirken sie wie Zombies, jenen Pappfiguren ihrer Silhouetten gleich, die am Ende aufgestellt werden. “Diamante” bekommt ein neues Geschäftsmodell: Die Musterstadt wird zum Themenpark. Arbeit gibt es künftig nur noch für Selbstdarsteller. Willkommen im Menschenzoo!

Langer, erschöpfter Premieren-Applaus für die Produktion, die noch bis 19. Mai zu sehen ist.

(S E R V I C E – Mariano Pensotti / Grupo Marea: “Diamante”, Text, Regie: Mariano Pensotti Bühne, Kostüm: Mariana Tirantte, Musik: Diego Vainer. Erste Bank Arena, Wien 22, Attemsgasse 1, Weitere Termine: 11., 12., 14.-16., 18., 19. Mai, jeweils 18 Uhr. Deutsch und Spanisch mit deutschen Übertiteln, Dauer: 5.30 Stunden, inkl. zwei Pausen. Wiener Festwochen. Karten: 01 / 589 22 11, www.festwochen.at)

Von: apa