Festivalpräsdent Haselsteiner warnte vor "Pranger" Soziale Medien

Tiroler Festspiele feierten 20. Geburtstag mit Aufarbeitung

Freitag, 06. Juli 2018 | 11:40 Uhr

Die Festspiele Erl haben bei ihrer Eröffnung durch den deutschen Altbundespräsidenten Horst Köhler am Donnerstag nicht nur ihren 20. Geburtstag gefeiert, sondern auch die Turbulenzen der jüngsten Vergangenheit mit teils schweren Vorwürfen gegen ihren Künstlerischen Leiter Gustav Kuhn thematisiert. Festivalpräsident Hans Peter Haselsteiner warnte vor dem “neuen Pranger”, den Sozialen Medien.

“Sie werden als Medien bezeichnet, entziehen sich aber dem Mediengesetz”, sagte Haselsteiner in seiner Eröffnungsrede. Sie verbreiteten “Propaganda, Hass, Lüge und Diffamierung”. Als Beispiel führte er die “hasserfüllte Kampagne gegen Maestro Kuhn” und die Festspiele Erl an, die mit Vorwürfen von Lohndumping über Korruption bis hin zu sexueller Belästigung konfrontiert waren. Der “Pranger der Sozialen Medien” sei nicht mit dem mittelalterlichen auf dem Marktplatz vergleichbar. Denn jener sei Strafe nach einem Urteil gewesen. Der “ultimative Pranger” der Sozialen Medien hingegen werde oftmals von anonymen Gruppen verwendet, so Haselsteiner: “Die Strafe steht bei Anklage fest. Urteil und Prozess gibt es nicht”. Daher brauche es dringend ein modernes Mediengesetz, das diesen neuen Pranger abbaut, lautete sein Appell an die Politik.

“Gegen den Urheber der Kampagne konnten wir uns einigermaßen zur Wehr setzten. Gegen Trittbrettfahrer in diversen Foren nicht”, resümierte Haselsteiner. Diese versteckten sich hinter falschen Namen, oder agierten anonym. “Gustav Kuhn kämpft mittlerweile gegen ein drohendes Magengeschwür, das von Ärger und Kränkung gut leben kann. Im Übrigen darf ich ihnen versichern, ist er ganz der alte”, so der Festivalpräsident launig: “Er macht – hoffentlich zum Ärger des Bloggers – noch immer keinen Hehl daraus, welche Vorlieben er hat. Und Wein, Weib und Gesang ist etwas, was wir gut nachvollziehen können”, witzelte Haselsteiner, um Kuhn sogleich als “sensiblen Künstler mit großem Herz” zu würdigen und seine Verdienste für die Festspiele hervorzuheben. Er freue sich, dass er bis zum Auslaufen seines Vertrages 2020 als Intendant und darüber hinaus den Festspielen als Dirigent erhalten bleiben werde.

Auch Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) ging auf die “mediale Diskussion” über die Festspiele ein. Vieles werde diskutiert, einiges aufgearbeitet, so Platter: “Hier duckt man sich nicht weg.” Platter gab sich überzeugt, dass diese Tiroler Festspiele “eine gedeihliche Zukunft” haben werden. Zudem würdigte Platter die große Erfolgsgeschichte der Festspiele und dankte Haselsteiner und Kuhn, die in den 20 Jahren “Großartiges” schufen.

“Dass ein ehemaliger deutscher Bundespräsident in Österreich Festspiele eröffnet, deren Programm Großbritannien gewidmet ist, zeugt von einer europäischen Unverkrampftheit”, erklärte Köhler in seiner Ansprache, der sich als “Fan” der Festspiele outete. Köhler lobte Erl und betonte, dass die Aufführung hochwertiger Musik nicht auf große Metropolen beschränkt sein dürfe: “Die Gleichsetzung von Hochkultur mit Stadt ist abzulehnen.” Er sei fest davon überzeugt, dass Musik in dieser ganz anderen Kultur- und Naturlandschaft eine ganz eigene Kraft entfalten könne. “Das Echo der Alpen klingt anders, als der Hall der Städte”, meinte Köhler.

Den Beweis dafür lieferte an diesem Abend das Orchester der Festspiele Erl mit der Symphonie Nr. 1 in G-Dur von Cyril Scott und der “Schottischen” von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Bei letzterer dirigierte Kuhn selbst und trieb das Orchester zu einer fulminanten Leistung, was ihm das Erler Publikum mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen dankte – wohl auch, um ihm demonstrativ noch einmal den Rücken zu stärken.

Von: apa