Summer School Südtirol begonnen

Trauma und Drama

Montag, 22. August 2022 | 18:55 Uhr

Feldthurns – Die achte Summer School Südtirol mit dem Schwerpunkt „Trauma & Drama“ hat am gestrigen Sonntag, 21. August auf Schloss Velthurns mit großer öffentlicher Beteiligung begonnen. Der Jahreszeiten-Saal im ersten Stock des Schlosses reichte nicht für die mehr als 120 Gäste, der Nebenraum wurde geöffnet. Dr. Irene Kacandes, Professorin vom Dartmouth College aus den USA, informierte über den neuesten Forschungsstand zu Gewaltforschung. Über die Folgen kollektiver Traumata, beigebracht durch sexualisierte Gewalt in Kriegen und kriegerischen Konflikten, sprach Marietta Schwarz vom Deutschlandradio mit der Gynäkologin Dr. Monika Hauser, Gründerin von Medica Mondiale. Diese erhielt 2008 den alternativen Nobelpreis „für ihren unermüdlichen Einsatz für Frauen, die in Krisenregionen schrecklichste sexualisierte Gewalt erfahren haben“. Dr. Monika Hauser betonte, dass es nicht den Blick nach Afghanistan oder Bosnien brauche, jeder sollte sich seiner Umgebung, der eigenen Ängste und Sorgen bewusst sein und solidarisch handeln. „Wir sind Mitwissende“, sagte die Ärztin, die sich seit 1992 in Kriegs- und Krisengebieten engagiert. Zum Abschluss des Eröffnungsabends gab Jörg Zemmler ein Klavierkonzert. Noch bis Freitag werden jeden Abend mit unterschiedlichen Referent:innen verschiedene Aspekte von Traumata diskutiert und Bücher vorgestellt. Tagsüber arbeiten Autor:innen – unter ihnen drei Südtiroler:innen – an Texten, werden dabei gecoacht und stellen sie am Donnerstag und Freitag öffentlich vor. Gründerin und Ideatorin der Summer School Südtirol ist die Schriftstellerin und Theaterautorin Maxi Obexer.

Dr. Monika Hauser erklärte die Zielsetzungen von Medica Mondiale: „Wir vertreten ein feministisches und soziopolitisches Trauma-Verständnis. Im Gegensatz zu einer rein klinisch orientierten Perspektive bedeutet das, dass nicht nur das Trauma der einzelnen Frau und ihre Traumasymptome in den Blick genommen werden, sondern Gewalt immer auch als Ursache dieser Traumatisierungen thematisiert wird.“ So werden posttraumatische Belastungsreaktionen als Überlebens- und Verteidigungsstrategien angesichts von Gewalt, Bedrohung und Unterdrückung gewertet. “Wir wirken darauf hin, auf allen Ebenen einen Beitrag zur Traumabewältigung und Gewaltprävention und damit zum gesellschaftlichen Wandel zu leisten“, erklärte die Ärztin und Gründerin der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale. „Wir leben in privilegierten Situationen und sollten hinschauen auf Situationen von Gewalt. Wir müssen uns ständig aufs Neue hinterfragen, ob wir unserer Verantwortung gerecht werden. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass sich in unserem Umfeld gewalttätige Beziehungen abspielen.“ Die Menschen hätten ihren inneren Kompass verloren, hieß es aus dem Publikum. Das habe mit den patriarchalen Verhältnissen zu tun, in denen wir über Generationen hinweg leben.

Dr. Irene Kacandes, Professorin vom Dartmouth College sagte, dass Posttraumatische Belastungsstörungen (PTSB) zu spezifizieren versuchen, was Expert:innen und Beobachter:innen seit Langem zu beschreiben versuchen, nämlich die Entwicklung von Symptomen wie Amnesie, Rückblenden, Halluzinationen, Übererregbarkeit, Besitzstörung, Alpträume, Lähmungen, soziale Rückgezogenheit und Suizidgedanken – aufgrund von grausamen Erfahrungen wie Umweltkatastrophen, Krieg, Vergewaltigung und Misshandlung. Der Schweregrad der Störung sei oft schlimmer, wenn die Gewalt menschlichen Ursprungs war (im Gegensatz zu einer Überschwemmung oder einem Erdbeben), und dauerhaft ist (wie in vielen Fällen von häuslicher Gewalt). Experten weisen aber auch darauf hin, dass die PTBS auch ohne eine klares vorhergegangenes Ereignis auftreten kann.

Heute Abend (Montag, 22. August) beleuchten auf Schloss Velthurns bei der zweiten öffentlichen Veranstaltung Antonella Tiburzi und Sissi Prader die Geschichte der Psychiatrie, die derzeit europaweit, auch in Italien und in Südtirol aufgearbeitet wird. Die psychiatrische Anstalt war lange Zeit selbst ein traumatisierender Ort, besonders für Frauen. Für all jene, die nicht ins herkömmliche Frauen- oder Familienbild passten oder die man aus anderen widrigen Gründen aus dem Weg räumen wollte, bot sich die Geschlossene Anstalt an. Bei Verrückten war es leicht, den Willen zu brechen. Der Faschismus bediente sich dieser grausamen Tradition und systematisierte sie. Hunderttausende von jungen Frauen wurden in die Psychiatrische Anstalt gesperrt, viele von ihnen fanden den Tod. Am Dienstag, 23. August beleuchten Dr. Barbara Plagg und Gabriela Mair am Tinkhof den Anfang und das Ende: „Die Traum(a) Geburt“ und „Was Sterben bedeutet“. Am Mittwoch, 24. August geht es um die Epigenetik – einen Mechanismus zur Weitergabe von Traumata an nachfolgende Generationen. Die Molekularbiologin Jennifer Berger informiert. Im Anschluss referiert Prof. Dr. Paulo Ricardo Berton über das Trauma im Drama. Am Donnerstag, 25. August liest die ukrainische Autorin Natalka Sniadalko aus ihrem neuen Buch „Der Erzherzog, der den Schwarzmarkt regierte, Matrosen liebte und mein Großvater wurde.“ Buchvorstellungen gibt es täglich: Am heutigen Montag, 24. August stellt Andrea Roedig ihr Buch: „Man kann Müttern nicht trauen“ vor, am Dienstag liest die Autorin Kaśka Bryla aus „Die Eistaucher“, am Mittwoch, 24 August stellt die Südtiroler Autorin Sabine Peer ihr Buch „Dienstmädel in Bella Italia“ vor. Nach der ukrainischen Schriftstellerin Natalka Sniadanko lesen am Donnerstag und am Freitag die Autor:innen der Summer School Südtirol, die tagsüber in Werkstätten an ihren eigenen Texten arbeiten. Dazu gehören neben Alexandra Koch, Andreas Sauter, Bernhard Studlar, Caitlin van der Mass, Kiki Javonovic, Pola Fendel, Raphaela Bardutzky, Sara Ehsan, Semir Plavic und Theresa Seraphin auch die Südtiroler Autor:innen Emma Mulser, Anne Marie Pircher und Verena Plangger. Zum Abschluss am Freitag, 26. August konzertieren Vernesa und Amira Berbo.

Die täglichen Abendveranstaltungen der Summer School Südtirol von Montag, 22. bis Freitag, 26. August jeweils um 18.00 Uhr sind für alle Interessierten offen, eine Anmeldung ist nicht notwendig, der Eintritt frei.

Von: luk

Bezirk: Eisacktal

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