Debütroman einer Boznerin in Italien mehrfach ausgezeichnet

Von der Macht der Wörter: Maddalena Fingerles “Muttersprache”

Mittwoch, 23. März 2022 | 07:20 Uhr

Wer in Südtirol Urlaub macht, der behält Bozen mit der Laubengasse und dem Alpenpanorama meist in schöner Erinnerung. Doch Paolo Prescher hat von seinem Geburtsort im Norden Italiens, den er als beengend und deprimierend empfindet, die Nase ebenso voll wie von seiner nervigen Mutter und seiner verlogenen Schwester. Kaum mit der Schule fertig, packt er seinen Rucksack und setzt sich ab nach Berlin. Prescher ist die Hauptfigur in Maddalena Fingerles Debütroman “Muttersprache”.

Die Muttersprache des jungen Mannes ist Italienisch, die Mehrheitssprache in der Autonomen Provinz Bozen aber ist Deutsch, dritte Amtssprache ist Ladinisch, eine Variante des Rätoromanischen. Die Deutschen sprechen einen für Paolo unverständlichen Dialekt, und die Italiener sprechen das Italienische falsch aus. Die angebliche Zweisprachigkeit der Südtiroler ist für Paolo nur Fiktion, weil die wenigstens Menschen wirklich zwei Sprachen beherrschen.

Aber nicht nur deshalb wird Sprache für Paolo zur Obsession. Ihn quälen die “dreckigen Wörter”. Das sind für ihn Wörter, die nicht das sagen, was sie sagen sollen. Vor allem seine Mutter ist es, die aus seiner Sicht die Wörter “dreckig” macht. Auf der Suche nach einer Sprache weit von den heimischen Verhältnissen entfernt flieht er also in die deutsche Hauptstadt, wo er Arbeit findet und sein Deutsch vervollkommnet. Er lernt dort die Italienerin Mira kennen, die ihm hilft, die Wörter zu “reinigen”. Als sie von ihm schwanger wird, kehren sie nach Italien zurück. In Bozen holt Paolo sein Wahn wieder ein, und die Geschichte nimmt, so viel sei verraten, kein gutes Ende.

Auch die 1993 geborene Autorin ist eine Italienisch-Muttersprachlerin aus Bozen, ihr Nachname stammt von einem Münchner Urgroßvater. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität München und lebt mit ihrem deutschen Mann im Allgäu. “Muttersprache” ist ihr erster Roman und wurde in Italien mehrfach ausgezeichnet. Er ist keine Abrechnung mit Bozen und Südtirol und auch kein Lobgesang auf Berlin, sondern ein Buch über die Wirkungsmacht der Sprache.

Der Übersetzerin Maria Elisabeth Brunner – auch eine Südtirolerin – gelingt es ausgezeichnet, Fingerles Wortspiele ins Deutsche zu übertragen. Der Roman ist reich an literarischen Anspielungen und Zitaten. Die Namen aller Figuren sind Anagramme, Paolo Prescher etwa steht für “parole sporche” (dreckige Wörter). All das wird in einem Anmerkungsteil erläutert, den Brunner und Fingerle zusammen erstellt haben und der in der italienischen Originalausgabe fehlt.

Von: dpa

Bezirk: Bozen

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2 Monate 5 Tage

Das waren gut investierte 21 Euro!

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