Jugendliche müssen auf das Schau-Vergnügen verzichten

Wien Museum bietet Sex für Geld

Mittwoch, 14. September 2016 | 13:45 Uhr

Jede Wienerin und jeder Wiener hat ihm seine Existenz zu verdanken – nun widmet das Wien Museum dem Thema Sex erstmals eine Ausstellung. Das Thema Fortpflanzung steht dort jedoch nicht im Hauptfokus. Stattdessen werden vor allem die lustvollen, anstößigen und auch verbotenen Seiten des Geschlechtslebens beleuchtet. Apropos Verbot: Jugendliche müssen auf das Schau-Vergnügen verzichten.

Was ihnen entgeht ist eine facettenreiche Beziehungsgeschichte. “Sex in Wien – Lust. Kontrolle. Ungehorsam” erörtert das Verhältnis von Sexualität und Urbanität. Denn es ist ausgerechnet der Ballungsraum, der Freiräume bot bzw. zumindest versprach. Die Anonymität der Großstadt ermöglichte schon früh Auswege aus der sozialen Kontrolle. Außerdem ließen und lassen sich Wünsche einfacher realisieren. Die Chance, Gleichgesinnte oder wenigstens finanziell interessierte Partner zu finden, wächst mit der Einwohnerzahl.

Insgesamt werden in der Ausstellung mehr als 500 Objekte präsentiert. Das Jugendverbot wurde laut einer Sprecherin nach juristischer Beratung verhängt. Der Nachwuchs dürfte es verkraften – denn: Internetverwöhnte Teenager würden vermutlich enttäuscht werden. Explizite Darstellungen des Aktes an sich sind kaum zu finden. Trotzdem wird so mancher Besucher das Wien Museum erleichtert verlassen – froh darüber, dass Aufklärung und sexuelle Revolution schon stattgefunden haben. Die moralische und rechtlichen Schranken waren vor gar nicht allzu langer Zeit nämlich noch weit restriktiver.

Sex mit wechselnden Partnern, in dubiosen Stellungen oder zwischen Menschen gleichen Geschlechts oder verschiedenen “Rassen” wurde von Staat, Kirche oder Wissenschaft über Jahrhunderte geächtet. Die Konsequenzen waren mitunter fatal. Davon zeugt nicht zuletzt der vermutlich einzige im Original erhaltene rosa KZ-Winkel eines homosexuellen Häftlings. Das Exponat ist eine Leihgabe des United States Holocaust Memorial Museums in New York.

Doch sogar Zärtlichkeiten ohne Fremdkontakt waren suspekt, wie ein “Onanieverhinderungsapparat” demonstriert. Auch beim Vergnügen zu zweit konnte man so einiges falsch machen. Wer Lehrbücher konsultierte, konnte darin etwa erfahren, dass der Coitus interruptus Herz, Gehirn und Rückenmark schädigt. Vermutet wird, dass derartige Warnungen ein Ergebnis erfolgreicher Lobbying-Tätigkeit der Verhütungsmittelindustrie waren. Deren Erzeugnissen lieferte man sich lange Zeit vermutlich nicht freiwillig aus, wie frühe Kondom-Modelle vermuten lassen.

Zu erfahren ist weiters, dass die Stadt Sigmund Freuds im frühen 20 Jahrhundert auch eine Welthauptstadt der Porno-Produktion war. Wohl noch immer ein beachtlicher Wirtschaftszweig: die Prostitution, der auch in der Sex-Schau ein großer Abschnitt gewidmet wird. Zahlreiche Orte, an denen die Liebe käuflich ist, wurden fotografisch dokumentiert. Und auch wenn mit “gemütlichem Traumservice” geworben wird – einen gemütlichen Eindruck machen die porträtierten Sexclubs, Saunas und Studios definitiv nicht.

Auch beim Sex im Museum stehen Frauen im Mittelpunkt, meist als spärlich bekleidete Objekte. Trotzdem war und ist die Welt der Erotikproduktion weitgehend von Männern für Männer gemacht, wie in der Schau dargelegt wird. Begehrlichkeiten erwecken dabei nicht immer nur Erwachsene. Der historische Umgang mit Pädophilie erscheint inzwischen jedoch äußerst befremdlich, wie ausgeführt wird. In Wien um 1900 galt die “Kindfrau” so manchen als Ideal.

Den möglichen Folgen der Lust wird im letzten Abschnitt nachgespürt. Hier reicht das Spektrum von Entspannung bis hin zu Schuldgefühlen oder gar Infektionen. Auch die Entstehung von Leben ist ein mögliches Resultat. Dass dieses nicht immer nur erwünscht ist, wird anhand der kontrovers geführten Debatte rund um Abtreibung und Fristenlösung erläutert.

Museumsdirektor Matti Bunzl skizzierte das Motiv dafür, sich derart ausführlich der Geschichte der Sexualität in der Bundeshauptstadt anzunehmen: “Es ist ein Versuch, das neue Wissen zu popularisieren.” Denn längst sei das Thema Gegenstand der Forschung – die den “Elfenbeinturm der Akademie” aber noch zu selten verlasse, wie er befand.

Von: apa

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