Klaus Brömmelmeier und Peter Knaack in "In Ewigkeit Ameisen"

Witziges Requiem: “In Ewigkeit Ameisen” im Akademietheater

Samstag, 23. März 2019 | 11:20 Uhr

Das Ende der Menschheit ist blau. Die Engel, die mit flammendem Schwert und Posaune das Jüngste Gericht anbrechen lassen, tragen blaue Overalls. Der finale Atomkrieg taucht die Erde in blaues Licht. Überleben wird nur die blaue Riesenameise. “In Ewigkeit Ameisen” erwies sich bei der gestrigen Uraufführung im Akademietheater als fröhliche Apokalypse, als witziges Requiem. Dystopie mit Pointe.

Der deutsche Autor Wolfram Lotz nimmt sich beim Schreiben größtmögliche “Autonomie von der Welt”, und auch sein dramatisches Ideal ist das eines “unmöglichen Theaters”, das sich über vermeintliche Bühnengesetze und Sehgewohnheiten hinwegsetzt. Regisseur Jan Bosse, zuletzt für den großen Erfolg der Dramatisierung von Thomas Melles’ “Die Welt im Rücken” verantwortlich, hat ihn beim Wort genommen.

Sein 95-minütiger Abend, der bei der Premiere ausgiebig bejubelt wurde, ist ein autonomes Bühnenkunststück. Es behandelt große Themen, indem es kleine, scharf umrissene Situationen schafft. Realismus kommt dabei nur als Echo einer längst vergangenen Zeit vor. Hier wird Wirklichkeit nicht nachgebildet, sondern geschaffen – und weil die Diskrepanz zwischen dem Bedeutungsanspruch und den Herstellungsbedingungen des Theaters mitunter lächerlich wirkt, darf auch ausgiebig und befreiend gelacht werden.

Das Stück hat sich Bosse gemeinsam mit seiner Dramaturgin Gabriella Bußacker und dem Ensemble erst selbst gezimmert. Er hat die beiden thematisch ähnlichen Lotz-Hörspiele “In Ewigkeit Ameisen” und “Das Ende von Iflingen” aus dem Jahr 2009 miteinander verschränkt und verbindet die beiden Handlungsstränge nicht nur durch einen gemeinsamen Raum, sondern durch wiederholten Rollenwechsel.

Klaus Brömmelmeier, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Christiane von Poelnitz wechseln ständig zwischen dem blutrünstigen Erzengel Michael und seinem tollpatschigen Gehilfen Engel Ludwig, dem meist im Rollstuhl sitzenden Ameisenforscher Schneling-Göbelitz und seinem Assistenten Müller. Nur Aenne Schwarz ist ausschließlich auf Tiere abonniert: ein Igel, ein Mauersegler, ein Schwein und schließlich eine Ameise – allesamt originelle Darstellungen abseits des Naturalismus.

Stephane Laimé hat als Schauplatz einen mit Wänden aus weichen, schallschluckenden Paneelen gebildeten Raum geschaffen, der an ein Tonstudio erinnert, aber viel mehr kann, als es zunächst den Anschein hat. Die Engel schweben bei ihrem ersten Auftritt vom Schnürboden herab, die Forscher kommen aus der Tiefe. In den Wänden öffnen sich Nischen und Durchschlüpfe.

Dank der Suggestivkraft der Schauspieler entsteht in der Fantasie der Zuschauer nach- und nebeneinander der kleine Schwarzwälder Ort Iflingen, dessen Bewohner gerichtet werden sollen, dummerweise aber allesamt nicht zu Hause sind, und ein ferner Urwald, in den übers Radio Meldungen eines die Menschheit in wenigen Stunden komplett auslöschenden globalen Atomkriegs dringen. Das nahe Ende lässt den schrulligen Biologen keineswegs verzweifeln: Mit der Entdeckung der berühmten blauen Ameise will er sich noch rasch unsterblich machen. Im Ascheregen findet ein Wettlauf mit dem Tod statt, der seine skurrilen, seine humoresken, aber auch seine berührenden Momente hat.

Erstaunlich: Diesem heiteren Theaterabend gelingt spielend eine todernste Auseinandersetzung mit der Hybris des Menschen. Das “unmögliche Theater” scheint die richtige Antwort im Umgang mit dieser unmöglichen Welt gefunden zu haben.

Von: apa