Komponistin Manuela Kerer nahm sich der Südtiroler Frontsoldatin an

Zwiespältige Kriegsheldin: “Toteis”-Oper in Wien uraufgeführt

Mittwoch, 16. September 2020 | 08:20 Uhr

Eigentlich hätte er eine Oper über Luis Trenker im Sinn gehabt, gibt Matthias Losek, Ex-Chef von Wien Modern und nun Direktor der Stiftung Haydn von Bozen und Trient, zu. Dann sei er auf die Geschichte der Südtiroler Frontsoldatin Viktoria Savs gestoßen. Das daraufhin entstandene Auftragswerk “Toteis” von Manuela Kerer und Martin Plattner wurde am Dienstag im Wiener Theater Akzent uraufgeführt.

Eigentlich hätte die Uraufführung ja am 13. März in Bozen stattfinden sollen. Vorher stoppte aber Corona alles. Deswegen gibt es nun eine eigens für Wien geschaffene reduzierte Orchesterfassung, die Uraufführung in der großen Orchesterbesetzung soll dann – so es die Umstände erlauben – im März 2021 erfolgen. Und erneut ist die Neue Oper Wien mit dabei, wenn es gilt, das Genre Musiktheater zu pflegen und als zeitgenössische Kunstform zu beweisen – eine Lebendigkeit, die mit “Toteis” eindrucksvoll unterstrichen wurde.

Der Begriff Toteis bezeichnet Gletschereis, das sich vom aktiven Gletscher losgelöst hat. In der Oper der 1980 in Brixen geborenen Komponistin Manuela Kerer ist damit auch das Bein gemeint, das Savs 1917 an der Dolomiten-Front amputiert werden muss, aber ebenso die Gefühlskälte der zwiespältigen Persönlichkeit, die sich nach ihrer Verletzung gerne als Heldin feiern lässt – auch unter fragwürdigen politischen Umständen. Das Libretto von Martin Plattner setzt genau bei diesem zweifelhaften Nachruhm an, stellt eine Veteranenfeier 50 Jahre danach ins Zentrum und konfrontiert die “Kriegsheldin” einerseits mit übersteigerten und Gewalt nicht scheuenden Männlichkeitsidealen, andererseits mit ihrem damaligen jugendlichen Ich.

Es liegt auf der Hand, dass Kerer bei der musikalischen Umsetzung dieser Geschichte vor allem auf Dissonanzen setzt. Melodiös ist da kaum etwas. Was aus dem Orchestergraben (die musikalische Leitung hat Walter Kobera) kommt, hört sich meist kratzbürstig und rau an, brüchig und irritierend. Die Natur findet hier ebenso ihr Echo wie Schlachtengeräusche, Marschmusik, das Kinderlied “Maikäfer flieg” oder traditionell Heimatliches. Zweimal hat ein Schuhplattler (Christian Balzama) seinen gespenstischen Auftritt, einmal energisch-martialisch und einmal in Zeitlupe.

Isabel Seebacher bekommt als Viktoria so manche Chance, sich stimmlich zu bewähren, auch die übrigen Solisten sind durchaus gefordert und meistern ihre nicht eben leichten Parts anstandslos. Für den Chor hat sich Regisseurin Mirella Weingarten, die auch die stimmige, in Wellen nach oben ansteigende Bühne entworfen hat, die als blutige Gletscherstufen interpretiert werden kann, etwas Besonderes einfallen lassen: Jedes Chormitglied trägt rechts und links eine lebensgroße Stoffpuppe mit sich, sodass der Chor glatt verdreifacht wirkt. Eine nicht nur für Coronazeiten schlaue Lösung.

Beim kräftigen Schlussapplaus nach 85 Minuten weiß man zwar noch immer nicht schlüssig, ob Savs Bein tatsächlich durch Feindbeschuss verletzt, bei einem Felssturz zertrümmert oder gar von ihr selbst zerschossen wurde, man weiß aber, dass die Abgründe des vermeintlichen Heldentums ein hervorragendes Opernsujet abgeben. Das könnte natürlich auch für Luis Trenker gelten. “Schaun mer mal…”, meint Losek dazu. “Und wenn, dann gerne auch wieder mit der Neuen Oper Wien.”

(S E R V I C E – “Toteis”, Oper von Manuela Kerer (Komposition) und Martin Plattner (Libretto), Musikalische Leitung: Walter Kobera, Inszenierung und Bühne: Mirella Weingarten, Kostüme: Julia Müer, Klangregie: Christina Bauer. Mit: Isabel Seebacher – Viktoria, Verena Gunz – Karola / Vikerl, Alexander Kaimbacher – Luis / Peter, Bernhard Landauer – Hansl, Klemens Sander – Eugen, Wiener Kammerchor und amadeus ensemble-wien; Koproduktion der Stiftung Haydn von Bozen und Trient, der Neuen Oper Wien und der Vereinigten Bühnen Bozen, Theater Akzent, Wien, Weitere Vorstellungen am 17. und 19. September, Tickets über neueoperwien.at/tickets, ticket@neueoperwien.at oder unter 0699 / 107 45 907, www.neueoperwien.at)

Von: apa

Bezirk: Bozen, Eisacktal

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz