Dystopisch, düster, aber gar nicht so unrealistisch

“144000”: Cornelia de Pablos mit dystopischem Erstlingswerk

Dienstag, 19. Januar 2021 | 04:56 Uhr

Mit “144000. Die Versiegelten” hat die Münchner Schauspielerin Cornelia de Pablos ihren Debütroman abgeliefert. Ihr literarischer Erstling ist eine sogenannte Dystopie, eine in der Zukunft spielende Geschichte – in einer Zukunft, in der sich die Geschicke der Welt völlig anders darstellen als heutzutage, zumindest auf den ersten Blick. Denn anders als in den bekanntesten Vorgängerwerken dieses Genres lassen sich hier schon Anspielungen auf aktuelle Geschehnisse herauslesen.

Waren etwa die diesbezüglichen Werke von George Orwell und Aldous Huxley gedanklich radikal gesponnene Utopien, so können sich Leser und Leserinnen von De Pablos’ im Dachbuch Verlag erschienenen Buch phasenweise an die gegenwärtige, von Pandemie und Klimawandel geplagte Welt, in der noch dazu dubiose politische Führungspersönlichkeiten ihr Unwesen treiben, erinnert fühlen. Während wir uns aber gerade in einem – sich hoffentlich doch noch zum Guten wendenden – Prozess befinden, ist die Situation auf dem Erdball in “144000” schon äußerst dramatisch: Sechs von sieben prophezeiten Katastrophen sind bereits eingetreten, das Ende der Menschheit schwebt wie ein Damoklesschwert über derselben.

Die Grundsituation: Krieg und Umweltzerstörung haben weite Teile der Welt bereits in Trümmer gelegt. Es gibt eine globale Regierung, die mit den Mächtigen der Kirche im Streit um die Weltherrschaft steht. Dem totalen Überwachungswahn können sich einige Menschen entziehen, indem sie im Untergrund leben – mit Begleiterscheinungen wie Armut, Diebstahl, Gang-Rivalität und Drogensucht. Was diese Menschen – unter ihnen die Roman-Hauptfigur Jo – im Gegensatz zu den offiziellen Bürgern nicht haben, ist der Chip, mit dem die Menschen auf Schritt und Tritt von der Obrigkeit überwacht werden. Das – gerade heutzutage von Verschwörungstheoretikern so gern heraufbeschworene – Kontrollinstrument wird den Bewohnern unter die Haut gepflanzt, einige “U-Boote” haben ihn sich selbst herausgerissen und werden nun an der betreffenden Stelle von Narben verraten.

Wohin steuert nun diese so gebeutelte Welt, in welcher Hochhäuser aufgrund von Zerstörung viel von ihrer einstigen Höhe eingebüßt haben und kaum mehr Elektrizität vorhanden ist? “Die Welt lag im Dunkeln. Globaler Blackout. Straßenbahnen, U-Bahnen, Züge, nichts fuhr mehr”, heißt es etwa im Text. “Die Regierung gab kein Geld mehr für den Wiederaufbau aus. Es war hoffnungslos. Einzig das Reichenghetto wurde weiter versorgt und aufgerüstet.” Dieser Blick in die Zukunft könnte auch als einer in die Vergangenheit gedeutet werden, skizziert er doch ähnliche Verteilungs-Zustände wie in einstigen totalitären Regimen.

Neben den wenigen Reichen sind auch kirchliche Gruppen eine sehr mächtige Schicht innerhalb dieser konfusen Weltbevölkerung. Schließlich liegt es auch am Kirchenoberhaupt, für einen Hoffnungsschimmer zu sorgen: Jesus soll zurück auf die Erde kommen und von deren Bevölkerung 144.000 Versiegelte auswählen, die mit ihm in den Himmel auffahren und gerettet werden. Nun wird die Rolle der jugendlichen Outlaws, unter ihnen Jo, so richtig spannend. Schaffen einige aus dieser Clique die rettende Zugehörigkeit zu den “Versiegelten”?

Die Autorin, die nach einer 2010 begonnenen Ausbildung zur Gewaltpräventionstrainerin nun Selbstverteidigungskurse für Kinder gibt, hat mit “144000” einen gelungenen Stilmix aus Dystopie, Coming-of-Age, Fantasy und Science-Fiction hingelegt, der wie schon angedeutet auch den Zahn der Zeit trifft. Lesen und Nachdenken! Zum Beispiel darüber, wie viele Katastrophen unsere gegenwärtige Welt schon hinter sich hat und wie viele sie noch verträgt.

Cornelia de Pablos: “144000. Die Versiegelten”; Dachbuch-Verlag, 377 Seiten, 16,90 Euro, E-Book 12,99 Euro)

Von: apa