Bäumer glänzt in ihrer Rolle als Romy Schneider

68. Berlinale: Unterschiedliches Niveau, verschiedene Themen

Donnerstag, 22. Februar 2018 | 10:53 Uhr

Zur Mitte des Wettbewerbs bei den 68. Berliner Filmfestspielen haben sich nach einem etwas schwerfälligen Beginn doch einige Streifen mit Chance auf die Auszeichnung eines Bären in Stellung gebracht. Insbesondere, wenn es um die beste weibliche Darstellerin geht, könnte es ein Gedränge geben.

Es gibt Berlinalen, die durch eine Häufung von Gemeinsamkeiten im Wettbewerb auffallen. Da wurde einmal in den Beiträgen besonders viel geraucht, ein andermal besonders viel geflucht. Diesmal fällt auf, wie keusch sich diese 68. Berlinale gibt. In lediglich fünf von bisher 17 gezeigten Filmen kommen Sex-Szenen vor. Anderes scheint diesmal wichtiger, und das ist häufig das existenzielle Ringen mit dem eigenen Leben.

Am Auffälligsten tritt der Sex noch im schwedischen Beitrag “Real Estate” auf, als sich eine 70-Jährige ohne größere Umstände einem One-Night-Stand hingibt. Sie hat soeben ein Haus in Stockholm geerbt, bekommt aber damit so viel Ärger, dass sie schließlich zur Selbstjustiz schreitet. Allerdings stört nicht nur die Häufung extremer Nahaufnahmen, auch der Schluss lässt den Zuschauer unbefriedigt zurück.

Drei Filme spielen historische Ereignisse nach: “Utoya 22. Juli” erinnert an das Attentat eines norwegischen Rechtsextremisten auf ein Jugendcamp auf einer Insel vor Oslo im Jahr 2011. Beklemmend werden dabei nicht nur das Ausgeliefertsein und die Unmöglichkeit des Entrinnens dargestellt, der Angriff wird zudem in Echtzeit von der Kamera ohne einzigen Schnitt nachgestellt. Dabei sticht die junge Hauptdarstellerin besonders hervor.

Eine andere Schauspielerin, die in ihrer Rolle aufgeht, gleichsam mit der Figur verschmilzt, ist Marie Bäumer als Romy Schneider in der deutsch-österreichisch-französischen Co-Produktion “3 Tage in Quiberon”. Während dieser drei Tage lässt Romy Schneider in einem Interview für den “Stern” so offen in ihr Inneres blicken wie kaum zuvor. Das Dokumentarhafte der Schwarz-Weiß-Produktion gibt ihr etwas Authentisches und entfernt sie gefühlsmäßig vom Spielfilm.

Außer Konkurrenz wurde “7 Tage in Entebbe” gezeigt, ein Film über die Flugzeugentführung durch deutsche und palästinensische Terroristen 1976 nach Uganda und die Geiselbefreiung durch eine israelische Militäraktion. Geschickt springt der Film zwischen den einzelnen Spielorten hin und her, zeigt einen zaudernden Regierungschef Yitzhak Rabin und einen wenig sympathisch gezeichneten, verschlagenen Verteidigungsminister Shimon Peres.

Vor zwei Jahren war der philippinische Regisseur Lav Diaz mit einem achtstündigen Beitrag im Wettbewerb vertreten gewesen, dieses Mal ist sein Film, der die grausame Marcos-Ära in seiner Heimat behandelt, nur die Hälfte so lang, aber immer noch der längste Streifen dieses Berlinale-Wettbewerbs. Er sticht als Kunstfilm heraus, wurde in Schwarz-Weiß gedreht, die Protagonisten sprechen nicht, sondern singen. Bei der Kritik fand der Film großen Anklang.

So lang wie sein Titel “Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot” ist die deutsch-französisch-schweizerische Co-Produktion dieses Namens, die Coming-of-Age-Geschichte eines deutschen Zwillingspaares, über der drei Stunden lang die Aura von Inzest hängt. Die beiden lernen für die anstehende Philosophie-Matura des Mädchens in einem Feld nahe einer Tankstelle. “Das ist alles meine Zeit”, philosophiert Bruder Robert einmal. Das dürften sich auch zahlreiche Zuschauer gedacht haben, die noch während des Films den Saal verließen. Die anderen dämmerten dahin oder husteten, bis zum wenig erhellenden Ende.

Auch der US-amerikanische Beitrag “Don ́t Worry, He Won ́t Get Far on Foot” entspricht vom Titel her seiner Länge: zwei Stunden. Auch wenn es um die tatsächliche Geschichte des Cartoonisten John Callahan geht, verdrießt die Fülle an guten Botschaften, wie man sie aus Amerika kennt. Über das Schicksal eines Alkoholikers, der nach einem Unfall querschnittgelähmt bleibt und Cartoons zu zeichnen beginnt, wird die altbekannte amerikanische Überzeugung transportiert: Wenn du hart an dir arbeitest, meisterst du auch das schlimmste Schicksal und wirst zu einem guten Menschen. Was dieses Gute-Ratschläge-Movie für ein besseres Leben aber übergeht, ist die Tatsache, dass sich der reale John Callahan mit 59 Jahren umgebracht hat. Völlig ironiefrei praktiziert der Film anhand seines Protagonisten die Läuterung in zwölf Schritten, begleitet von vielen Tränen und dickem Streicher-Klangteppich.

Die iranische Komödie “Pig” hingegen hat zumindest schon einmal viel Wortwitz in den Dialogen, aber auch ein ernstes Fundament. Ein unbekannter Mörder bringt iranische Filmemacher um, indem er ihnen die Köpfe abschneidet. Nur der mit Drehverbot belegte Hasan gerät nicht in Gefahr, dafür aber in Verdacht. Was ihn beides maßlos erbost und zu einer Maßnahme greifen lässt, die im letzten sich aber nicht gänzlich erschließt.

Der aus den USA kommende Streifen “Unsane” von Steven Soderbergh verhandelt – außer Konkurrenz antretend – eine aus Psychothrillern nicht unbekannte Konstellation: Eine junge Frau wird gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Anstalt festgehalten, und obendrein hat sich dort ihr langjähriger Stalker als Pfleger eingeschlichen. Handwerklich sauber gemachte Spannung für den Abend auf der Couch, mehr nicht.

Von: apa