"Alles ist erlaubt" erscheint am Freitag

Abschied von Musikinstitution EAV: “Die Leute werden weinen”

Dienstag, 25. September 2018 | 15:16 Uhr

Ihre Songs sind nationales Kulturgut: Die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) hat mit ihrem zwischen eingängigem Pop und bösem Witz changierenden Sound etliche Hits abgeliefert. Nach vier Jahrzehnten soll nun Schluss ein, veröffentlicht die Band um Sänger Klaus Eberhartinger und Kreativkopf Thomas Spitzer am Freitag doch ihr letztes Album “Alles ist erlaubt”.

Die Platte wird am Dienstag Abend in Wien präsentiert. Darauf zeigt man sich wie eh und je kritisch in gesellschaftspolitischen Dingen, schreckt aber auch nicht vor einem Seitenhieb auf vegane Esskultur zurück. Mit der APA sprachen Eberhartinger und Spitzer über die für 2019 angesetzte Abschiedstour, neue Lieblingslieder und den politischen Zustand der Welt.

APA: Was hat für Sie nun den Ausschlag gegeben zu sagen: Einmal noch, und dann ist’s gut?

Klaus Eberhartinger: Na ja, 40 Jahre sind eine lange Zeit. Irgendwann musst du ein bisschen perspektivisch denken: Was kommt jetzt noch? Die letzten zwei Alben waren für Thomas als Autor schon sehr schwierig, sich noch einmal zu motivieren – noch dazu wo er auch zeichnet und malt. Ich mache ja auch andere Sachen. Also haben wir gesagt: EAV ist ein Projekt, da rauft man sich wieder zusammen. Aber was macht man nun, bevor man tingeln anfängt, bis die Urne begraben wird, aus der dann auch noch irgendein Ton entfleucht? (lacht) Dann hört man mit Würde auf, so lange es noch geht und leiwand ist. Die Tour ist ja auch gut verkauft, die Leute wollen es also noch. Es ginge also schon noch. Aber wir treten lachenden Auges ab, und die Leute werden weinen.

Thomas Spitzer: Es ist auch eine Energiefrage. Es muss ja ein Leben nach der EAV geben. Die Idee ist dabei nicht ganz so neu, wir überlegen schon seit zehn Jahren. Eigentlich haben wir zu jedem Thema, das diese Erde quält, unsere Meldungen abgegeben. Vor allem gibt es noch ein paar Abenteuer, wo wir noch Energie brauchen. Vielleicht hätten wir auch schon früher aufhören können, aber jetzt ist ein ganz guter Zeitpunkt.

Eberhartinger: EAV ist ja auch ein Korsett. Thomas hat irrsinnig viele Nummern liegen, die nicht auf ein EAV-Album passen. Ich möchte vielleicht medial ein paar Sachen machen. Als Eberhartinger und Spitzer treten wir ja nicht ab, aber das Projekt EAV beenden wir. Ganz sterben lassen wir es aber nicht, es wird auch weiterleben als Legende. Wir haben tolles Feedback bekommen von Leuten, die als Kinder unsere Sachen gehört haben und später bei Konzerten gemerkt haben, dass doch immer ein doppelter Boden da ist.

Spitzer: Die Kurzformel von vielen war: Als Kinder mochten wir euch, zehn Jahre später haben wir euch verstanden. Trotzdem haben wir noch ein durchaus junges Publikum, das gar nicht so heiß ist auf “Küss die Hand…” und Co. Das ist vielleicht ein später Ritterschlag, wenn man über Jahrzehnte ein bisschen zu Unrecht als Blödel-Combo verkauft worden ist.

Eberhartinger: Aber wir genieren uns nicht für die Hits! Die haben auch ihre Berechtigung gehabt und machen Spaß auf der Bühne.

Spitzer: Wir werden jedenfalls eine gesunde Mischung auf der Abschiedstour machen.

APA: Wenn man vorher weiß, dass man am letzten Album arbeitet, verspürt man dann besonderen Druck?

Spitzer: Eigentlich Entspannung. Man kann nämlich Dinge machen, die man vorher nicht gemacht hat. So haben wir einige sehr nachdenkliche, lyrische Lieder. Und von meiner persönlichen Retrospektive, der “Coolen alten Sau”, möchte ich da gar nicht reden. (lacht) Man traut sich eigentlich mehr, weshalb es sehr entspannt war. Wir sind auch politisch sehr deutlich mit klarer Sprache, gehen aber auch über Schranken, was das Korsett betrifft, das der EAV auferlegt wurde. Es ist ein Album, das uns beiden gut gefällt.

Eberhartinger: Wie der Titel sagt, “Alles ist erlaubt”. Es ist dir ja nicht wurscht, aber was dir wurscht wird: Was irgendwer dazu sagen könnte. Uns muss es passen, uns muss es genügen, das reicht!

APA: Gibt es eine spezielle Nummer, die Ihnen besonders viel Spaß gemacht hat?

Spitzer: Kommen wir gleich zur Schwierigsten: Mein Lieblingslied war von Anfang an das jetzt von Lemo gesungene “Gegen den Wind” – auch ein Novum, dass ein Sänger der jüngeren Generation ein Lied der EAV singt. Da haben wir uns die Zähne ausgebissen. Zehn Varianten haben wir gemacht, und keine hat uns gefallen – bis ich die Stimme von Lemo gehört habe. Jeder kennt Cervantes’ “Don Quijote”, gemäß dem Motto: Ich höre nie auf, meinen Träumen zu folgen. Mit offenem Herzen für eine, wenn man so will, liebeserfülltere Welt. Und wo ist der Gag? Den gibt es nicht, wie bei einigen Nummern. In dieser Welt gibt es ja nichts mehr zu überzeichnen, jeder Politiker ist eine Karikatur, die ich nicht mehr erhöhen kann.

Eberhartinger: Lieblingslieder sind für mich immer die letzten, etwa “Rechts Zwo Drei”, weil es sehr gut die Zeit widerspiegelt. Auch da ist kein Gag drauf. Es gibt ja zwei Maximen, die sich die EAV immer auf die Fahne geschrieben hat: Unterhaltung mit Haltung und Kraft durch Bosheit. Das haben wir eigentlich auch immer durchgezogen. Und der Titel “Alles ist erlaubt” ist ja eine Zustandsbeschreibung der weltpolitischen Situation. Es ist Unglaubliches erlaubt – Sachen die vor zehn, 15 Jahren undenkbar, unsagbar gewesen wären, werden heute so gesagt, angedacht und auch gemacht. Ein Trump wäre vor 15 Jahren, behaupte ich, nicht möglich gewesen. Aber man gewöhnt sich an so Sachen, etwa an Putin oder Erdogan. Das Pendel schwingt gerade nach rechts, rechts rückt in die Mitte und zieht natürlich den extrem rechten Rand mit hinein. Das Pendel wird auch wieder woanders hinschwingen.

APA: Sie haben im Laufe Ihrer Karriere immer wieder angeeckt. Ist das immer noch so?

Klaus Eberhartinger: Shitstorms von rechts sind wir ja gewöhnt, da hat man auch schon eine dickere Haut. Die Wetterseite. (lacht) Aber mit dem “Salatisten-Mambo” gibt es jetzt ein bisschen einen Shitstorm von der Veganer-Seite. Das ist ja nicht nur Ernährung. Jene Veganer, die wir in der Crew haben, sind politisch nicht nur unglaublich korrekt, sondern beinahe radikal. Aber da juckt’s natürlich, mit der flachen Hand ein bisschen in die zwar vegane, aber doch Scheiße, in den Fladen zu hauen.

Thomas Spitzer: Aber ja, wir ecken natürlich bei rechteren Leuten an. Wenn man da überlegt, was zurückkommt – Stichwort: Vaterlandsverräter. Es gehört einfach die Dialogkultur wieder über die Gürtellinie gehoben. Es gibt keine Grenzen mehr in der Beschimpfung. Da ist nicht nur die Politik gefragt, die diese Verrohung auch vorexerziert, sondern jeder einzelne. Zusammensetzen, reden, nachdenken – das sind Dinge, die ich mir für die Zukunft wünsche. Und zum Glück gibt es bei den jungen Kollegen in diesem schönen Land einige, die wieder nachdenken und Inhalte in ihre Arbeit bringen.

Eberhartinger: Du kannst die Welt von einer Bühne herunter oder mit einem Album nicht verbessern. Aber du musst es probieren! Es geht auch um einen Vorbildcharakter, damit sich die Leute, die in diese Richtung arbeiten, nicht so alleine fühlen. Aber warten darauf, dass alle Leute sich ein Wertesystem zulegen, das anständig ist, das wird es nicht spielen. Man muss rote Linien ziehen, und die gehören auch auf dem freien Feld des Internet gezogen. Hass oder Diskriminierung gehört reglementiert. Was unter diesem Tarnmantel der Anonymität aufbricht…

Spitzer: Gleichzeitig hat es geheißen, wenn wir auf den letzten Alben Kritik an Islamisten oder Fundamentalisten anderer Religionen angebracht haben, dass man das nicht darf. Aber ganz ehrlich: Es gibt verfassungsfeindliche Dinge, es gibt unsere Gesetze, danach muss sich jeder, der hier leben möchte, richten. Das müssen auch meine lieben Freunde von der ganz linken Seite einsehen.

Eberhartinger: Weder die ganz linke, noch die ganz rechte Position kann sich der Kritik entziehen. Beide fühlen sich ja dogmatisch im Recht. Aber die Wahrheit liegt eher im Kompromiss. Man kann auch nicht alles, was sich in Chemnitz oder bei Pegida bewegt, in den rechtsradikalen Bereich hauen – die nützen das aus! Das ist wie ein Stückchen Scheiße, zu dem es alle Fliegen hinzieht. Die schüren den Hass, das machen die Islamisten genauso – und haben die Katholiken auch sehr lange gemacht. Das, was eine Gesellschaft nachhaltig nach vorne bringt, was sie zusammenbringt, das hat Sinn. Alles andere muss überdacht werden. Und ganz ehrlich: Die Migration war ja ein Geschenk. Die AfD wäre ja sonst nie dort, wo sie jetzt ist. Die müssen Hinterzimmer haben, wo sie zu den Flüchtlingen beten, und auf der anderen Seite sagen: Gott erhalte uns die Trotteln, also die Wähler, die das glauben. Sündenböcke haben immer funktioniert. Gleichzeitig kommt wieder der Nationalismus. Nach 70 Jahren haben wir vergessen, dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist.

APA: Aber sehen Sie, dass das Pendel in nächster Zeit wieder in die andere Richtung ausschlägt?

Eberhartinger: Nein, in nächster Zeit nicht. Du musst ja auch Politik machen. Ich halte Merkel nicht für eine linksliberale Politikerin, aber sie ist immer noch ein Garant, dass das halbwegs ohne Katastrophen zu schaffen ist. Denn ich sehe sonst niemanden. Das ganze Projekt Europa ist im Strudel.

Spitzer: Wäre ich ein Zyniker, würde ich sagen: Ich mache noch 20 Jahre weiter und hinter mir die Sintflut. Schwierig wird es sicherlich für die jüngeren Generationen, weil es da eine Perspektivlosigkeit gibt, die wir in unserer kämpferischen Jugend nicht so gesehen haben.

Eberhartinger: Aber die 20 Jahren haben wir nicht mehr. Alleine, was die Klimakatastrophe betrifft. Hört man auf die glaubwürdigen Wissenschafter, dann ist die Beschleunigung des Raubbaus an der Natur so fortgeschritten, dass wir nur noch drei bis vier Jahre zum “Point of No Return” haben. Dann wird es wirklich teuer.

Spitzer: Mir würden jedenfalls die Ideen nicht ausgehen. Wir werden uns daher auch weiterhin Gedanken machen, abseits der altehrwürdigen EAV. Vielleicht gibt es ja ein Theaterstück oder ein Kabarettprojekt, wo der Klaus und ich uns noch mal freundschaftlich und inhaltlich treffen und streiten werden.

Eberhartinger: Daher müssen wir auf die Frage, was wir uns von der Zukunft erhoffen, antworten: Hoffentlich, dass sie noch vor uns liegt. (lacht)

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

Von: apa

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