Adele Haenel und Filmpartner Lars Eidinger

Adele Haenel: “Schauspielerei ist immer auch Kampfsport”

Dienstag, 10. Januar 2017 | 14:18 Uhr

Adele Haenel steht auf und tritt hinter den Stuhl, so fühlt sie sich wohler. “Ich bin ein bisschen beeindruckt”, so die Schauspielerin. “Ich bin es nicht gewohnt, auf der Bühne Deutsch zu sprechen.” Für den Film “Die Blumen von gestern”, der am Montag im Gartenbaukino Premiere feierte, lernte die Französin Deutsch, was herausfordernd und emotional zugleich war, wie sie zuvor im Interview erzählte.

Seit ihrem Durchbruch in Céline Sciammas Regiedebüt “Water Lilies” vor zehn Jahren zählt Haenel zu den gefragtesten Jungschauspielerinnen des französischen Kinos. Viermal wurde sie für den César nominiert, zweimal hat sie ihn bereits gewonnen – 2014 für ihre Nebenrolle im Familiendrama “Die unerschütterliche Liebe der Suzanne”, 2015 für ihre Hauptrolle in der Survival-Komödie “Liebe auf den ersten Schlag”. In den österreichischen Kinos ist die 28-Jährige demnächst in sehr unterschiedlichen Rollen zu sehen: als von Schuldgefühlen geplagte, zurückhaltende Hausärztin Jenny Davin in “Das unbekannte Mädchen” (ab 10. Februar) und als impulsive, schwer gestörte Historikerin Zazie Lindeau in “Die Blumen von gestern” (ab Freitag).

Die deutsch-österreichisch koproduzierte Tragikomödie von Regisseur Chris Kraus (“Poll”) war Haenels erster Film in fremder Sprache und bot zugleich die Gelegenheit, ihre eigenen Wurzeln zu erforschen. Ihr Vater, ein Übersetzer, kommt aus Graz, wo sie früher viel Zeit verbracht hat. “Als ich Chris getroffen habe, konnte ich weder Deutsch noch Englisch. Er musste mir also vertrauen”, sagt Haenel, die sich daraufhin in Paris eine Privatlehrerin nahm und ein paar Wochen bei Freunden in Dresden lebte, der APA. “Ich mag es, etwas neu oder wieder zu lernen. Ich habe erwartet, dass es wie bei Latein oder Mathematik wird – etwas, um sein Gehirn zu trainieren. Ich hätte nie gedacht, dass es so emotional wird.”

Interviews auf Deutsch würden nun Erinnerungen an die Dreharbeiten wachrufen. “Es ist komisch, was es mit der Seele macht, Ausländer zu sein”, meint Haenel. “Selbst wenn du alles gut verstehst und dich ausdrücken kannst, schweigst du am meisten, weil du dich zurückhältst. Da verändert sich deine Persönlichkeit.” Dementsprechend zerbrechlich, aber auch offen für Neues habe sie sich bei der Arbeit gefühlt. Sich die Muttersprache ihres Vaters anzueignen, habe ihr gezeigt, “dass ich auch eine österreichische Seele habe. Dabei dachte ich immer, dass ich voll und ganz Französin bin.”

Nahe geht ihr nicht zuletzt das Thema des Films, der mit Mitteln der romantischen Komödie vom heutigen Umgang mit den NS-Gräueltaten erzählt. Als jüdische Enkelin eines Holocaust-Opfers verliebt sich Zazie in Totila Blumen (Lars Eidinger), Spross einer Nazi-Täterfamilie und – wie sie – Holocaustforscher. Die Vergangenheit belastet nicht nur die Figuren, sondern ist auch in einer in Wien gedrehten Szene sichtbar, als Burschenschafter am Fuße des Flakturms im Augarten deutsch-nationales Liedgut anstimmen. “Mein Vater ist 1966 aus Österreich weggerannt, eben weil diese Vergangenheit hier noch so gedampft hat”, sagt Haenel. “Die Art, wie Thomas Bernhard in dieser Hinsicht nicht gerade sanft mit Österreich umgegangen ist, mag ich sehr.”

Dass Zazie den Kontakt zu jemandem sucht, dessen Familie ihrer eigenen großes Leid angetan hat, könne sie verstehen. Belehren wolle sie aber nicht. “Ich denke, es ist nicht die Aufgabe des Künstlers, zu sagen, was andere Leute tun sollen. Was zählt, ist, ehrlich zu sein in der eigenen Zerbrechlichkeit.” Jedes Projekt stelle für sie eine “konkrete Frage” dar, die ihr bis zum Drehbeginn im Kopf herumschwirrt. “Für mich sind alle Rollen Steine auf meinem künstlerischen Weg”, so Haenel. “Sie korrespondieren miteinander, beantworten aber nicht dieselbe Frage.” Der Kern von “Die Blumen von gestern” sei “Zerbrechlichkeit – und absolute Liebe”. “Am Ende geht es um die Begegnung zwischen zwei zerstörerischen Menschen und ihren Gefühlen, die größer sind als sie.”

Die Liebe zwischen den in Temperament unterschiedlichen, durch Traumata verbundenen Charakteren habe “sehr viel damit zu tun”, dass sich Haenel und ihr Co-Darsteller, der deutsche Film- und Theaterstar Lars Eidinger, so gut verstanden haben. Sein Gefühl, in ihr sein “weibliches Pendant gefunden” zu haben, teilt sie. “Es war die beste Erfahrung, die ich je hatte. Was ich an ihm so mag, ist: Er will alles erfinden. Es ist, als würden wir wandern und währenddessen erfinden wir den Weg.” Haenel hat Eidinger vor den Dreharbeiten in Berlin und Avignon auf der Theaterbühne gesehen und sein Spiel – so formulierte es Eidinger gegenüber der APA – als Herausforderung begriffen. “Ich sehe Schauspielerei immer auch als Kampfsport”, meint Haenel. “Wenn jemand auf einem höheren Niveau ist, muss man sich bemühen, sich zu verbessern.”

Für die Pariserin seien derartige Begegnungen “meine Schule”, hat sie doch nie eine Schauspielausbildung absolviert. Mit zwölf Jahren landete sie durch Zufall beim Film, wurde im Kinderdrama “Kleine Teufel” (2002) besetzt. Nach einem Wirtschafts- und Soziologiestudium entschied sie sich im Alter von 20 Jahren für die Schauspielerei. Seitdem zeigte sie unterschiedlichste Facetten ihrer Kunst auf der Leinwand und der Bühne. Ungewöhnlich reserviert erscheint sie im neuen Film der Dardenne-Brüder, “Das unbekannte Mädchen”, als Ärztin, die es verabsäumt, einer jungen Frau zu helfen, und daraufhin deren Mord aufklären will. “Ich wollte eine Figur spielen, die keine Figur ist. Sie ist keine Heldin, sie ist das Minimum an Menschlichkeit: Wir können nicht jemanden verschwinden lassen, ohne uns schuldig zu fühlen.”

Die Einschätzung von Jean-Pierre und Luc Dardenne, dass es unserer Gesellschaft an Verantwortungsbewusstsein und Solidarität fehle, teilt sie. Aber auch hier gehe es ihr nicht um Lektionen, betont Haenel – und wechselt kurz ins Englische, wie sie es im Verlauf des Gesprächs immer dann tut, wenn ihr etwas wichtig ist. “Film hat eine politische Verantwortung. Aber ein Film sollte Fragen stellen, keine Antworten geben. Er sollte in dem Sinne moralisch sein, dass er Menschen nicht an den Rand drängt.”

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

Von: apa

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