Die Schauspielerin wird 60 Jahre alt

Adele Neuhauser hat vor dem Altwerden keine Angst

Mittwoch, 09. Januar 2019 | 12:18 Uhr

“Tatort”-Star Adele Neuhauser hat keine Angst vor dem Älterwerden, sie freut sich vielmehr. Dabei rechnet die Schauspielerin mit einer Zukunft voller Herausforderungen, vor allem politisch kann es aus ihrer Sicht nur besser werden, wie sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur verrät. An ihrem Engagement im “Tatort” will sie in dieser Zukunft weiter festhalten.

Am 13. Jänner läuft die bereits 20. Folge mit ihr als Wiener Ermittlerin Bibi Fellner. An der Rolle mag sie vor allem die liebvolle Wut und die gesunde Neugier der Ermittlerin. Eine echte Kommissarin wäre sie aber selbst nicht gerne geworden.

Frage: Frau Neuhauser, am 13. Januar wird der 20. “Tatort” mit Ihnen als Bibi Fellner ausgestrahlt. Denkt man nach so vielen Fällen schon mal ans Aufhören?

Antwort: Na, das wollen wir jetzt noch nicht, das wollen wir beide (“Tatort”-Kollege Harald Krassnitzer, Red.) nicht. Nicht nur, weil es bequem ist – so eine Konstante hat man ja selten als Schauspieler. Sondern es ist auch etwas, wo auch das Herz mitschwingt, wo man sich heimisch fühlt. Und weil die Zusammenarbeit mit Harry sensationell ist. Das ist eine freundschaftliche Kollegialität, die man sehr selten findet.

Frage: Haben Sie eine Präferenz bei den Themen, die der Wiener “Tatort” behandelt? Es wirkt oft so, als seien vor allem die emotionaleren Geschichten die Stärke von Ihnen beziehungsweise ihrer Rolle.

Antwort: Das ist lustig, dass Sie das sagen. Bei meiner Figur muss ich sehr aufpassen. Die Bibi muss ich in ihrem Prozess, in ihrer leisen Anarchie ein bissel durchsetzen vor den Autoren. Weil sonst wird sie mir zu angepasst und das ist sie nicht. Die Bibi ist ein spontanes, emotionales Wesen und ich mag ihre liebvolle Wut, ihre gesunde Neugier, ihre Empathie. Wie sie sehr unkonventionell mit bedrohten, vor allem auch weiblichen Wesen umgeht.

Frage: Sie haben schon öfter gesagt, dass in der Bibi nicht so viel von Ihnen persönlich steckt. Wie ist es denn, wenn man die Frage umkehrt: Steckt in Ihnen inzwischen viel von Bibi Fellner?

Antwort: Es gibt viele Parallelen, aber Bibi bleibt dann doch immer Bibi und wird nicht Adele. Natürlich nähre ich meine Figuren aus meinen Erfahrungen, meiner momentanen Situation, meiner Tagesverfassung oder dem Blick auf die Welt. Ob sich jetzt etwas Bibi in mir hineingeschlichen hat, glaube ich aber nicht. Da habe ich dann doch die Oberhand. Ich bin auch dankbar, dass ich keine Kommissarin bin, sondern Schauspielerin. Das wäre nicht mein Beruf.

Frage: Warum nicht?

Antwort: Ich könnte es nicht verkraften – ähnlich wie Bibi – mit diesen Abgründen immer wieder konfrontiert zu werden. Ich bin dann doch immer noch so ein naiv-optimistischer Mensch und glaube immer, dass das Gute überwiegt.

Frage: Eines der zentralen Themen des “Tatorts” aus Wien ist durch Ihre Figur auch immer wieder die Gerechtigkeit. Geht es in Ihren Filmen letztlich immer gerecht zu?

Antwort: Wir sind in den Filmen auch diesen widerlichen Mauscheleien ausgesetzt, dem “Eine Hand wäscht die andere”. Es gibt dann oft Situation, in denen wir zwar knapp dran sind, aber die Mächte so stark sind, dass wir sie einfach nicht dingfest machen können. Und da steckt dann auch ein Stück Wahrheit drin. Es ist eben leider manchmal so, dass man bestimmte Leute nicht hinter Gittern bringen kann.

Frage: Neben dem “Tatort”-Jubiläum feiern Sie im Jänner auch Ihren 60. Geburtstag.

Antwort: Ja, ja, ja, ja. (lacht)

Frage: Sie freuen sich ganz offensichtlich.

Antwort: Ja, irgendwie schon. Ich habe vor dem Altwerden keine Angst, sondern empfinde es eher als Bereicherung und Beruhigung meines unruhigen Geistes. Ich erzähle immer von einer Faust-Inszenierung, in der ich das Gretchen, dargestellt von einer 70-Jährigen, gesehen habe. Ich hab so etwas Naives, Zartes, Unschuldiges noch nie in meinem Leben gesehen. Das kann man erst, wenn man schon einen längeren Weg gegangen ist.

Frage: In Ihrer Biografie haben Sie sich selbst als Kämpferin beschrieben, rücksichtslos und hart gegen sich selbst. Können Sie mit dieser Einstellung die vergangenen 60 Jahre denn positiv bewerten?

Antwort: Absolut. Ich war kurzzeitig ein wenig traurig, dass ich mich so lange aufgehalten habe in meiner depressiven Phase und mir so lange misstraut habe. Da muss ich manchmal auch heute noch dran arbeiten. Ich bin noch immer in manchen Situationen unsicher und denke mir dann, wenn dieses Gefühl hochkommt, jetzt kannst du es endgültig sein lassen. Aber eigentlich bin ich froh, dass ich diese Umwege gemacht habe.

Frage: Ist denn in Ihrem Leben alles gerecht abgelaufen?

Antwort: Es ist logisch abgelaufen auf eine gewisse Art und Weise – und Logik hat etwas Gerechtes. Es hat ja keinen Sinn, zu hadern. Ich bin jemand, der ungern zurückschaut. Ich schaue eher nach vorne.

Frage: Dann lassen Sie uns nach vorne schauen. Was wird im Leben der Adele Neuhauser in den nächsten 20 oder 30 Jahren passieren?

Antwort: 30?

Frage: Ihr Landsmann Udo Jürgens sang doch einst “Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an”.

Antwort: Ja, das hat er so schön gesungen (lacht). Vielleicht war das auch ein Hilferuf an sich selbst. Wenn ich nach vorne schaue, habe ich das Gefühl, es kann nur schöner und besser werden. Es ist jetzt so grauselig politisch, tiefer kann es nicht mehr gehen. Aber ich habe auch das Gefühl, dass jetzt so viel Negatives sichtbar wird – etwa die Umweltverschmutzung oder das unmenschliche Verhalten gegenüber Flüchtlingen – dass die Chance besteht, dass sich doch etwas ändert.

Frage: Damit wird die Zeit nach ihrem 60. wohl eine große Herausforderung und nicht leicht.

Antwort: Ja, absolut. Leicht war es nie.

Von: APA/dpa