Der Autor selbst freut sich auf Wiederbeginn "echter" Lesungen

Aichners “Dunkelkammer”: Krimifall um einen Pressefotografen

Dienstag, 30. März 2021 | 04:58 Uhr

In einer scheinbar verlassenen Wohnung wird eine Leiche gefunden. So weit, so normal in einem Kriminalroman. Dass die Leiche mumifiziert ist, ist schon außergewöhnlicher. Dass ihr der Kopf fehlt, weil er im Zuge der Bluttat abgetrennt wurde, ist noch außergewöhnlicher. Auch, dass der offenbar vorliegende Mordfall mit einem weiteren und lange zurückliegenden Verbrechen zusammenzuhängen scheint, ist nicht alltäglich, mag aber auch schon in anderen Krimis vorgekommen sein.

Was Bernhard Aichners “Dunkelkammer” von anderen Büchern dieses Genres vor allem unterscheidet, sind die zwischen den Kapiteln wechselnden Perspektiven und Schreibstile. Mal schildert Aichners neue Hauptfigur David Bronski das Geschehen bzw. seine persönlichen Eindrücke als Ich-Erzähler, mal wird die Handlung aus Autoren-Sicht, wohl aber mit wechselnden Protagonisten wiedergegeben, dann wieder bestehen ganze Abschnitte aus einem Dialog. Damit man beim Lesen stets im Bilde bleibt, wer da gerade mit wem spricht, bilden bei diesem Format jeweils die Namen der Sprechenden die Kapitel-Überschrift. So erschließt sich der Leserin oder dem Leser die Handlung Schritt für Schritt, aus verschiedenen Perspektiven – versetzt mit so manchen Rückblenden entsteht daher langsam ein großes Ganzes.

Kapitelweise Szenen- und Personenwechsel sind ja in (Kriminal-)Romanen längst nicht mehr ungewöhnlich, der hier vorgenommene Wechsel zwischen Schreibformaten jedoch sehr wohl. Dass beim Lesen die Handlung dennoch nachvollziehbar und die Spannung erhalten bleibt, ist die spezielle Herausforderung – die der aus Osttirol stammende Autor nicht zuletzt mit vielen für ihn typischen kurzen Sätzen meistert. Speziell in den Dialogen geht es meist Schlag auf Schlag, so blättern sich die Seiten fast von selbst um und man kommt rasch weiter.

Bronski ist Pressefotograf – und über seinen Beruf hinaus großer Fan der analogen Fotografie, was auch im Buchtitel seinen Ausdruck findet. Damit verarbeitet Aichner auch seine frühere berufliche Tätigkeit. Zwar von den von ihm eingefangenen Bildern her durchaus ein “Mann fürs Grobe”, schleppt Bronski selbst ein schweres Schicksal mit sich herum: Seine Tochter verschwand im Kleinkindalter spurlos, der jahrelang ungeklärte Vorfall lässt ein Verbrechen von Entführung bis hin zu Mord vermuten. Weder Bronski noch seine Partnerin wissen, ob ihr Kind noch am Leben ist, das ständige Schwanken zwischen Resignation und Hoffnung stellt erst die Beziehung der beiden auf eine harte Probe und treibt letztlich Bronskis Frau in den Suizid.

Was diese Tragödie mit dem in dem Buch beschriebenen Mordfall zu tun hat, warum ein Obdachloser, der früher so wie Bronski von Berufs wegen fotografiert hat, der eigentliche Entdecker des Kriminalfalls ist, und wie der Fall letztlich geklärt werden kann, erschließt sich bei einer durchaus kurzweiligen Lektüre eines Werks, in dem auch der Gefühlsebene ein für einen Kriminalroman ungewöhnlich großer Raum gewidmet wird.

(S E R V I C E – Bernhard Aichner: “Dunkelkammer”, btb Verlag, 348 Seiten, 17,50 Euro)

Von: apa

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