Der Kabarettist ist ab 18. März wieder auf der Bühne zu sehen

Alf Poier will “mit allen Geschützen auffahren”

Donnerstag, 21. Februar 2019 | 09:24 Uhr

Nach dreijähriger Pause möchte Alf Poier nun sein “Standing endgültig zementieren und richtig Gas geben”. Mit seinem neunten Kabarettprogramm “Humor im Hemd” ist der Gesamtkünstler ab 18. März wieder auf Österreichs Bühnen unterwegs. Im APA-Interview sprach er über seine doppelte Persönlichkeit und darüber, was der Hausverstand mit dem Seeadler und der Schnee-Eule gemeinsam hat.

“Es geht um Opportunismus, Politik, Kunst und die digitale Diktatur, in der wir leben”, fasst Poier sein neues Programm zusammen. Dass der Kabarettist motivierter ist denn je, demonstrierte er im Interview anhand eines mitgebrachten Objekts aus seinem neuen Programm. Mit einfachen visuellen Mitteln veranschaulichte er dabei das aktuelle politische Klima – inklusive Publikumsbefragung und Kasperl.

APA: Was erwartet die Zuschauer in Ihrem neuen Programm neben Bildern und Objekten?

Alf Poier: Ich werde diesmal mit allen Geschützen auffahren, die mir überhaupt zur Verfügung stehen. Jetzt bin ich 52 Jahre alt und möchte wissen, was noch geht. Als ich angefangen habe, gab es nur 40 oder vielleicht 50 Kabarettisten. Jetzt gibt es um die 300 – wahrscheinlich sogar noch mehr. Deshalb will ich mit “Humor im Hemd” mein Standing endgültig zementieren und richtig Gas geben. Es gibt eine neue Single, eine neue Homepage, eine neue DVD und das neue Kabarettprogramm. Es gibt sogar eine neue Gitarre – also, alles neu. Jetzt will ich es wirklich wissen.

APA: In “Humor im Hemd” sind Sie auf der Suche nach der letzten Erkenntnis und haben anklingen lassen, dass eine Thunfischdose dabei helfen wird. Können Sie uns dahin gehend schon ein wenig erleuchten?

Alf Poier: Das hat unter anderem mit einem zen-buddhistischen Koan zu tun, den ich vor 20 Jahren von einem buddhistischen Meister als Aufgabe bekommen habe. Der wird sich durch das Programm ziehen – ist aber eigentlich nur ein Nebenschauplatz. Hauptsächlich wird es in dem Programm darum gehen, was man in der heutigen Zeit überhaupt noch sagen soll, kann oder darf. Es geht um Opportunismus, Politik, Kunst und die digitale Diktatur, in der wir leben. Das sind die Kernthemen.

APA: Im Jahr 2016 haben Sie zum Nationalfeiertag im Ö3 eine spontane Rede gehalten und darin “akausale Handlungen” gefordert. Die Extrawurstblätter sollten vom Himmel fallen und die Handys explodieren. Nun explodieren Mobiltelefone in letzter Zeit tatsächlich immer öfter. Die Frage, die Sie sich auch im neuen Programm stellen, lautet also: Wer spinnt mehr – Sie oder die Welt?

Alf Poier: Ich fühle mich ja grundsätzlich als extrem normaler Mensch. Deshalb passe ich nirgends rein: Für die “Schirchen” bin ich zu schön und für die Schönen zu “schirch”. Für die Gescheiten bin ich zu blöd und für die Blöden zu gescheit. Ich bin also genau das Mittelmaß. Wahrscheinlich bin ich so genau in der Mitte, dass es schon wieder außergewöhnlich ist. Das sind natürlich dadaistische und durch Salvador Dalí und den Surrealismus beeinflusste Aussagen, mit denen ich gerne die Gehirne der Menschen verwirre. Ich möchte, dass die Menschen nach meinem Kabarettprogramm nach Hause gehen und sagen: “Jetzt kann ich drei Tage nicht schlafen und der Poier ist schuld.” Der gesellschaftliche Konsens, der sich ohnehin in Auflösung befindet, muss nämlich ständig hinterfragt, erweitert und eingeschränkt werden. Das sehe ich als Aufgabe der Kunst.

APA: Ein solches Vorhaben erfordert den gekonnten Umgang mit Medien. Ist das Aufrechterhalten einer Bühnenpersona bei so vielen bespielbaren Kanälen heutzutage überhaupt noch tragbar?

Alf Poier: Mittlerweile muss ich Privatperson und Bühnenperson trennen. Der Künstler Alf Poier und die Privatperson Alf Poier haben teilweise sogar getrennte Wohnsitze, weil sie einfach zu viel streiten. Der Künstler will immer etwas anderes als der Private. Er braucht wahnsinnig viel Platz und will immer größere Häuser und Ateliers, die der Privat-Alf dann putzen und pflegen muss. Insofern bin ich etwas gespalten. Aber prinzipiell sehe ich überhaupt kein Problem darin, den Künstler-Alf-Poier aufrecht zu erhalten – gerade in der heutigen Zeit, in der alles gleich und normiert ist. Es gibt wahnsinnig viele Künstler, aber ich sehe wenige Persönlichkeiten unter ihnen. Man sieht sie in ihren Designer-Jeans auf der Bühne stehen – mit ähnlichen Themen und ähnlichen Zugängen. Vieles davon fadisiert mich zu Tode. Ich vermisse die wirklichen Persönlichkeiten wie einen Thomas Bernhard.

APA: Ist es in der heutigen Gesellschaft also schwieriger als absurd-geniale Künstlerperson in einem öffentlichen Diskurs zu existieren als noch vor 20 Jahren?

Alf Poier: Ja, es ist insofern schwieriger, als dass man für jeden Satz und jeden Sager verurteilt wird, am Titelblatt steht und sich ständig verantworten muss. Viele Leute im Internet fühlen sich dazu berufen, die moralische Instanz zu spielen. Und jeder – entschuldige – ungebildete Prolet gibt seinen Senf zu jedem Thema ab. Auch der immer größer werdende Spalt zwischen Links und Rechts trägt dazu bei, dass es schwieriger geworden ist, explizite Meinungen nach außen zu transportieren – weil sofort diejenigen 50 Prozent auftreten, die dagegen sind und einen fertigmachen wollen.

APA: Kehren Sie trotzdem gerne auf die Kabarettbühne zurück?

Alf Poier: Die Bühne ist ehrlich gesagt mein Leben. Ich habe zum Glück finanziell gut gewirtschaftet und müsste eigentlich schon lange nichts mehr tun. Als ich noch in meiner Villa auf der Terrasse gesessen bin, sind Leute vorbeigekommen und haben gesagt: “Wahnsinn, du sitzt auf deiner Terrasse – dir geht’s gut!”. Blöd nur, dass ich schon seit drei Wochen dasitze und fast wahnsinnig werde vor lauter Langeweile. Dann fahre ich auf einen Strand – nach Sri Lanka oder Ibiza – und fadisiere mich dort weiter. Die Bühne bedeutet für mich Leben und Energie und ist eigentlich meine Lebensaufgabe. Deshalb will ich mit meinem neuen Programm richtig Gas geben. Es wird eine Vorgabe für die vielen gescheiterten Schauspieler, die dann ins Kabarett gehen. Man wird sehen, dass der Poier nicht umsonst sämtliche Kabarettpreise eingeheimst hat. Was haben der Seeadler, die Schnee-Eule und der Hausverstand gemeinsam? Alle drei sind vom Aussterben bedroht. Mit “Humor im Hemd” will ich den Hausverstand retten.

APA: Geht es darum auch in Ihrer neuen Single “Da Hausverstand”?

Alf Poier: Mit diesem Song möchte ich sagen: Der Poier, der Dadaist und Querdenker schlechthin, setzt sich für den Hausverstand ein. Gerade ich kenne mich mit dem Hausverstand aus, weil ich ein Leben lang auf der Bühne gegen den Hausverstand gearbeitet habe. Wenn man lustig sein will, muss man auch wissen, was traurig ist, sonst kann man nicht lustig sein. Deshalb sehe ich mich für den Hausverstand zuständig, weil ich das Gegenteil sehr gut kenne.

APA: Apropos Song, im Jahr 2003 haben Sie Österreich beim Eurovision Song Contest vertreten. Verfolgen Sie die Geschehnisse rund um den Wettbewerb?

Alf Poier: Gar nicht mehr, weil ich das Gefühl habe, der Song Contest ist ein reines Politikum geworden. Das ist für mich überhaupt nicht interessant. Zum Beispiel die russische Dame, die hier in Wien aufgetreten ist, kommt auf die Bühne und wird ausgebuht und ausgepfiffen. Diese Frau kann nichts dafür, dass sie aus Russland ist. Es wird groß auf Toleranz gemacht und die Toleranz ganz groß geschrieben. Gleichzeitig wird aber eine Künstlerin fertiggemacht, ohne dass Sie überhaupt etwas dafür kann. Das finde ich nicht in Ordnung.

Von: apa

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