Lemke schimpft aufs "deutsche Staatskino"

Anarcho-Filmer Klaus Lemke wird 80

Dienstag, 13. Oktober 2020 | 09:49 Uhr

Mit dem filmischen Mainstream kann Regisseur Klaus Lemke nichts anfangen. Seine Arbeiten polarisieren und provozieren. Radikal lenkt er seit den 60er-Jahren den Blick auf soziale Schwachstellen. Am 13. Oktober wird der Mann mit der tief ins Gesicht gezogenen Schiebermütze 80 – für ihn kein Grund, sich in die stille Ecke zurückzuziehen.

Viele seiner Filme gleichen Schwabinger Milieustudien – und brachten ihm Erfolg und Preise ein. Angepasst hat er sich deswegen nicht, vielmehr empört sich der Regisseur weiter über staatliche Filmförderung. “Deutsches Staatskino ist ein bis zur Hilflosigkeit subventionierter Kaffeeklatsch”, poltert er im Interview. Solange nicht jedwede Filmförderung aus “Staatsknete” abgeschafft werde, bleibe das deutsche Kino der “Toplangweiler worldwide”. Ohne Staatsgelder könnte Deutschland dagegen innerhalb von nur zwei Jahren das kreativste Filmland Europas sein, ist er überzeugt und fügt an: “Ich schwör’s!”

Lemke selbst dreht traditionell mit kleinem Budget – auch in der Corona-Krise. “Weil mein ganzes Filmequipment leicht in eine Reisetasche passt, die als Handgepäck durchgeht.” Der Kameramann mache auch den Ton und als Darsteller suche er sich ein paar Leute von der Straße. “Alles wie immer”, sagte er.

Auf diese Weise filmt Lemke seit den 60er Jahren. Meistens arbeitet er mit Laien zusammen, die er in München oder Berlin in Cafés oder auf der Straße entdeckt, und oft vom Fleck weg engagiert. Zu seinen Entdeckungen zählen Fernsehstars wie Wolfgang Fierek und Cleo Kretschmer. Oftmals gibt es kein detailliert ausgearbeitetes Drehbuch, so dass den Darstellern Raum für Improvisation bleibt.

Schon mit seinen ersten, vorwiegend für das Fernsehen produzierten Filmen wie “Brandstifter” (1969) oder “Rocker” (1972) richtete Lemke den Scheinwerfer auf die Schattenseiten der Gesellschaft. Mit Filmen wie “Idole” oder “Amore” folgten Studien vorwiegend der Schwabinger Szene. München ist für den in Landsberg/Warthe im heutigen Polen geborenen Regisseur zum Mittelpunkt seines Schaffens geworden – und die Stadt ehrte ihn 2010 mit dem Münchner Filmpreis für “Schmutziger Süden” und 2014 mit einer eigenen Reihe bei den Filmfestspielen.

Seine Schulzeit hatte Lemke nach seiner Flucht mit Mutter und Schwester über die DDR in die Bundesrepublik in Düsseldorf verbracht. Er studierte einige Semester Philosophie und Kunstgeschichte und drehte schließlich seine ersten Kurzfilme.

Nach den Erfolgen der 60er und 70er Jahre wurde es ruhiger um Lemke, Filme wie “Bibo’s Männer” (1986) und “Die Ratte” (1993) wurden verrissen. “Ein verhexter Sommer” (1989) mit Günther Maria Halmer sowie “Das Flittchen und der Totengräber” (1994), das sein Erfolgspaar Cleo Kretschmer und Wolfgang Fierek vor der Kamera wieder vereinte, stießen bei der Kritik wieder auf Zustimmung.

Auch in den vergangenen Jahren drehte er Film um Film: “Unterwäschelügen” (2016), “Bad Girl Avenue” und “Neue Götter in der Maxvorstadt” (beide 2018) sowie “Ein Callgirl für Geister” (2020). Zurzeit schneidet Lemke seinen neuesten Film, wie er erzählt. Den Fokus richtet er da allerdings nicht auf München. Nun steht die Hauptstadt im Schlaglicht: “Berlin izza Bitch”. Worum es geht? “Mit wild unbekümmerter Einseitigkeit zeigt der Film ein Berlin, das mit Neapel mehr zu tun hat als mit Preußen”, sagt Lemke.

Von: APA/dpa

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