Die Starsopranistin singt am Opernball

Anna Netrebko: Die unprätentiöse Titanin der Opernwelt

Mittwoch, 16. Januar 2019 | 15:06 Uhr

Anna Netrebko ist der wohl letzte weibliche Superstar der Opernwelt, dessen Bekanntheit weit über den Kreis der Klassikliebhaber hinausreicht: Die 47-jährige Austro-Russin, die 2006 zur Reiseerleichterung auch einen rot-weiß-roten Pass erhielt, steht seit ihrem Sensationserfolg 2002 im “Don Giovanni” in Salzburg an der Spitze ihrer Zunft – und verlässlich auf Seite 1 der Societyberichterstattung.

Die aus dem südrussischen Krasnodar stammende Netrebko ist der Liebling der Gazetten, eine Diva, die sich um das Divensein nicht allzu viel schert, ihren Modestil ungeachtet gängiger Geschmacksgrenzen pflegt und ihr Privatleben gemeinsam mit Ehemann Yusif Eyvazov und dem von Opernbeau Erwin Schrott stammenden Söhnchen Tiago ebenso öffentlich wie genussvoll lebt. Zugleich ist diese boulevardeske Seite des Marketinggenies Netrebko immer gepaart mit ihrer herausragenden Stimme, die in den vergangenen Jahren dunkler wurde, mit Talent und beruflichem Ehrgeiz.

Das erste Mal stand die am 18. September 1971 geborene Netrebko mit sieben Jahren auf der Bühne – als Ballerina, später mit dem Chor der Pioniere. Mit 16 Jahren ging sie nach St. Petersburg an die Fachhochschule für Musik, doch schon nach zwei Semestern wechselte sie an das prestigeträchtigere Rimski-Korsakow-Konservatorium. Als Statistin schaffte die Studentin es auf die Bühne des Mariinsky-Theaters – als Hinterteil eines Fabelwesens. Auch die viel zitierte Putzfrauen-Geschichte ist wohl wahr: Den Job im Opernhaus nahm sie deshalb an, weil sie möglichst viele Proben miterleben wollte.

Es folgte ein Engagement im Ensemble des Mariinsky-Kirov-Theaters (1994), dem sich bald Einsätze in Opernhäusern wie der New Yorker Met, dem Londoner Covent Garden oder der Wiener Staatsoper anschlossen, bis der endgültige Durchbruch bei den Salzburger Festspielen erfolgte. Dort avancierte die bildhübsche Netrebko 2005 an der Seite von Rolando Villazon mit der “Traviata” zum “Traumpaar” – eine Inszenierung, die neben vielen Netrebko-Soloplatten, noch heute zu den Topprodukten im Klassikregal zählt.

Netrebko blieb den Festspielen auch in den Folgejahren treu und sorgte etwa 2017 als “Aida” in der Regie von Shirin Neshat für ein ausverkauftes Haus. Schließlich ist die Russin, die immer wieder auch mit politischen Positionen für Schlagzeilen sorgt und etwa 2012 eine Petition für die Rückkehr von Wladimir Putin ins Präsidentenamt unterschrieb, eine sehr kluge Sängerin, die weiß, mit der Entwicklung ihrer Stimme mitzugehen. So debütierte sie etwa 2016 als Elsa erstmals in einer Wagner-Oper (“Lohengrin”) in Dresden. Und dennoch liegt Netrebko – die sich seit 2008 “Volkskünstlerin Russlands” und seit 2017 “Österreichische Kammersängerin” nennen darf – die publikumswirksame Geste. So sorgt die 47-Jährige nach 2004 und 2007 heuer das dritte Mal als Künstlerin für die Eröffnung des Opernballs.

Von: apa