Arcade gelten als Schwergewicht des Indie-Pop

Arcade Fire begeisterten in Wien

Dienstag, 19. Juni 2018 | 16:08 Uhr

2.100 Pfund Lebendgewicht, unzählige Auszeichnungen und “eine schockierende Oscar-Niederlage”: Steigen Arcade Fire in den Ring, hat man es mit Schwergewichten des Indiepop zu tun. Beim Auftritt der kanadischen Band in der Wiener Stadthalle Montagabend wurde zwar all das auf Deutsch als Einstimmung aufgezählt, eigentlich war es aber überflüssig. Denn das Konzert war von Beginn an ein Triumphzug.

Mit ihrer “Infinite Content Tour”, die Arcade Fire seit Erscheinen des aktuellen Albums “Everything Now” um die Welt führt, inszenieren sich die Musiker nicht umsonst als Boxkämpfer. Durch die Fanmassen in den ersten Reihen bahnten sich Win Butler, Regine Chassagne und Co kurz vor 21 Uhr ihren Weg auf die Bühne, während die Stimme aus dem Off von den “Königen des Pop” und “Fürsten des Indie” sprach. Klar geht Understatement anders, aber sie haben es auch nicht nötig: Von der ersten Sekunde an wurde ein Sound aufgefahren, der in Sachen Druck und Dynamik nichts zu wünschen übrig ließ.

Früh präsentierte sich “Neighborhood #3 (Power Out)” als energetischer Stampfer, wanderten die neun Musiker mit unglaublicher Sicherheit von Instrument zu Instrument, stachelten das Publikum auf und zauberten Grinser auf die Gesichter in der mit 6.000 Menschen leider nicht wirklich gut gefüllten Halle. Wer aber dabei war, der wird noch lange davon sprechen: Wie Win nach “No Cars Go” sich endlich von der Atmosphäre überzeugt zeigte (“Now I am feeling something!”), “Electric Blue” von Chassagne mit kühler Electro-Ästhetik und viel Drive in den Raum geschmettert wurde oder “Neon Bible” zum melancholisch-verträumten Ruhepol wurde.

Je länger der Abend dauerte, umso selbstverständlicher gelang schließlich der Austausch zwischen Bühne und Zuschauerraum. Das lag wohl auch an der Nähe, die Arcade Fire imstande sind herzustellen – und zwar ganz wortwörtlich. Butler und Chassagne suchten mehrfach das Bad in der Menge, intonierten weit hinten beim Mischpult auf einer kleinen Bühne “Reflektor” sowie “Afterlife” und sonnten sich in den Lichtstrahlen, die von gleich zwei Discokugeln zurückgeworfen wurden. Tausende kleine Punkte tanzten da und taten es somit den begeisterten Fans gleich.

Zu den ganz großen Highlights zählte “The Suburbs” vom gleichnamigen, Grammy-prämierten Album. Nicht nur auf den über den Köpfen der Musiker installierten Leinwänden wurde dank Ausschnitten aus dem dazugehörigen Video ein Gefühl von Nostalgie sowie eine Mischung aus jugendlicher Liebe und Verzweiflung evoziert. Wie hier in jeder Harmonie und jedem noch so feinen Melodiebogen Intensität und Zurückgenommenheit Hand in Hand gingen, Butler seine Stimme durch die Halle fliegen ließ und Stück für Stück die Spannung zunahm, war definitiv Königsklasse in Sachen Livemusik.

Letztlich schien es egal, ob Arcade Fire die doch rocklastigeren Stücke aus ihrem Frühwerk (das großartige, das reguläre Set beschließende “Rebellion (Lies)” sei stellvertretend genannt) oder jene stärker in Richtung Disco abdriftenden Lieder von den jüngeren Alben anstimmten – gefeiert wurde jede Regung, jedes Riff und jede Zeile. Zeit zum Verschnaufen blieb dabei recht wenig, pflügte die Band doch ungebremst durch 20 Songs in zwei Stunden. Eigentlich erstaunlich, dass die Vielfältigkeit an Mitspielenden und Klängen sinnvoll unter einen Hut zu bringen ist.

Aber immerhin haben die Indie-Könige auch einiges an Übung. Wo der jüngere Butler-Bruder Will den sympathischen Zappelphilipp gab und kaum einen Moment still stand, war Chassagne ganz glitzernde Extrovertiertheit und Win Butler das oft ruhige, aber deswegen nicht weniger präsente Zentrum des Geschehens, bei dem alle Fäden zusammenliefen. Aber schlussendlich braucht es sie alle zu gleichen Teilen, müssen alle Zahnräder ineinandergreifen und ist erst das große Ganze mit diesem unwiderstehlichen Charme ausgestattet, der Arcade Fire seit bald 20 Jahren von Erfolg zu Erfolg eilen lässt. Da kann sogar die Oscar-Niederlage (der 2014 nominierte Soundtrack des Films “Her” stammt von Teilen der Gruppe) verschmerzt werden.

Von Christoph Griessner/APA

INFO: www.everythingnow.com

Von: apa

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