Ein Blick zurück auf vergangene Helden

August Diehl spielt Titelrolle in “Der junge Karl Marx”

Freitag, 17. März 2017 | 13:49 Uhr

Wir leben in Zeiten großer Verunsicherung. Bisher geltende Werte und Maßstäbe scheinen im postfaktischen Zeitalter immer weniger zu zählen. In dieser Situation blickt man gerne zurück auf die Heroen der Vergangenheit, auch um sich neu zu vergewissern. Ab Freitag kann man das etwa anhand des Kinofilms “Der junge Karl Marx” machen, wobei August Diehl in der Titelrolle zu erleben ist.

Der 1953 auf Haiti geborene Regisseur und Drehbuchautor Raoul Peck, der in den 1990er Jahren für kurze Zeit Kulturminister in seinem leidgeprüften Heimatland war, erzählt darin von den Lehrjahren zweier Männer, deren Schriften die Welt verändern sollten. Karl Marx, dieser in Stein gemeißelte Säulenheilige der Arbeiterbewegung, und sein Mitstreiter Friedrich Engels – die beiden waren doch auch mal jung, haben sich verliebt und Kinder in die Welt gesetzt, und ordentlich gesoffen haben sie auch. Dies scheint der Ansatz von Pecks Film zu sein, und Säulenheilige vom Podest zu schubsen, ist ja erstmal eine löbliche Absicht.

Diehl überzeugt als Karl Marx mit Mitte Zwanzig. Ein engagierter, hellwacher Journalist, der mit Frau und Kind im ärmlichen Exil in Paris sitzt und chronisch knapp bei Kasse ist, weil knauserige Verleger die Honorare für Artikel nicht zahlen. Dieser Kämpfertyp lässt sich trotz vielfältiger Repressionen nicht ins Bockshorn jagen. Er beharrt auf seinen Ansichten und kämpft für eine bessere Welt.

Ihm zur Seite steht Friedrich Engels (stark: Stefan Konarske), der dandyhafte Fabrikantensohn, der in England in den Fabriken seines Vaters (Peter Benedict) das Elend der Proletarier kennengelernt hat. Dort verliebte sich Friedrich in die junge irische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele). Die zweite starke Frau ist Jenny von Westphalen, die aus adligen Hause stammende Ehefrau von Karl Marx. Vicky Krieps spielt diese Frau, die gegen ihre eigene Klasse kämpft, mit entwaffnender Ehrlichkeit und Überzeugungskraft – ohne ihre tatkräftigen klugen Frauen wären die etwas realitätsfernen Schreibstuben-Revoluzzer nie so weit gekommen. Am Ende sitzen sie alle zusammen und verfassen gemeinsam das “Kommunistische Manifest”.

Etwas viel Harmonie, scheint sich auch Regisseur Raoul Peck gedacht zu haben. Im Abspann immerhin zeigt er dann Bilder von sozialen Aufständen und Rebellionen rund um den Globus. Diese subversive Energie hätte dem zu betulichen Film allerdings auch selbst ganz gut getan. Denn trotz guter Darsteller ist Pecks Film viel zu konventionell und dramaturgisch schwach geraten – das Feuer der jungen Heißsporne, die sich gegen die Ungerechtigkeit der Welt auflehnen, überträgt sich nur sehr bedingt auf die Zuschauer. Zu viel braves Kostümdrama, zu wenig Kämpfe und aktuelle Bezüge.

Von: APA/dpa

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