Das Leitungs-Duo der Berlinale, Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian

Berlinale startet ihre ungewöhnlichste Ausgabe

Freitag, 26. Februar 2021 | 12:07 Uhr

Stell die vor, es ist Berlinale, und keiner geht hin. Brächte auch nichts. Schließlich eröffnet das legendäre Filmfestival zwar am Montag (1. März) – aber als reine Onlineveranstaltung für die Branche respektive die Medien. Keine Galas, kein Promiauflauf, keine Pressetermine, keine vollen Kinos. Und auch keine Preisgala, obwohl am Freitag (5. März) wieder die Bären des Festivals verliehen werden – allerdings nur in Form einer schlichten Pressemitteilung. Danke, Corona!

Dabei sind die Kandidaten, die sich im Wettbewerb um die bärigen Trophäen matchen, durchaus illuster. 15 Filme gehören zur Competition, darunter das Regiedebüt von Schauspieler Daniel Brühl namens “Nebenan”, das auf einem Drehbuch von Daniel Kehlmann beruht und einen vom Regisseur selbst gespielten Filmstar zeigt, der in einer Bar von einem Nachbar mit Unangenehmem konfrontiert wird. Ebenfalls ein großer Literat, hier Erich Kästner, steht hinter der Weimaraner Romanverfilmung “Fabian oder Der Gang vor die Hunde” von Dominik Graf, für die unter anderen Tom Schilling vor der Kamera stand. Just diese beiden Werke bleiben den Augen der Kritiker aus Rechtegründen aber noch verborgen.

Anders hingegen die ebenfalls deutsche Produktion “Ich bin dein Mensch”, eine Dystopie von Regie-Shootingstar Maria Schrader. Vielversprechend klingt auch der neue Film der Französin Celine Sciamma, die zuletzt für “Porträt einer jungen Frau in Flammen” in Cannes den Drehbuchpreis gewann, und nun mit “Petite Maman” ein psychoanalytisch durchwirktes Werk über Verlust vorlegt. Hinzu kommen weitere französische Arbeiten wie Xavier Beauvois’ Männerporträt “Albatros” oder Werke aus Südkorea, Japan, Ungarn oder Rumänien.

Was hingegen gänzlich fehlt, sind diesmal US-Produktionen im Wettbewerb, was die Berlinale-Macher mit der Skepsis der Hollywoodstudios begründen, derzeit Filme ins Kino zu bringen, da weltweit die Lichtspielhäuser großflächig geschlossen sind. Schließlich ist völlig unklar, wann die premierten und prämierten Filme der heurigen Berlinale wirklich im Kino zu sehen sein werden.

Eher unterrepräsentiert ist heuer ebenfalls das österreichische Filmschaffen. Neben Drehbuchautor Kehlmann im Wettbewerb halten im Wesentlichen nur zwei Produktionen die rot-weiß-rote Fahne im virtuellen Berliner Raum hoch. Die österreichische Koproduktion “Night for Day” von Multitalent Emily Wardill entstand anlässlich einer der Künstlerin gewidmeten Secessionsausstellung und feiert in der Sektion “Forum Expanded” ihre Weltpremiere. Vor allem wird mit Spannung die Premiere von David Schalkos neuer Sky-Serie “Ich und die anderen” erwartet. Mit einem prominenten Cast von Tom Schilling und Lars Eidinger über Sophie Rois und Mavie Hörbiger bis zu Martin Wuttke und Michael Maertens hat der heimische Seriendominator ein satirisches Wechselspiel aus Ego und Umwelt, Rollenbildern und Rollenwünschen vorgelegt und tritt damit in die Fußstapfen seiner Fritz-Lang-Paraphrase “M – Eine Stadt sucht einen Mörder”, die er 2019 ebenfalls bei der Berlinale zeigte.

Das alles bleibt zunächst aber einmal den Insidern des Betriebes vorbehalten. Ganz hat man sich in Berlin aber nicht verabschiedet von der Idee eines Festivals als Gemeinschaftsevent. Im Sommer soll Teil 2 der Berlinale 2021 folgen – als mehrtägiges Festival fürs Publikum, im Kino und unter freiem Himmel. Dann sollen auch feierlich die am 5. März verkündeten Auszeichnungen überreicht werden.

Dass man nicht gänzlich auf den Sommer ausgewichen ist, hat eine wirtschaftliche Logik. Schließlich ist der Filmmarkt der Berlinale einer der wichtigsten Umschlagplätze für den Film als Handelsware. Der European Film Market vereint Produzenten, Filmverleiher und Filmschaffende, die etwa Vertriebsrechte aushandeln. So werden also Expertinnen und Journalisten, Branchenvertreter und Einkäuferinnen eine Arbeitswoche vor dem heimischen Computer verbringen, was für die meisten in Pandemiezeiten ja nichts Neues ist.

Gegenüber der dpa macht Festivalchef Carlo Chatrian das Beste aus den gegebenen Umständen, empfiehlt die Filmsichtung vom Sessel und nicht der Couch aus, um das Kinofeeling beizubehalten und zeigt sich alles in allem wohlgemut: “Im Deutschen gibt es das Wort ‘komisch’. Für uns ist das gerade passend.”

(S E R V I C E – www.berlinale.de)

Von: apa

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