Ursula Poznanski ist regelmäßig in den Bestseller-Listen

Bestseller-Autorin Ursula Poznanski über ihre Arbeit

Dienstag, 26. Februar 2019 | 16:31 Uhr

Ursula Poznanski gilt in Deutschland als Krimi-Star und kann auf eine Gesamtauflage von zwei Mio. Exemplaren verweisen. Mit der APA spricht die Wiener Spannungsautorin über ihren Erfolg, das Leben abseits des Feuilletons und darüber, warum Ex-Polizeispitzel am liebsten Blumen sprechen lassen. Der neue Roman “Vanitas” – Auftakt einer Trilogie – ging wenige Tage nach Erscheinen in die 4. Auflage.

APA: Frau Poznanski, in deutschen Buchhandlungen sind ganze Wände mit ihrem neuen Thriller vollgestellt. Haben Sie den Stein der Weisen gefunden? Oder wie erklären Sie sich diesen enormen Erfolg?

Ursula Poznanski: Da kommen so viele Sachen zusammen. Ich glaube nicht, dass ich den Stein der Weisen gefunden habe, weil es den in der Buchbranche nicht gibt, meiner Meinung nach. Trotzdem wird heftig danach gesucht. Jeder versucht immer das nächste große Ding vorherzusehen oder zu erzeugen. Ich habe eine Art des Schreibens gefunden, mit der ich mich sehr wohlfühle und die vielen anderen Leuten gefällt. Wobei für mich im Vordergrund steht, dass ich so schreibe, wie ich es gerne lesen würde. Wahrscheinlich bin ich einfach Mainstream. Das heißt, was mir gefällt, gefällt offensichtlich auch einer Menge anderer Leute.

APA: Sie haben große Erfolge im Bereich Kinder- und Jugendliteratur gehabt und schreiben auch weiter für diese Segmente. War es eine logische Entwicklung in Richtung Erwachsenengenre? Wie anders muss man für dieses Publikum schreiben als für ein jugendliches Publikum?

Poznanski: Es war zuerst nicht unbedingt eine logische Entwicklung. Es hat sich dadurch ergeben, dass ich eine Idee gehabt habe, die mir sehr gut gefallen hat und die unter keinen Umständen für ein Jugendbuch geeignet war. Ich habe dann mit meinem Agenten darüber gesprochen und der hat gesagt: “Das machst ja nichts, dann schreibst du jetzt eben auch für Erwachsene.” Seitdem fahr ich zweigleisig und empfinde es als sehr angenehm, weil es im Kopf frisch hält, jedes Mal ein bisschen umzudenken, was die Zielgruppe betrifft. Ich muss jedoch einschränkend dazu sagen, dass für mich die Unterschiede nicht so massiv sind. Ich mache im Jugendbuch sicher ein paar Dinge anders, bin ein bisschen weich gespülter, aber nicht sehr. Ich schreibe mit der gleichen Konsequenz und versuche die Geschichten genau so komplex zu halten wie die der Erwachsenenbücher. Ich glaube, dass Jugendliche es überhaupt nicht mögen, unterschätzt und unterfordert zu werden.

APA: Neben verschiedenen Zielgruppen gibt es auch verschiedene Genrebeschreibungen wie beispielsweise die Überbegriffe Spannungsliteratur und Genreliteratur. Zudem gibt es Krimi und Thriller. Sind das Schubladen, mit denen Sie arbeiten und in die Sie sich einordnen wollen? Oder ist das eine überholte Kategorisierung?

Poznanski: Ob sie überholt ist, weiß ich nicht. Ich tue mir auf jeden Fall sehr schwer damit, meine Werke auf diese Weise einzuordnen, weil ich keine Grenzen zwischen den Begriffen ziehen kann. Was ist Krimi? Was ist Thriller? Deshalb bevorzuge ich den Begriff Spannungsroman, der alles subsumiert. Damit lebe ich ganz gut, obwohl natürlich niemand “Spannungsroman” auf ein Buch schreibt. In meinem Fall überlasse ich es dem Verlag, ob er lieber “Krimi”, “Thriller” oder gar nichts auf die Bücher schreibt. Das hat sich bisher auch ganz gut bewährt.

APA: Auf “Vanitas” steht Thriller. Er ist als Beginn einer Trilogie annonciert. Wie kommt es zu solchen konzeptiven Überlegungen?

Poznanski: Die Grundüberlegung, aus einer Geschichte mehr als ein einziges Buch zu machen, entsteht bei mir nie aus dem Gedanken heraus, dass ich jetzt dringend eine Reihe schreiben will, sondern aus der Geschichte selbst. Der Boss ist immer die Geschichte. Wenn ich den Eindruck habe, dass sie mehrere Stationen braucht und diese sehr groß sind, dann bespreche ich mich mit meinen Verlagen über die Möglichkeit einer Reihe. Das war im Fall von “Vanitas” auch so – speziell deshalb, weil ich mit der Hauptfigur Carolin eine Protagonistin geschaffen habe, deren Situation ich viel lieber auf mehreren Etappen lösen möchte als in einer schnellen. Sie war ein paar Jahre lang für die deutsche Polizei undercover im organisierten Verbrechen unterwegs. Als sie aufgeflogen ist, wurde sie eliminiert – jedoch nicht ganz. Man dachte bloß, dass sie tot wäre. Sie überlebte ihre Ermordung, täuschte ihren Tod vor und kam nach Wien, wo sie jetzt unter falschem Namen mit einer völlig anderen Identität lebt. Carolin will eigentlich nichts lieber, als tot zu bleiben und in ihrer kleinen Nische als Blumenhändlerin am Zentralfriedhof friedlich weiterzuleben.

APA: Diese Blumenhändlerin kommuniziert mit einer ganz speziellen Art von Sprache. Was hat es damit auf sich?

Poznanski: Der erste Gedanke war: Sie hat in ihrer Zeit als Spitzel unglaublich grausame Morde mitangesehen. Dazu wollte ich einen Kontrapunkt setzten. Weit weg von Mord und Totschlag sind Blumen das Hübschste, Harmloseste und Fröhlichste, das man sich überlegen kann. Um dem einen Twist zu geben, sind es Blumen aus einer Blumenhandlung am Friedhof. Damit ist es nicht ganz so friedlich und freundlich. Das hat mich darauf gebracht, dass es für fast alle Blumen eine Bedeutung gibt. In der viktorianischen Zeit war es relativ populär, Blumen zu verschicken, die eine Aussage vermitteln. Rote Rose heißen, wie wir alle wissen: “Ich liebe dich.” Fast alle Blumen tragen eine solche Botschaft in sich. Ich habe mir dann zwei Bücher dazu gekauft und im Internet recherchiert. Die Blumensträuße und -gestecke im Buch habe ich anschließend so zusammengestellt, dass sie eine Nachricht übermitteln. Nachdem Carolin Dingen wie Mails oder Telefonaten nicht vertraut, weil sie abgehört und nachverfolgt werden können, kommuniziert sie am liebsten über diese Blumen. Das wird zu einer spannenden Art der Kommunikation und funktioniert für die Geschichte wirklich gut.

APA: Auch der Titel hat eine spezielle Bedeutung.

Poznanski: “Vanitas” hat mehrere Bedeutungen. Es bedeutet Vergänglichkeit bzw. Eitelkeit. In der alten Bedeutung steht Eitelkeit für Vergänglichkeit. In den alten Kirchenliedern beispielsweise kommt “eitel” ganz oft vor und bedeutet “vergänglich”. Im Barock gab es Vanitas-Gemälde, in denen man meist irgendeinen Schreibtisch sieht, auf dem neben Federn und Schriftrollen ein Totenkopf liegt. Es geht um die Vergänglichkeit des Irdischen, weshalb sich “Vanitas” als Übertitel gut eignet. Unter anderem, weil der Friedhof doch eine sehr zentrale Rolle spielt.

APA: Mit Ihren Leserinnen und Lesern kommunizieren Sie nicht über Blumen, sondern über quasi alle Social-Media-Kanäle. Ist das etwas, das Sie persönlich reizt, oder ein professioneller, moderner Aufbau von Leserbindung?

Poznanski: Ich mache das gerne, sonst würde ich es auch nicht machen. Die sozialen Medien sind der direkteste Kontakt, den ich mit meiner Leserschaft aufnehmen kann. Ab und zu poste ich auch etwas “Persönliches”, dann wieder etwas über das Schreiben und die Bücher. Es ist eine Mischung, über die man greifbarer und ansprechbar für die Leser wird. Gleichzeitig kann ich es relativ gut steuern. Ich muss nichts schreiben, was ich nicht schreiben will, kann aber den Lesern als Person ein wenig näher rücken.

APA: Sie haben vor kurzem sogar eine Spotify-Playlist zum neuen Buch veröffentlicht.

Poznanski: Die Idee kam mir erst, nachdem ich in meiner Familie die ersten Exemplare des neuen Buchs verteilt habe. Im Buch kommt sehr viel Musik vor, die meine Familie nicht kannte. Sie haben mich danach gefragt und ich dachte mir: Bevor ich jedem einzeln einen Link zu den Liedern schicke, mache ich eine Liste auf Spotify. Die habe ich dann für meine Leser online gestellt. Das habe ich zum ersten Mal in der Form gemacht und fand es sehr lustig. Vielleicht mache ich das wieder.

APA: Sind die Sozialen Medien nicht auch eine alternative Werbeform? Spannungsliteratur ist ja nicht gerade das Liebkind der Feuilletons.

Poznanski: Das stimmt. Ich bin ganz froh, dass die Hochliteratur dort ihren Platz findet – da muss man mit dem Krimi nicht dringend rein. Ich bin nicht neidisch. Die Plattformen, die uns als Spannungsautoren zur Verfügung stehen, sind toll und auch richtig. Wir sind in den Medien nicht schlecht platziert. Im Grunde finde ich den Mix spannend, in dem man sich auch selbst ein wenig über Social-Media darstellen kann. Je mehr Medienpräsenz, desto besser.

APA: Sie schreiben zwei Bücher im Jahr. Das klingt ja schon fast nach einer maschinellen Produktion. Haben Sie manchmal den Eindruck, Sie sollten sich selber einbremsen, um nicht an Qualität zu verlieren?

Poznanski: Ich habe mir das bereits durchgerechnet, weil ich diese Frage relativ oft gestellt kriege. Bei mir hat ein Buch rund 400 Seiten. Ich schreibe – mit wenigen Ausnahmefällen – eigentlich jeden Tag, meistens auch im Urlaub. Das tut sowohl mir als auch dem Buch gut, wenn ich im Fluss bleibe und nicht erst wieder in die Geschichte und in den Ton hineinfinden muss. Das ergibt dann einen Schnitt von ungefähr vier Seiten am Tag, was nicht so viel ist. Viel mehr könnte ich auch gar nicht. Nach maximal sieben Seiten fällt bei mir absolut der Vorhang und es kommt kein vernünftiger Satz mehr raus. Diese vier Seiten am Tag schreibe ich in drei bis vier Stunden. Es ist definitiv nicht so, dass ich Tag und Nacht nur schreibe oder etwas schnell runterklopfe, ohne darauf zu achten, wie es klingt. Meiner Ansicht nach sind zwei Bücher im Jahr ein Pensum, das weder übermenschlich noch verrückt ist. Die einzige Konsequenz ist, dass man sich wirklich jeden Tag hinsetzen und schreiben muss – auch wenn es schon sieben Uhr am Abend ist, weil man vorher nicht dazu gekommen ist. Mir hilft diese Regelmäßigkeit. Und die zwei Bücher im Jahr ergeben sich dadurch, dass ich zwei Verlage habe – einen für die Jugendbücher und einen für die Erwachsenenbücher – und dass die jeweils ein Buch im Jahr haben wollen. So einfach ist das.

APA: Wenn Sie häufig nach den zwei Büchern im Jahr gefragt werden: Was ist denn bei Ihren Lesungen die häufigste Frage?

Poznanski: Wo die Ideen herkommen. Das ist die Frage, die man allen Autoren stellt. Sie ist durchaus naheliegend, nur leider nicht beantwortbar. Die Ideen schießen einem manchmal einfach ganz assoziativ durch den Kopf. Manchmal macht es bei Themen, bei denen es eigentlich um ganz etwas anderes geht, plötzlich Klick. Ganz am Anfang ist es ohnehin nie eine Geschichte, sondern immer nur so ein Zipfel von irgendetwas, an dem man sich dann festklammert und versucht, möglichst viel davon an sich heran zu zerren. Darum versucht man dann eine Geschichte zu bauen. So geht es, glaube ich, den meisten Autoren.

Ursula Poznanski ist eine österreichische Autorin und lebt mit ihrer Familie in Wien. Die 50-Jährige war zuvor als Journalistin für medizinische Zeitschriften tätig und begann ihre schriftstellerische Karriere mit Kinderbüchern. Seit ihrem Erfolgsroman “Erebos” (2010) schreibt Ursula Poznanski Spannungsliteratur für Jugendliche und später auch Erwachsene, etwa mit einer Reihe um das Ermittler-Duo Beatrice Kaspary und Florin Wenninger. Ihre Bücher stehen regelmäßig auf den “Spiegel”-Bestsellerlisten. 2018 wurde ihr der Österreichische Krimipreis verliehen.)

Das Gespräch führten Wolfgang Huber-Lang und Lisa Omelko/APA

INFO: Ursula Poznanski: “Vanitas – Schwarz wie Erde”, Knaur Verlag, 384 Seiten, 15,50 Euro

Von: apa