Hörbiger und von Borsody sielen Mutter und Tochter

Christiane Hörbiger als Lebensmüde: “Die letzte Reise”

Donnerstag, 28. September 2017 | 13:11 Uhr

“Ich hatte ein Leben. Und es war schön. Es ist vorbei”, sagt eine leise, ein wenig bittere Stimme aus dem Off, “ich bin einfach müde.” Zu sehen sind dabei Bilder einer betagten, altmodisch angezogenen Dame, die mit ihrer Gehhilfe mühsam aus einem Auto steigt. Und am Hamburger Hauptbahnhof keuchend und nach ihrem Atemgerät greifend einen Zug nach Zürich erreicht.

“Als ob jemand Teer über die Uhren gegossen hätte”, so fühle sich ihre Existenz an, erklärt die von Christiane Hörbiger verkörperte kultivierte Katharina. In der Schweiz empfängt sie in einer speziellen Klinik ein Arzt (Burghart Klaußner), der sie zu der von ihr ersehnten und dort legalen Sterbehilfe beraten soll. Mit den Schauspielstars Hörbiger und Klaußner sowie Suzanne von Borsody und Nina Kronjäger als Töchter der Seniorin widmet sich der angesehene Regisseur Florian Baxmeyer in “Die letzte Reise” (am 2. Oktober um 20.15 Uhr in der ARD) einem so sensiblen wie brisanten Thema: der Sterbehilfe als Dienstleistung. Die Produktion der Aspekt Telefilm ist im Rahmen eines Themenabends zu sehen. Im Anschluss an den Film läuft um 21.45 Uhr die Dokumentation “Frau S. will sterben – Wer hilft am Lebensende?” von Ulrich Neumann und Sebastian Bösel.

In “Die letzte Reise” nach dem Drehbuch von Thorsten Näter sind es die erwachsenen, berufstätigen Töchter, die von der Entscheidung ihrer Mutter schockiert sind. Die Bauingenieurin Heike (von Borsody), verheiratet und selbst Mutter zweier Kinder, beschließt sogar, diese “entmündigen” zu lassen, um zu verhindern, dass sie ihren “irrsinnigen” Plan umsetzt. Damit setzt sie nicht nur die Beziehung zu ihrer Mutter, sondern auch zu ihrer Schwester Maren (Kronjäger) aufs Spiel. Denn die Anwältin hängt bei aller äußerlichen Kühle genauso an Katharina, ist aber bereit, die Mutter vor Gericht zu vertreten, als Heike dort eine Betreuung durchzusetzen will. Dank ihrer akribischen Vorbereitung gewinnen Maren und ihre Mutter den Prozess. Freude darüber mag sich jedoch nicht einstellen.

“Spannend an den Dreharbeiten fand ich, dass Frau Hörbiger, Nina Kronjäger und ich drei verschiedene Ansichten über Sterbehilfe vertreten”, berichtet von Borsody der Deutschen Presse-Agentur bei einem Interviewtermin in Hamburg. Es sei großartig, dass hier Menschen mit ihren Meinungen miteinander ins Gespräch kommen. Dabei ergäben sich Fragen wie etwa danach, wer hier egoistisch sei. Diejenige, die ihr Leben beenden will, obwohl es die Töchter traurig macht? Oder diejenige, die ihre Mutter unbedingt behalten will, nur damit sie da ist – aber keinen Spaß am Leben mehr hat? “Das ist ein Thema, das nach dem Film sicherlich zu viel Gesprächsstoff führen wird – schließlich ist der Tod allgemeingültig für jeden Menschen auf der Welt”, sagt von Borsody.

Dennoch ist “Die letzte Reise” kein Thesenfilm, sondern eine einfühlsame, atmosphärisch dichte Studie über das Altwerden. In der spürbar wird, wie sehr es einen Menschen zu entmutigen vermag, wenn selbst kleinste Situationen des Alltags nicht mehr gelingen. Zum Beispiel, wenn Katharina beim Zeichnen im Sessel einschläft, dabei zu Boden fällt und dann nicht mehr allein aufstehen kann. Nicht zuletzt sorgen hervorragende Darsteller für Wahrhaftigkeit. So macht Hörbiger bei zurückhaltendem Spiel empfindliche innere Vorgänge ihrer Rollenfigur, aber auch deren Entschlusskraft transparent. Einen starken Eindruck hinterlässt auch Klaußner, der als selbst leidgeprüfter Mediziner wieder die Lebenslust in Katharina wecken möchte. Und sie zum Genuss von gutem Essen und edlem Wein animiert.

Ein Schlüsselmoment ist eine Szene, in der die alte Dame als Zeugin bestellt wird, während eine junge Schwerkranke (Karoline Bär) das tödliche Getränk zu sich nimmt. Zur Werbung für Selbstmord gerät Baxmeyers Film auch dabei keineswegs.

Von: APA/dpa