Schauspieler erinnert sich in "Roman" an sein Engagement in Koble

Das Theater und das Leben: Michael Dangl ist “Im Rausch”

Mittwoch, 27. Februar 2019 | 12:47 Uhr

Schauspieler-Erinnerungen sind ein eigenes Genre. Sie können staatstragend oder anekdotisch sein, sich mit dem Beruf, der Zeit, den Kollegen oder vor allem mit sich selbst auseinandersetzen. Joachim Meyerhoff hat mit viel Selbstironie und Übertreibungskunst literarische Funkelsteine daraus geschliffen. Michael Dangl legt nun ein Selbstporträt des jungen Mannes als wilder Hund vor: “Im Rausch”.

Dangl, der sein Werk am Donnerstag in der Buchhandlung Thalia Wien-Mitte vorstellt, ist einer der Protagonisten des Wiener Theaters in der Josefstadt und dortselbst derzeit in Ferdinand Raimunds “Der Bauer als Millionär” als Fortunatus Wurzel zu sehen. In seinem Buch “Rampenflucht. Ein Nachspiel” (2010) war er in die Figur des Schauspielers Stefan Kowalsky aus Gabriel Baryllis “Butterbrot”, die er in zwei Inszenierungen rund 150 Mal gespielt hat, geschlüpft und hatte dabei eine existenzielle Auseinandersetzung mit seinem Beruf vorgelegt, den er immer auch als Berufung sieht.

Mit “Im Rausch” hat der 51-jährige Salzburger, der sich immer wieder auch als Autor betätigt, nun ein weiteres Theaterbuch geschrieben. Es ist als Roman ausgeschildert, jedoch mehr eine Sammlung an Erinnerungen an sein Engagement als blutjunger Schauspieler am Theater Koblenz unter dem aus Linz stammenden Intendanten Hannes Houska, einem 2012 gestorbenen Theatermacher der alten Schule. Dabei mischen sich Geschichten aus dem Theaterbetrieb mit den Versuchen, in einer fremden Stadt Fuß zu fassen und dem Liebesleid eines jungen Mannes. Was daran wahr, was erfunden ist, wissen natürlich nur die (Theater-)Götter, die wohl auch darüber Auskunft geben können, warum Dangl die Stadt am Zusammenfluss von Mosel und Rhein konsequent “Flußfeld” nennt.

Dangl erinnert sich spürbar gerne an die Zeit, an dem ihm bzw. seinem Helden die Welt offen stand, in der er sich rückhaltlos in Affären stürzte und mit größtem Selbstbewusstsein die heftigsten Kämpfe mit Vermietern ausfocht. Ein anonymer, handgeschriebener Brief der “Nachbarschaft”, in dem man gegen nächtliche Ruhestörungen protestierte (“Sie ausgeflippter Arsch mit Ohren! Glauben Sie, dass Sie hier machen können was Sie wollen?”), wird zur Trophäe und zum Beweis für eine Zeit, die in jeder Hinsicht “im Rausch” durchlebt wurde: “Ich trug schwer an mir, auch deshalb verlor ich mich so gerne an den Rausch: den Rausch des Spielens, den Rausch der Verwandlungen, den Rausch des Alleinseins, der Ekstase und, auch, der Trunkenheit.”

Natürlich stehen Traum und Wirklichkeit des Theaterbetriebs im Mittelpunkt. Der Held, der als junger Protagonist (so wie Dangl damals) Romeo und Don Carlos, den Lysander im “Sommernachtstraum” und Kostja in “Die Möwe” spielen darf, ist Zentrum einer verschworenen Gemeinschaft junger Kollegen, die für das Theater brennen. “Wir redeten mit niemandem über etwas außer unseren Beruf, wir dachten vom Aufstehen bis zum Schlafengehen an nichts als unsere Arbeit, und im Schlaf träumten wir davon.” Ununterbrochen probt oder spielt er, taumelt von nächtlichen Exzessen auf die morgendliche Probe und weiß – eine der schönsten Anekdoten des Buches – eines Tages gar nicht mehr, wovon das Stück überhaupt handelt, als dessen Protagonist er besetzt ist. Er schnuppert in choreografischen Projekten in die harte Welt der Tänzer und arbeitet mit einer “aufstrebenden jungen Regisseurin” (gemeint ist wohl Thirza Bruncken), dank der er auch beim “Mühlheimer Theatertreffen” (gemeint sind wohl die Mülheimer Theatertage) spielen darf.

“Im Rausch” ist ein mit viel Herzblut geschriebenes, über weite Strecken amüsantes und gelegentlich ein wenig dick auftragendes Erinnerungsbuch. Der Autor trauert dieser Zeit durchaus ein wenig nach, aber er verklärt nichts. Denn es finden sich auch jene Kollegen geschildert, die schon vor Jahrzehnten gebrannt haben und nun ausgebrannt sind, die nicht mehr im Spielrausch sind, sondern sich am Alkohol anhalten, die es versäumt haben, der Welt der Bühne in ihrem Leben ein Gegengewicht zu schaffen. Bitter, wenn man nichts hat, in das man sich fallen lassen kann, wenn der Vorhang fällt. Auch deshalb erzählt Dangls Buch nicht nur über das Theater, sondern vor allem über das Leben. Wie an sich ja jede gute Theatervorstellung…

Von: apa