Der Wiener Felix Kramer stellte sein Debütalbum vor

Debütalbum “Wahrnehmungssache”: Felix Kramer im Porgy & Bess

Mittwoch, 10. Oktober 2018 | 10:24 Uhr

Man könnte Felix Kramer ohneweiteres als jüngsten Spross einer von Jacques Brel und Ludwig Hirsch in die Gegenwart führenden genealogischen Linie ansehen. Wirklich gerecht würde man ihm damit jedoch nicht. Das bewies der 23-jährige Wiener gestern bei der Präsentation seines Debütalbums “Wahrnehmungssache” im Porgy & Bess. Dort zeigte er mit seinen Musikern nämlich erstaunliche Vielseitigkeit.

Sicher, das Raunzige und das Knatschige sind sein Markenzeichen, das er in seinen Texten kultiviert und gelegentlich auch überstrapaziert. Doch das typisch Wienerische “woin und do net woin”, dieses “Ja, aber”, das sich nie entscheiden kann, weil es doch immer besser ist, sich bis zum Schluss alle Optionen offenzuhalten, das Leiden an der Welt und an der eigenen Untätigkeit, erfährt durch ihn eine absolut zeitgemäße Neuinterpretation.

Man könnte ihm vorhalten, dass er ein wenig zu sehr im Weltschmerz badet, dass er die Spielarten von Annäherung und Abstoßung etwas zu monothematisch variiert, dass man nicht immer sicher sein kann, wo das Gefühl aufhört und die Pose anfängt – doch musikalisch überzeugt das von Hanibal Scheutz produzierte und bei Phat Penguin Records erschienene Album ebenso wie der Live-Auftritt.

Schon der gestern sehr spät gebrachte Titelsong ist erstaunlich: Ein fröhlicher Depri-Song, bei dem Kramer über die Möglichkeit, in Shopping-Center oder U-Bahn einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen, sinniert und zu Textzeilen wie “I frog mi, wie soll des weitergehn, und i frog mi, wo geht des no hin?” oder “Die Leut sind entweder unzufrieden oder depressiv / irgendetwas lauft grad gewaltig schief” dennoch beschwingte Gelassenheit verbreitet. Der einzig prononcierte Polit-Song in einer ganzen Reihe von Balladen, die manchmal solo mit Gitarre in bescheidener Liedermacher-Manier, manchmal mit Untermalung eines Damen-Streichquartetts (Magdalena Zenz, Emily Stewart, Martina Bischof und Maiken Beer) ohne Scheu vor Pathos daherkommen.

Bei der Aufnahme im Studio seien nicht nur eine ganze Reihe Menschen im Hintergrund, sondern auch jede Menge Musiker beteiligt gewesen, erzählt Kramer, und so herrscht auf der kleinen Bühne ein ständiges Kommen und Gehen. Max Wintersberger bedient nicht nur Keyboards und spielt Melodica, sondern sorgt als Trompeter gemeinsam mit Posaunistin Christina Baumfried gelegentlich für El Mariachi-Sound. Beate Wiesinger spielt Bass, Markus Schneider Gitarre und am Schlagzeug ist an diesem Abend der Bruder des Sängers, Clemens Pöchhacker, eingesprungen.

Felix Kramer heißt nämlich eigentlich Felix Pöchhacker und spielt nicht nur in verschiedenen Neue Musik-Ensembles, sondern hat auf der Wiener Musikuni im Vorjahr als Bachelorstudent beim podium.wien Musikwettbewerb in der Kategorie “Unplugged/Songwriting” gewonnen. “Ja, so ist das bei den Oscars”, meinte er dagegen gestern bei seiner Dankesrede an Freunde und Mitarbeiter, die er zwischen den Nummern einschob, denn “alleine geht gar nichts”. Den Jubel im Porgy & Bess genoss er sichtlich gerührt und ließ kurz das Saallicht anmachen, um den ausverkauften Club in Ruhe zu betrachten, “weil: Das wird mir morgen nicht mehr passieren…”

Das ist freilich tief gestapelt, denn erstens folgen auf ein Konzert in “Die Scherbe” in Graz am 15. Oktober gleich drei Auftritte in Deutschland (zwei davon in Berlin), zweitens wurde gestern zu den elf Songs des Debütalbums bereits einiges an neuem Material gespielt, das absolut Potenzial erkennen lässt.

Felix Kramer ist ein bemerkenswerter Start gelungen. Jetzt gilt es, den herrschenden Rückenwind auszunützen. Denn schon ist die Konkurrenz bereits beim Aufwärmen. Und die ist noch jünger: Der Wiener Wenzel Beck, seit kurzem bei Universal Music Austria unter Vertrag und kürzlich erst 19 geworden, hat soeben seine neue Single “Immer Wieder” released: Ein ruhiger, melodiöser Polit-Song, der sich mit der eigenen Untätigkeit angesichts allgegenwärtiger Krisen beschäftigt und den Beck live immer wieder auch an der Seite von Willi Resetarits performt. Noch eine Nachwuchshoffnung. Die Szene ist in Bewegung.

Von: apa