Dieter Wedel ist tief gefallen

Der Fall Dieter Wedel oder vom Absturz eines Star-Regisseurs

Mittwoch, 31. Januar 2018 | 12:25 Uhr

Dieter Wedel ist tief gefallen. Über Jahrzehnte wurde der preisgekrönte Film- und Theaterregisseur für seine Fernseh- und Bühnenerfolge in Deutschland gefeiert. Doch seit Jahresbeginn ist für den Macher von “Der große Bellheim”, “Der Schattenmann” oder “Der König von St. Pauli” nichts mehr wie es einmal war.

Unter dem Druck immer neuer Anschuldigungen von Frauen, die inzwischen von sexueller Belästigung bis zur Vergewaltigung reichen, trat Wedel am 22. Jänner als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück. Die Vorwürfe setzten dem 75-Jährigen nach Angaben seines Anwalts derart zu, dass er mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus musste.

Ob Wedels künstlerische Karriere noch eine Fortsetzung finden kann, scheint ungewiss. Es ist düster geworden um die einstige Lichtgestalt, die Fernsehgeschichte in Deutschland schrieb. Nun fordern sogar manche, dass seine TV-Mehrteiler verbannt werden.

Ihren Anfang nimmt die Affäre um Dieter Wedel am 3. Jänner: Das “Zeit-Magazin” berichtet über heftige Vorwürfe von Schauspielerinnen. Es geht um angebliche gewalttätige und sexuelle Übergriffe in der 90er-Jahren. Wedel weist die Anschuldigungen zurück und gibt dazu – wie einige der Frauen – eine eidesstattliche Erklärung ab. Er habe zu keinem Zeitpunkt diesen oder anderen Frauen in irgendeiner Form Gewalt angetan.

Erstmals seit Beginn der sogenannten #MeToo-Debatte – von Schauspielerinnen in den USA mit Berichten über sexuelle Übergriffe in Gang gesetzt – erheben damit auch Frauen in Deutschland konkrete Vorwürfe gegen einen prominenten Mann aus der Filmbranche.

Wegen eines Falls im Sommer 1996, bei dem Wedel eine der Frauen zum Sex in einem Münchner Hotel gezwungen haben soll, ermittelt die Staatsanwaltschaft München. Es gehe um den Anfangsverdacht einer Sexualstraftat. Wegen einer relativ neuen Änderung des Strafgesetzbuches ist die Wedel vorgeworfene Tat noch nicht verjährt.

Einige Schauspielerinnen und Weggefährten verteidigen Wedel. Sie können sich nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist. Andere belasten den Regisseur weiter: Er wird beschrieben als Exzentriker und Choleriker, der seine Macht als einflussreicher Regisseur missbraucht habe, der Schauspielerinnen schikanierte. Wedel versichert in einer persönlichen Erklärung: “Ich verabscheue jede Form von Gewalt, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer.”

Vom “Zeit-Magazin” zu Wedel befragt, sagt Schauspielerin Corinna Harfouch: “Viele haben gewusst, dass Wedel Schauspielerinnen schlecht behandelt und demütigt. Das war ein von allen gestütztes System.” Den von der “Zeit” zitierten Schauspielerinnen geht es nach eigenen Worten nicht darum, einen prominenten Mann wie Wedel nachträglich in Verruf zu bringen. Sie wollten vielmehr den Machtmissbrauch offenlegen und damit die Mechanismen der Filmbranche verändern.

Rückblende: Wedel feiert große Erfolge vor allem mit TV-Mehrteilern. Es beginnt 1972 mit “Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims”. Der Durchbruch gelingt dem promovierten Theater-Wissenschaftler aus Frankfurt mit “Der große Bellheim” (1993/ZDF), es folgen “Der Schattenmann” (1996/ZDF), “Der König von St. Pauli” (1998/Sat.1) und “Die Affäre Semmeling” (2002/ZDF).

Das sind angesichts der hohen Einschaltquoten echte “Straßenfeger”. Die Fernsehnation spricht erwartungsvoll vom “neuen Wedel”, wenn ein neues Werk wie der Zweiteiler “Gier” (2010) erscheint – ein Gütesiegel. Und die Erwartungen werden selten enttäuscht. Wedel bringt Schauspieler groß heraus, viele Akteure reißen sich darum, mit ihm zu arbeiten.

Nach den Vorwürfen gegen den Regisseur bemühen sich Sender und Produktionsfirmen nun um Aufklärung. Die ARD-Intendanten wollen sich bei ihrer nächsten Sitzung Anfang Februar mit dem Thema befassen.

Für die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) erweckt der Fall Wedel den “Eindruck eines Schweigekartells”. Die SPD-Politikerin sagt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): “Ich bin normalerweise vorsichtig mit solchen Worten, aber: Wenn sich die Anschuldigungen bestätigen, dann ist das ein Skandal, von dem sehr viele Menschen gewusst haben müssen. Ich hoffe sehr, dass jetzt viele Frauen den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen.”

Der Regisseur Simon Verhoeven kritisiert das ganze Filmgeschäft. “Jeder, der in der Filmbranche eine Zeit lang gearbeitet hat, wusste von den ätzenden Geschichten über Wedel”, schreibt Verhoeven am Sonntag auf seiner Facebook-Seite. “Ich schäme mich für die Mechanismen meiner Branche.” Sender, Produktionen und Filmschaffende hätten jahrzehntelang geschwiegen. “Es wurde verharmlost, verdrängt, verschwiegen. Aus Angst. Aus Scham.”

Wedel wechselt nach den Erfolgen im Fernsehen ans Theater. Er führt erst Regie bei den Nibelungenfestspielen Worms (2002/2003), übernimmt von 2004 bis 2014 dort die Intendanz. Dann geht er im Herbst 2014 zu den Bad Hersfelder Festspielen. Dort hebt er das Freilicht-Theaterfestival auf ein neues Qualitäts- und Bekanntheitslevel. Dem Top-Regisseur gelingt es, prominente Schauspieler in die hessische Provinz zu lotsen. Zur feierlichen Festspieleröffnung wird der rote Teppich ausgerollt.

Noch zu seinem 75. Geburtstag im November 2017 huldigen zahlreiche Branchengrößen dem großen Dieter Wedel. Ufa-Chef Nico Hofmann sagt: “Er ist ein Mann mit einer unglaublichen kreativen Energie, auch mit großer Jugendlichkeit.” Er schätze Wedels “Gespür für den Zeitgeist”, wie er politisch kontroverse Stoffe anpacke.

Ende Jänner schlägt Hofmann etwas andere Töne an. “Es wusste jeder, dass bei Dieter Wedel ein rauer Ton am Set herrschte, aber von sexuellen Übergriffen – oder sogar Vergewaltigungen – war mir nichts bekannt”, sagt er der “Bild”-Zeitung. Wedel habe trotz allem “ein einzigartiges Werk vollbracht” und werde ein Teil deutscher Fernsehgeschichte bleiben.

“Man sollte seine Filme nicht verbieten, jetzt aber einer neuen Betrachtung unterziehen”, sagt Hofmann. Wedel müsse sich die Frage gefallen lassen, ob er für seinen Erfolg Menschen gebrochen habe.

Der Regisseur selbst fühlt sich einer “Hexenjagd” ausgesetzt, wie er in einem Statement sagte. Dabei kündigte er auch an, sich nicht mehr öffentlich äußern zu wollen.

Erstmal nicht mehr arbeiten zu können, dürfte ihm schwerfallen. Der Deutschen Presse-Agentur sagte er noch im November, wie wichtig es ihm sei, seinem Beruf nachgehen zu können. Er wolle arbeiten, bis er umfalle, so Wedel damals. “Ich lese immer, ich sei ein Workaholic. Das stimmt aber nicht. Wenn es Spaß macht, ist es ja keine Arbeit.”

Eigentlich hatte Wedel noch Pläne – auch für ein neues Filmprojekt. Es handelt von der Mafia auf Mallorca – Titel: “Die Piraten-Insel”. Doch nun muss der 75-Jährige erst einmal mit seinem abrupten Absturz zurechtkommen.

Von: APA/dpa