Hella von Sinnen gilt als Urgesteinen des deutschen Privatfernsehens

Die schrille Hella von Sinnen wird 60 Jahre alt

Samstag, 02. Februar 2019 | 10:27 Uhr

Schrill, laut, lesbisch und dick – das sind die Beschreibungen, die über Hella von Sinnen am meisten verbreitet sind. Zu ihrem 60. Geburtstag an diesem Samstag wünschte sich von Sinnen im WDR, lieber anders charakterisiert zu werden. Nämlich als “hochintelligent” und “empathisch”. An den Klischees über sich hat von Sinnen allerdings gerade zu Beginn ihrer Karriere selbst kräftig mitgearbeitet.

Als das Privatfernsehen in Deutschland in den 80er Jahren in seinen Kinderschuhen steckte, tauchte die bis dahin nur im Rheinland bekannte Künstlerin wie eine Erscheinung im Fernsehsender RTL auf. “Alles nichts oder?!” hieß das anarchische Show-Format mit von Sinnen und Hugo Egon Balder, bei dem die Torten flogen und sich über Prominente lustig gemacht wurde.

Die am 2. Februar 1959 in Gummersbach als Hella Kemper geborene Komikerin zählt damit zu den Urgesteinen des Privatfernsehens. Die mit ihrer Art polarisierende von Sinnen hat aber auch ein großes Verdienst daran, das in den 80er Jahren noch oft spießige Fernsehen und mit ihm auch Teile der Gesellschaft aufgelockert zu haben – vor allem dadurch, dass sie aus ihrer Homosexualität kein Geheimnis machte.

Im vergangenen Jahr erzählten Balder und von Sinnen der “Bild”-Zeitung von ihrem Kennenlernen. “Ich habe mich Hugo bei RTL in der Kantine vorgestellt: ‘Hallo, ich bin Hella, ich bin lesbisch'”, erinnerte sich von Sinnen. Balder antwortete demnach: “Das passt gut, ich steh’ auch auf Frauen”.

Was im Nachhinein so locker klingt, war in den Jahren vor und direkt nach der Wiedervereinigung noch ein Tabu. “Ich war natürlich Ende der 80er Jahre eine Provokation”, sagte von Sinnen dem WDR. “Aber heute bin ich Kult.”

Ihre Provokation beschrieb sie 1993 dem “Spiegel”. Sie sei “die einzige deutsche TV-Person, die mit ihrem Coming-Out kokettiert hat.” Die lange in einer Wohngemeinschaft mit dem verstorbenen homosexuellen Künstler Dirk Bach lebende von Sinnen musste sich sogar gegen den Verdacht wehren, tatsächlich heterosexuell zu sein. Zur “Staatsaffäre” sei es geworden, als sie sich in Cornelia Scheel verliebte, sagte von Sinnen einmal.

Die Adoptivtochter des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel und von Sinnen wurden zu den prominentesten Kämpfern für die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare. 1993 klagten die beiden in der sogenannten Aktion Standesamt mit anderen vor dem Bundesverfassungsgericht für die Homo-Ehe. Die Karlsruher Richter lehnten die Ehe für Homosexuelle zwar damals ab, doch sie stellten erstmals fest, dass sich das gesellschaftliche Bild der Ehe wandeln könne – was inzwischen auch geschehen ist.

Die Beziehung von Sinnens zu Scheel scheiterte vor wenigen Jahren. Anders als es zwischenzeitlich schien, schadete der Moderatorin ihr offensiver Umgang mit ihrer Sexualität aber nicht.

Als Kabarettistin feierte sie immer wieder auf der Bühne Erfolge. Im Fernsehen blieb sie über all die Jahre durch verschiedene Sendungen meist an der Seite von Hugo Egon Balder präsent, vor allem auf Sat.1 mit “Genial daneben – Die Comedy Arena”. Dazu kommen andere Shows wie “Der Klügere kippt nach” und verschiedene Rollen als Schauspielerin und Synchronsprecherin.

Von Sinnen sieht es als ihre “Lebensleistung”, sich über all die Jahre so in der Öffentlichkeit gehalten zu haben. Einen Traum für die Schauspielerei hätte sie noch: Sie würde “wahnsinnig gerne eine Pennerin in der ‘Lindenstraße’ spielen”. Lange Zeit hat sie für diesen Traum allerdings nicht mehr – die ARD-Serie wird in gut einem Jahr eingestellt.

Von: APA/ag.

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