Thomas Edlinger ist zum zweiten Mal für das Programm verantwortlich

donaufestival: Wenn sich Körper und Geist ausklinken

Montag, 23. April 2018 | 09:45 Uhr

Getrieben von Arbeit und Freizeitstress, angeleitet von Smartphone und Hashtag-Orgie, entlassen in die Welt digitaler Zeichen: Der ständigen Verfügbarkeit jeglicher Ressourcen und dem Heischen nach Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft will sich das diesjährige donaufestival in Krems entgegenstellen. Unter Thomas Edlinger begegnet man der “endlosen Gegenwart” mit künstlerischen Alternativen.

Für den Festivalmacher, der zum zweiten Mal für die Programmierung verantwortlich zeichnet, geht es dabei offensichtlich gleichermaßen um das Ausloten von Extremen wie das Hinterfragen der Strukturen, die vielen unserer Handlungen zugrunde liegen. “Nichts endet wirklich, aber auch nichts beginnt neu”, beschreibt er im Vorwort der Festivalbroschüre das Heute und gibt die Suche nach etwas Altmodischem als ein mögliches Ziel aus.

Höchst körperlich und damit direkt erfahrbar kündigt sich dabei etwa die Performance “Church of Ignorance” an. Dafür besetzt Choreograf Chris Haring mit Liquid Loft am 28. und 29. April die Dominikanerkirche und lässt Körper auf Stimmen treffen. Ein “babylonisches Sprachengewirr” soll hier auf die Zuschauer einprasseln, wobei Worte in Gesten und Tanz umgesetzt werden und so eine physische Auslegung des möglicherweise Unverständlichen angegangen wird.

Die Gruppe The Agency thematisiert am ersten Wochenende in “Medusa Bionic Rise” wiederum den Fitnesswahn, wobei dieser nicht nur überhöht, sondern für Freiwillige auch direkt spürbar gemacht werden soll. Zur Grenzerfahrung könnte auch “When everything is human, the human is an entirely different thing” von Wild Vlees werden (28. und 29.4.): Bei dieser Österreichpremiere spielen Gipsschlamm und nackte Körper gleichermaßen eine Rolle und wird ein Paar so zur Skulptur, dessen menschliche Züge sukzessive verschwinden.

Musikalisch bewegt man sich hingegen zwischen den über die Jahren etablierten Polen Electronic und Postrock mit allerlei Ausfransungen. Das kanadische Kollektiv Godspeed You! Black Emperor wildert zum Beispiel ebenso im dröhnenden Gitarrenwald, wie atmosphärische Lichtungen aufgesucht werden, Laurel Halos Vorliebe für minimalistische Beats hat sich zuletzt immer stärker Popsounds geöffnet, und bei der Zusammenarbeit von Zonal (Justin Broadrick und Kevin Martin) mit der US-Rapperin Moor Mother darf man höchst politische Wut und dem Schmerz zugewandte Klänge erwarten.

Welch spannende Ergebnisse die Überschneidung von Clubsounds, zeitgenössischem R’n’B und queerer Ästhetik offenbart, konnte schon in den vergangenen Jahren mehrfach in Krems beobachtet werden. Heuer schlagen etwa MHYSA und Lotic in diese Kerbe, während das Quartett Ex Eye um Saxofonist Colin Stetson und Ausnahmeschlagzeuger Greg Fox instrumentale Virtuosität mit Lautstärke und Intensität kreuzt. Am anderen Ende des Spektrums hat sich Grouper angesiedelt: Die Folkmusikerin setzt auf Fragilität und Zurückhaltung, ohne auf große Wirkung verzichten zu müssen.

Gibt es so also reichlich Gelegenheit, Körper (fremde wie den eigenen) auf unterschiedliche Weise zu erleben und die Gedanken im repetitiven Groove von mal lauten, mal leisen Tönen auf assoziative Reisen zu schicken, setzt die unter Edlinger etablierte Diskursschiene auf anregenden Austausch. Kulturjournalisten wie Jens Balzer und Simon Reynolds oder der Medienwissenschafter Tilman Baumgärtel beschäftigen sich hier mit Vergangenem und Gegenwärtigem in der Musik oder thematisieren die Suche nach dem Neuen. Im Kunstprogramm nimmt schließlich Floris Vanhoof den Mikrokosmos von Schallplatten unter die Lupe, übersetzt Marina Gioti Schlaf in Sounds und Objekte oder treffen bei Ryan Trecartin und Lizzie Fitch YouTube-Ästhetik und Castingshows in einem “skulpturalen Theater” aufeinander.

Von: apa