Ghostpoet veröffentlicht sein fünftes Album

Düstere Zeiten, düstere Musik: Ghostpoet “wieder hungrig”

Donnerstag, 30. April 2020 | 09:13 Uhr

Für viele Künstler ist die durch das Coronavirus erzeugte Situation ein Alptraum: Stillstand in allen Bereichen. Was läge da näher, als sich Füsslis Gemälde “Der Nachtmahr” vor Augen zu halten? Der britische Musiker Ghostpoet hat dieses Sujet für das Cover seines Albums “I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep” neu interpretiert – und liefert auch sonst die passende Musik zu diesen düsteren Zeiten.

“Es ist wirklich surreal”, meinte Obaro Ejimiwe, wie Ghostpoet bürgerlich heißt, im APA-Interview. “Aber schön langsam finde ich mich damit ab. Nein, das trifft es nicht wirklich. Aber die Dinge haben sich ein bisschen gesetzt, meine Gedanken sind ruhiger geworden. Vor ein paar Wochen ist noch alles vor meinen Augen zusammengestürzt.” Die aktuelle Lage sei für Musiker eine Katastrophe. “Aufgrund der Struktur der Musikindustrie heißt es: Spielst du keine Konzerte, verdienst du kein Geld – jedenfalls bei vielen von uns.”

Und natürlich wäre das am Freitag erscheinende “I Grow Tired But Dare Not Fall Asleep” von einer Tournee begleitet worden. “Oh Mann, es war hart”, sprach Ejimiwe über jene Momente, als die Absage unausweichlich wurde. “Aber natürlich sind meine Sorgen im großen Zusammenhang irrelevant. Die Auswirkungen dieser Pandemie sind – mir fällt einfach kein besserer Begriff ein – beispiellos. Dabei sehen wir erst langsam, wie die Langzeiteffekte aussehen werden. Es ist derzeit ja unmöglich zu sagen, was als nächstes passiert.”

Was hingegen feststeht: Ghostpoet hat sich mit seiner fünften Platte selbst übertroffen. Sein reduzierter Düsterpop, der maßgeblich von treibenden Drums, einer stets äußerst markanten Basslinie und abwechselnd Streichern sowie Piano getragen wird, ist noch unvorhersehbarer und dringlicher geworden. Hier pulsiert die Dunkelheit, dringt die Apokalypse aus jeder Pore und bewegen wir uns sehenden Auges auf den Abgrund zu. Musik für die Pandemie, sozusagen.

“Es war natürlich nicht so intendiert, aber sicherlich ist dieses Album auch eine Reflexion der jetzigen Zeit”, erläuterte Ejimiwe. “Für manche mag das ein bisschen viel sein, wenn sie die Songs hören. Das verstehe ich. Andererseits werden einige Leute vielleicht Trost in der Tatsache finden, dass sie nicht allein sind mit ihren Gefühlen. Meine Musik hat ja immer polarisiert, das ist auch okay. Kunst sollte so sein.” Immerhin hätten manche jetzt vielleicht mehr Zeit, sich den zehn Songs zu widmen. “Vielleicht hilft ihnen Kunst, diese Situation zu überstehen – und insofern auch meine Lieder.”

Es war kein einfacher Weg für Ghostpoet vom Vorgänger “Dark Days + Canapes” (2017) zum neuen Werk, hat Ejimiwe doch für einige Zeit vom Musikmachen Abstand genommen. “Nach der damaligen Tour war ich in einer Sackgasse, was frustrierend war.” Geholfen hat letztlich ein Ortswechsel: Vom hektischen London zog er in das kleine Küstenstädtchen Margate im Osten des Landes, wo der Sänger ein Cafe betrieb und nebenbei ein Online-Radio auf die Beine stellte. Junge Hobbymusiker, die in seinem Lokal gespielt haben, hätten ihn wieder angespornt. “Sie hatten so viel Leidenschaft. Ich habe gesehen, was für mich selbstverständlich geworden ist. So wurde ich wieder hungrig.”

Also durchforstete Ejimiwe sein Demos und Skizzen, wählte die vielversprechendsten Ideen aus und machte sich ans Werk. “Da steht zunächst immer die Frage: Welche Welt will ich erzeugen? Es geht mir um ein Gesamtbild, das ich vermitteln will.” Danach ging es ins Studio mit befreundeten Musikern, die seine Vorgaben umsetzten. “Ich habe sie so frei wie möglich spielen lassen, aber stets eine Richtung vorgegeben. Später wurde arrangiert. Es ging darum, das Fett wegzuschneiden, nur das Nötigste übrig zu lassen und dennoch genug Raum für Experimente zu bieten”, so Ejimiwe. “Ich wollte unbedingt so viele glückliche Zufälle wie möglich einfangen.”

Das scheint gelungen: In “Humana Second Hand” umspielen sich Streicher und Rhythmussektion, “Concrete Pony” hat einen leicht verhangenen, unwiderstehlichen Groove, und “Nowhere To Hide Now” wechselt zwischen Alternative Rock und urbanem Popentwurf. Gemein ist allen Stücken, dass sie atmosphärisch äußerst dicht aus den Boxen dringen. “Es ging mir um ein Gefühl von Drama”, betonte Ejimiwe. “Ich wollte einen theatralen Ansatz verfolgen. Aber du musst natürlich wissen, was ein Song braucht und was eventuell nicht passt.”

Sehr sorgfältig geht Ghostpoet auch mit seinen Worten um. “Es soll so konzentriert und genau wie möglich werden. Wahrscheinlich bin ich ein guter Texter, aber ich will großartig werden – da gibt es schon noch Raum zur Verbesserung”, schmunzelte der Sänger. Dabei malt er starke Bilder, wenn es etwa in “Rats In A Sack” um den Brexit sowie den britischen Windrush-Skandal um Einwanderungspolitik geht. “Diese Leute haben das Land mitaufgebaut, sind Teil des Commonwealth – und dann sollen sie zurück an einen Ort, an dem sie nie gelebt haben?”, echauffierte sich Ejimiwe über die 2018 aufgekochte Diskussion. “Mir ist wichtig, über Dinge zu sprechen, die unsere Gesellschaft beeinflussen. Aber als dezidiert politischen Künstler sehe ich mich dennoch nicht.”

Ein zwiespältiges Verhältnis hat Ejimiwe auch zu Social Media und den technischen Tools unserer Zeit. “Ich kämpfe damit”, lachte er. “Klar sind viele davon sehr praktisch. Aber was ist mit dem Sicherheitsaspekt vieler Anwendungen? Und nicht zu vergessen dem sozialen Impakt, wenn man über Likes oder ähnliche Formen der Zustimmung definiert wird. Das ist ihre Währung, und ich habe damit meine Probleme. Als Künstler musst du vieles davon nutzen. Es geht um Inhalte, Inhalte, Inhalte – füttere die Maschine! Das liegt aber nicht in meiner Natur. Wenn, dann versuche ich Sachen zu veröffentlichen, die Substanz haben, und kein Foto von meinem Frühstück”, meinte Ejimiwe augenzwinkernd. “Ich bin einfach kein Fan der Ich-Kultur, die so entstanden ist.”

(S E R V I C E – https://www.ghostpoet.co.uk)

Von: apa