Dorn hat das Schauspiel maßgeblich geprägt

Ein Leben für das Theater: Dieter Dorn ist 85

Samstag, 31. Oktober 2020 | 08:03 Uhr

Als Dieter Dorn vor sieben Jahren seine Biografie auf den Markt brachte, nannte er sie “Spielt weiter!”. Untertitel: “Mein Leben für das Theater”. Jetzt wird er am 31. Oktober 85 Jahre alt, und dass er mit diesem Untertitel nicht übertrieben hat, zeigen nicht nur die 35 Jahre, die er Münchens Theaterleben als Intendant der Kammerspiele und des Bayerischen Staatsschauspiels prägte. Und noch weit über das übliche Rentenalter hinaus inszeniert er an den großen Häusern Europas.

Ein Interview zu seinem Geburtstag will Dorn nicht geben. “Zurückblicken ist nichts für mich”, sagt er: “Das sollen andere tun.” Dorn steht für eine Regieform, die es heute kaum noch gibt, die den Autor des Stückes als eine Art unantastbare Instanz akzeptiert – und an das feste Schauspielensemble eines Hauses glaubt. Es ist wohl das Gegenteil von dem, was man heute Regietheater nennt. Als Dorn 2016 bei den Salzburger Festspielen Samuel Becketts “Endspiel” inszenierte, bescheinigten Kritiker ihm, mit seiner absoluten Texttreue feinste Schauspielkunst zu ermöglichen – aber gleichzeitig auch etwas Museales zu präsentieren.

“Klar. Das können einem die Leute vorwerfen, die eben nicht nah am Text bleiben”, sagte Dorn selbst im Jahr 2011 kurz vor seinem Abschied von der Spitze des Bayerischen Staatsschauspiels in einem Interview der dpa. “Und ich kann denen genau das vorwerfen – dass sie eben nicht nah am Text bleiben. Das ist aber völlig absurd. Das Theater hat so viele Wohnungen wie ein Hochhaus Fenster hat, und da ist alles möglich”, betonte er. “Für mich kommt aber erst der Text, dann die Schauspieler und dann der Regisseur. Private Obsessionen interessieren mich überhaupt nicht.” Dorns oft konservativ genannter Regiestil ist legendär. Für die einen bedeute er Konsequenz, für die anderen Stagnation, konstatierte der Bayerische Rundfunk zu seinem Abschied als Intendant in München.

Den Grundstein für seine Karriere legte Dorn in der DDR: In seiner Geburtsstadt Leipzig studierte er Theaterwissenschaft, ehe er 1956 das Land aus politischen Gründen verließ. Seine Schauspielausbildung absolvierte er an der Max-Reinhardt-Schauspielschule in Westberlin. 1958 begann in Hannover Dorns langes Theaterleben als Dramaturg, Schauspieler und Regisseur. Über die Stationen Essen und Oberhausen kam er nach München, wo er 1976 Oberspielleiter und 1983 Intendant der städtischen Münchner Kammerspiele wurde – bei meist ausverkauftem Haus.

Für erheblichen Wirbel sorgte 2001 dann sein Wechsel von den Kammerspielen zum Bayerischen Staatsschauspiel – auf die andere Seite der Münchner Maximilianstraße. Der “Spiegel” schrieb damals vom “Duell der Neu-Intendanten” zwischen Dorn und Frank Baumbauer, seinem Nachfolger als Chef der Kammerspiele. Neben den großen Klassikern inszenierte Dorn aber immer wieder auch zeitgenössische Stücke von Autoren wie Peter Handke und vor allem Botho Strauß.

Seit seinem Abschied von der Münchner Theaterspitze hat Dorn sich vor allem dem Musiktheater verschrieben und immer wieder Opern inszeniert. Es ist eine Leidenschaft, die ihn vorher schon jahrzehntelang begleitet hatte: 1979 trat Dorn in Wien erstmals als Opernregisseur an und inszenierte an der Staatsoper unter Karl Böhm Mozarts “Entführung aus dem Serail”. Er arbeitete bei den Salzburger Festspielen und brachte auf dem Grünen Hügel von Bayreuth Richard Wagners “Fliegenden Holländer” auf die Bühne. Kurz nach seinem Abschied aus München wagte er sich in Genf an Wagners vierteiliges Mammutwerk “Der Ring des Nibelungen”. An der Berliner Staatsoper inszenierte er die Verdi-Oper “La Traviata”.

Als er 2018 in Baden-Baden Wagners “Parsifal” neu interpretierte, nannte der Dirigent der Inszenierung, Sir Simon Rattle, ihn eine Idealbesetzung und geriet regelrecht ins Schwärmen: “Er ist so voller Hingabe und Konzentration”, sagte er über die Arbeit des Regisseurs: “Was er macht, ist berührend und genau auf den Punkt.”

Dorn selbst nannte das Theater einmal in einem Interview der “Berliner Zeitung” “die größte Erfindung, die der Mensch je gemacht hat” – “weil darin ein Mensch vor anderen Menschen spielt”. “So entsteht eine neue Wirklichkeit”, sagte Dorn. “Dieser Vorgang ist durch nichts zu ersetzen.” Wenn dann, wie in der Oper, auch noch gesungen werde, “ist das erst recht kostbar und darf nicht zu einem Gewerbe verkommen”.

Von: APA/dpa

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