Marcel Ophüls arbeitet auch mit 90 noch an Filmen

Ein unbequemer Frager – Filmemacher Marcel Ophüls wird 90

Mittwoch, 01. November 2017 | 09:38 Uhr

Deutsche Besetzung in Frankreich und Journalisten am Kriegsschauplatz in Sarajevo: Marcel Ophüls hat komplexe und unbequeme Themen aufgearbeitet. “Hundert Jahre ohne Krieg – Das Münchner Abkommen” und “Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie” gehören zu seinen bekanntesten Werken. Ophüls geht es dabei um die Vergangenheit und deren aktuelle Bedeutung.

Auch im hohen Alter scheut der französisch-amerikanische Filmemacher, der am Mittwoch 90 Jahre alt wird, diese Konfrontation nicht. Derzeit arbeitet er an einem Film über Israel und Palästina. “Der Film ist fast fertig”, sagte Ophüls der Deutschen Presse-Agentur in Paris. “Noch zwei bis drei Wochen Schnitt, und dann beginnt die Geldsuche”, erklärte er. Worum es genau in dem Film geht? “Um Terrorismus, Rassismus und Antisemitismus, die in Europa und vor allem in Frankreich verstärkt auftreten.”

Ophüls, der 1927 in Frankfurt geboren wurde, hat viel Respekt vor Helden. “Jenen, die Widerstand leisten, erweise ich meine Hochachtung”, erklärte er. Dazu gehört gewissermaßen auch er selbst. Denn in seinen investigativen Dokumentarfilmen kämpft er gegen Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Geschichtslügen.

Erstmals für Aufsehen sorgte er 1967 mit einer Doku über das Münchner Abkommen von 1938, in dem Hitler-Deutschland das Einverleiben des Sudetenlandes erlaubt wurde. In dem Film, den er für das französische Fernsehen drehte, geht es Ophüls unter anderem um die Frage, ob man mit Diktatoren verhandeln darf.

Danach begann Ophüls über die deutsche Besetzung Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs zu arbeiten. Als er sich 1968 jedoch mit den Zielen der Studentenunruhen solidarisch erklärte, wurde er entlassen. Er wechselte daraufhin zum deutschen Fernsehen, wo er zwischen 1968 und 1971 arbeitete. Dort stellte er “Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Krieg” fertig. Eine Doku über das Regime von General Petain, der von der Stadt Vichy aus mit den Nazis kollaborierte.

In dem Film räumte er mit der Nachkriegslegende des einträchtigen Widerstands gegen die Nazis auf. Der damalige französische Präsident und ehemalige Resistance-Führer Charles de Gaulle verhinderte die Ausstrahlung des 1969 entstandenen Films im französischen Fernsehen. Erst Anfang der 80er-Jahre durfte er ausgestrahlt werden.

“The Harvest of My Lai” über den Vietnamkrieg, “Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie”, für den er 1989 den Oscar für den besten Dokumentarfilm erhielt, und “Novembertage” über den Mauerfall in Berlin sind weitere Hauptwerke. In dem Dokumentarfilm befragte er vom 9. November 1989 bis zum 9. November 1990 Lastwagenfahrer, Studenten, Künstler, Arbeitslose, aber auch Egon Krenz, der in den letzten Wochen der DDR als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzender an der Spitze stand.

Ophüls hat einen ganz persönlichen Stil entwickelt. Er lässt bekannte und unbekannte Akteure aus der Zeitperspektive des Drehens berichten, irritiert die Zuschauer, wenn er die Flucht des NS-Verbrechers Klaus Barbie, des für seine Grausamkeit berüchtigten Gestapo-Chefs von Lyon, nach Lateinamerika mit dem Volkslied “Muss i denn zum Städtele hinaus” begleitet, und mischt unter seine scharfsinnigen Fragen Sarkasmus und Selbstironie.

In “Ein Reisender” aus dem Jahr 2012 erinnert sich Ophüls an seine Arbeit und sein Leben: an seine Flucht mit seinen Eltern vor den Nazis nach Frankreich und in die USA, seine anfänglichen Spielfilme mit Jeanne Moreau und Jean-Paul Belmondo, ehe er sich ab Mitte der 60er-Jahre vor allem als Dokumentarfilmer einen Namen machte.

Viel und gern erinnert sich Ophüls an seinen berühmten Vater und Filmemacher Max Ophüls und seine Mutter, die Schauspielerin Hilde Wall. “Mein Vater war ein Genie, meine Mutter eine großartige Schauspielerin”, sagte er. In der Welt, in der seine Eltern sich bewegten, wollte ursprünglich auch er tätig werden. “Ich bin gegen meinen Willen Dokumentarfilmer geworden, denn eigentlich wollte ich ins Showgeschäft, so wie meine Eltern.” Aber das Leben habe eben anders entschieden. Ob er das bereue? Viel Geld habe er damit nicht verdient, aber immerhin etwas Ehre und einige Preise, meint er lachend.

Von: APA/dpa

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