Konstantin Wecker tritt für eine bessere Welt ein

“Erschreckend heutig”: Wecker singt antifaschistische Lieder

Montag, 12. November 2018 | 11:46 Uhr

Konstantin Wecker ist auch im Alter von 71 Jahren nicht müde, für eine bessere Welt einzutreten. Erst jüngst trat der Liedermacher in Berlin bei der Großdemonstration des Bündnisses #Unteilbar für eine offene und freie Gesellschaft auf. Nicht erst seit den Aufmärschen der rechten Szene in Chemnitz hat der gebürtige Münchner vor der Gefahr von Rechts gewarnt.

Kurz nach den Vorgängen in Chemnitz hat Wecker ein neues Album mit vielen älteren Liedern aufgenommen. “Sage Nein! Antifaschistische Lieder 1978 bis heute” heißt es und soll Mitmenschen aufrütteln und Mut machen. Es erscheint am Freitag (16.11.). “Auf meiner CD sind so viele Lieder, die in erschreckender Weise in die heutige Zeit passen. Ich hatte schon damals eine Ahnung von der Bedrohung. Ich hätte mir aber nie vorstellen können, dass sie so in die Tat umgesetzt wird”, sagt Wecker der Deutschen Presse-Agentur.

Autoritäre Regierungen wie in Ungarn oder Polen und das Erstarken von Parteien wie der AfD oder in Österreich der FPÖ seien durch das “neoliberalistische” Wirtschaftssystem und das daraus resultierende Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich begünstigt, meint Wecker. Auch trügen Parteien eine Mitschuld, die sich beeinflussen ließen. “Eine Gesellschaft könnte auch mit zehn Prozent AfD leben. Wenn aber die anderen Parteien in den Themen der AfD wildern, dann erhält sie ein Gewicht, das sie eigentlich gar nicht hat”, sagt Wecker.

Wecker ist “unheimlich erschrocken”, wie sich demokratie- und fremdenfeindliche Gesinnung in Europa Bahn gebrochen haben in den letzten Jahren. “Es ist unfassbar, wie dieses Gedankengut, das sich als das dümmste, schrecklichste und unheilvollste herausgestellt hat, so einen Auftrieb erleben kann”, echauffiert er sich. “Wie kann man so blöd sein, ein Neonazi zu sein.” Schon seine Mutter habe zu ihm gesagt: “Die Neonazis sind noch viel dümmer als die Nazis damals. Die müssen doch wissen, wie es ausgegangen ist.”

Wenn Wecker über seine Eltern redet, gerät er ins Schwärmen. Beide seien Pazifisten und Antifaschisten gewesen. Sein Vater, ein Opernsänger, verweigerte im Zweiten Weltkrieg den Militärdienst und überlebte laut seinem Sohn wie durch ein Wunder. Seine Mutter habe ihm in seiner Zeit der Drogensucht in den 90er-Jahren als einzige Kontra gegeben. “Mama aber sagte mir knallhart ins Gesicht, wie scheiße ich aussehe. Nie vergessen werde ich ihren strahlenden Gesichtsausdruck bei meinem zweiten Gefängnisaufenthalt in Stadelheim – und ihren Satz: ‘Mein Gott, bin ich glücklich, dass sie dich verhaftet haben'”, sagte er vor eineinhalb Jahren in einem Interview der “Süddeutschen Zeitung”. Ohne Haft wäre er nie aus dem Drogenkreislauf herausgekommen, ist sich Wecker sicher.

Auch das späte Vaterglück im Alter von 50 Jahren half ihm, sein früher gern zur Schau gestelltes Macho-Gehabe abzulegen. Seine beißende Systemkritik hat Wecker im Alter indes beibehalten. In seiner Beurteilung der Menschen sei er jedoch milder geworden. “Mein Verständnis für die Schicksale von Menschen ist sehr viel größer geworden als früher. Das liegt auch daran, dass ich sehe, wie viele Fehler ich selbst gemacht habe und mein eigenes Scheitern immer wieder miterleben konnte”, sagt der ergraute Dichter: “Das Alter nimmt einem immer mehr die jugendliche Selbstherrlichkeit.”

Seine Nachsichtigkeit hat aber auch Grenzen: Er hat nicht den Anspruch, AfD-Wähler oder rechtsgerichtete Bürger auf seinen Konzerten zum Nachdenken oder Umdenken zu bewegen. “Es wäre völlig sinnlos, wenn ich mit meinen Liedern auf einem AfD-Parteitag auftreten würde”, sagt Wecker und erklärt: “Das ist auch nicht die Aufgabe der Kunst. Die Aufgabe der Kunst ist es, diejenigen mit der gleichen Sehnsucht zu ermutigen.”

Von: APA/dpa