Anja Plaschg wird bei Konzerten bewundert

“Es hat sich einiges angesammelt”: Neues Album von Soap&Skin

Montag, 15. Oktober 2018 | 09:00 Uhr

Die Zeit war reif: Sechs Jahre ist es her, dass das bis dato letzte Album von Anja Plaschg als Soap&Skin erschienen ist. Nun lässt die gebürtige Steirerin “From Gas to Solid / you are my friend” auf die Welt los. “Es hat sich einiges angesammelt über die Jahre”, sagt die Musikerin über ihre neuen Stücke, die weniger sperrig daherkommen, als der Titel vermuten lässt. Meist ist es Pop in Perfektion.

Als Wunderkind wurde sie gefeiert, als entrückte Künstlerin bei Konzerten bewundert: Soap&Skin hat eine Karriere hingelegt, wie sie in Österreich nicht oft zu beobachten ist. Bereits mit dem dunklen Debüt “Lovetune for Vacuum” mauserte sie sich zum Liebling von Fans wie Kritikern, heimste internationale Lobeshymnen ein und begeisterte mit einem zeitgenössischen Popentwurf, der Vergleiche mit Größen wie Björk keineswegs scheuen musste. Vor allem war das nämlich eines: eigenständig, authentisch und sehr direkt.

Über die Jahre hat sich Plaschg in unterschiedlichsten Feldern versucht, war als Schauspielerin ebenso zu erleben wie sie fürs Theater gearbeitet hat. Immer wieder gab es auch Lebenszeichen von Soap&Skin, einnehmende Auftritte oder neues Material wie die “Sugerbread”-EP. Aber erst jetzt wurde wieder ein klassisches Album möglich. “Ich habe mir vor etwa einem Jahr selber eine Deadline gegeben”, rekapituliert Plaschg im APA-Interview den Entstehungsprozess. “Es war extrem intensiv, sowohl die Arbeit daran als auch die Auseinandersetzung, worum es mir geht.”

Die Platte sei auch an einem Punkt in ihrem Leben entstanden, der “sehr existenziell” war. “Da habe ich für mich entschieden, dass ich so nicht mehr weiterleben will. Es gab viele bestimmte Themen, auf die ich mich dann fokussiert habe.” Hört man die neuen Stücke, fällt ein gewisser Wandel auch schnell auf. Songs wie das beinahe liebliche “Italy” oder auch der Opener “This Day” klingen leichter als früher, ein zarter Silberstreif am Horizont ist bemerkbar. Wobei die Ausrichtung von Soap&Skin, also anspruchsvoller Pop mit überraschender Note, dieselbe geblieben ist.

Thematisch wollte Plaschg “einen Bezug zur Welt schaffen, dem etwas entgegensetzen”. Während also gesellschaftspolitisch vieles im Argen liegt, gibt es bei Soap&Skin gewissermaßen eine Rückbesinnung auf das Individuum, auf Zwischenmenschliches. “Trost spielt eine große Rolle”, so die Künstlerin, der die Texte grundsätzlich am schwersten fallen. “Ich hatte über die sechs Jahre ein Dokument, in das ich immer wieder reingeschrieben habe. Dass ich aber so richtig Geschichten erzähle, das gibt es nicht wirklich. Es ist ein intuitives, assoziatives Arbeiten. Oft weiß ich erst im Laufe des Prozesses oder danach, worum es wirklich geht.”

Insofern kann sich der Hörer selbst am Puzzle beteiligen und die bedächtig gesetzten Wortfolgen dechiffrieren, weiterspinnen und interpretieren. “Hear me, feed me, nurse me motherly”, tönt es beispielsweise auf “Italy” aus den Boxen. Nicht die einzige Stelle, an der man sich auf dieser Platte aufgehoben und umsorgt fühlt. Plaschg selbst ist Mutter, allerdings sei es ihr eher um “Weiblichkeit” gegangen. “Die Beschäftigung damit und die neu entdeckte Liebe zu Weiblichkeit und Frauen. Das war auf jeden Fall ein Thema.”

Wie hartnäckig man als Künstlerin mitunter sein muss, zeigt wiederum das Stück “Surrounded”. “Das habe ich vor zwölf Jahren geschrieben und auch immer wieder live gespielt, allerdings in einer ganz anderen Version. Und ich dachte nur: Oh Gott, wann bin ich reif und weit genug, das aufzunehmen? Ich weiß aber auch, dass ich diese Zeit gebraucht habe, damit es zu dem geworden ist, was es jetzt ist. Das ist schon ein Triumphgefühl”, lacht die Sängerin. Zudem sei der Song ein Beispiel dafür, wie sie im Studio – also eigentlich ihren eigenen vier Wänden – arbeitet. “Ich habe Sounds gesammelt und dann darauf zugegriffen. Da versinke ich schon so hinein, dass es möglichst organisch und echt klingen soll.”

Zu einem weiteren Einspielen von Arrangements komme es dann nur in den seltensten Fällen. “Immer wieder bestätigt sich die Schwierigkeit, eine Idee, wenn ich sie fertig gebaut habe, wieder einspielen zu lassen. ‘Surrounded’ ist so orchestral angesetzt, dass ich mir dachte, dem muss ich doch gerecht werden. Aber es hat wirklich nicht funktioniert. Es ist trotzdem gut, weil ich es untergewoben habe”, sinniert Plaschg. “Aber so wie ich produziere, habe ich schon einen Anspruch an mich – das unterschätze ich zum Teil, wie gut das klingen kann, obwohl es vielleicht nur synthetische Streicher oder Samples sind.”

In erster Linie als Einzelkämpferin unterwegs zu sein sei gleichermaßen “Hemmschwelle wie auch etwas total Befreiendes”, nickt die Musikerin. Zwar habe es “Tradition”, dass sie neue Stücke ihrer Schwester vorspielt. “Sie sagt dann total untechnische, intuitive Sachen, die mir sehr helfen. Weil wir uns so nahe stehen, versteht sie es sofort und begreift es gut. Aber so richtig das Bedürfnis, jemand anderen um Rat zu fragen, das habe ich tatsächlich sehr selten.” Nachsatz: “Aber wenn es vorkommt, nehme ich Kritik auch sehr gut auf.”

Zu hören sind auf “From Gas…” nun aber auch andere Stimmen, etwa ein Tenor, den Plaschg im Rahmen des Theaterstücks “Antigone” kennengelernt hat und der mit tiefem Timbre “Palindrome” einen schweren Charakter verleiht, oder der Bläser Martin Eberle. “Mit ihm habe ich einfach eineinhalb Stunden improvisiert. Daraus habe ich dann wieder Dinge herausgestückelt und zusammengeschnitten.” Auf diese Weise erzeugt sie ganz unterschiedliche Stimmungen, holt den Hörer zum Teil ganz nahe an sich heran, um ihn dann wieder in weite Ferne zu schicken.

“Nähe und Distanz haben mich produktionstechnisch einfach interessiert”, bestätigt Plaschg. “Etwa die skelettierte Stimme bei ‘What a Wonderful World’, total nackt und ganz nah. Dann gibt es aber die Musik als gasartiges, schwebendes Ding dahinter. Oder an anderen Stellen von den akustischen Instrumenten ganz nahe Schläge von einer Seite. Damit habe ich mich schon beschäftigt.” Entsprechend vielfältig ist das Ergebnis ausgefallen, bei dem “Foot Chamber” zwischen Harmonie und Dissonanz wandelt oder das mächtige “Falling” nicht nur Orgelklänge Schicht über Schicht aufträgt, sondern sogar Spielzeugsounds einwebt.

Und obwohl nun viel Zeit vergangen ist, sieht Plaschg den Abschluss eines Songs als ihr kleinstes Problem. “Damit tue ich mir verhältnismäßig leicht, auch wenn ich das mit anderen Leuten vergleiche”, überlegt sie. “Wenn andere extrem darunter leiden, dass sie sich nicht entscheiden können – das habe ich gar nicht. Aber am Ende des Prozesses, wenn es um produktionstechnische Platzierungen der Sounds geht, könnte ich mich schon ewig hineinnerden. Da hilft dann die mir selbst auferlegte Deadline”, lacht die Musikerin. Die Fans werden es ihr danken.

Von: apa

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