Netta gab ein 45-minütiges Konzert in der Grellen Forelle in Wien

ESC-Siegerin Netta umgarnte ihr kleines Publikum in Wien

Dienstag, 13. November 2018 | 10:05 Uhr

Stell Dir vor, die amtierende Song-Contest-Siegerin eröffnet ihre Europatournee in Wien – und niemand geht hin. Oder fast niemand: Rund 100 Fans hatten sich im Wiener Club Grelle Forelle zum Konzert der israelischen Stimmkünstlerin Netta eingefunden. Doch nach einer Dreiviertelstunde musste man konstatieren: Die übrigen haben etwas verpasst. Denn die 25-Jährige entpuppte sich als Bühnenwirbelwind.

“Next time in Jerusalem!” – mit diesem Spruch hatte die Israelin nach ihrem Sieg auf der ESC-Bühne in Lissabon aufhorchen lassen. Nun wurde es doch “Next time in Vienna” zum Tourstart, sei doch Conchita eines ihrer Idole, so Nettas Begründung. Und so schaute die heimische ESC-Göttin als Sparringpartner vor dem Auftritt vorbei, um Glück zu wünschen.

Auf der Bühne stand Netta aber alleine – wenn man vom obligatorischen Looper absieht. Dabei merkte man der Electromusikerin die lange Erfahrung mit Auftritten in Bars und bei Hochzeiten an, hatte sie die Zuschauer in ihrer Mischung aus Beth Ditto und Björk doch im Handumdrehen um den Finger gewickelt.

Sie trinkt einem Fan den Schnaps weg und holt ihn dafür auf die Bühne, um mit ihm einen Song über seinen Beat zu improvisieren. Ansonsten aber stehen die Covernummern im Zentrum, die Netta mit ganz eigenem Duktus und vielfachen Loopspuren versieht. Da wird “Sing Hallelujah” von Dr. Alban auf Hebräisch gesungen, “Barbie Girl” von Aqua in neues Rhythmusgewand verpackt oder Haddaways “What is Love” als esoterisch abgespacete Nummer entschlackt. Und natürlich gibt es zum Abschluss des nur 45 Minuten dauernden Auftritts noch den Song der weiblichen Selbstermächtigung, “Toy”, mit dem Netta im Mai den ESC für sich entscheiden konnte.

“Noch vor einem Jahr konnte ich meine Miete nicht zahlen”, staunte die Sängerin selbst über die Veränderungen der vergangenen Monate: “Ich habe in Bars die übrig gebliebenen Pommes gegessen.” Und nun soll nach Abschluss der Tournee das erste Album folgen.

Da konnte sich Netta vor dem Konzert noch Tipps von Conchita holen, die gerade mit ihrer aktuellen Platte am Markt ist. “Wien ist meine Lieblingsstadt”, hatte die stets im schrillen Outfit gewandete Sängerin zuvor im Plausch der ESC-Königinnen beschieden. Das hänge nicht zuletzt mit Conchita zusammen. So habe deren Triumph in Kopenhagen 2014 sie selbst zum Antreten beim ESC motiviert, teile sie doch mit der homosexuellen Community die Gemeinsamkeit, lange um Anerkennung gekämpft zu haben: “Es hat mir gezeigt: Vielleicht gibt es da doch einen Raum für Möglichkeiten.” Und das habe funktioniert: “Ich war die erste Übergrößenfrau, die den Bewerb gewonnen hat.”

Geboren nordöstlich von Tel Aviv, ist Netta selbstredend nun auch beim ESC 2019 mit von der Partie – wo sie dann erneut auf Conchita treffen dürfte: “Ich kann Tel Aviv kaum abwarten”, machte Conchita deutlich, auf eine Reise nach Israel nicht verzichten wollen: “Notfalls besorge ich mir irgendeinen Job, um einen Backstagepass zu bekommen.”

Das lohne sich in jedem Falle, nicht zuletzt dank der Menschen in Israel, machte Netta Werbung für ihr Heimatland, wo sie selbst nicht mehr unerkannt auf die Straße gehen könne: “Das ist Fluch und ein Segen zugleich.” In Europa ist dies wohl noch etwas anders, was sie demnächst in Berlin (15.), Paris (17.), Köln (18.) und London (21.) überprüfen kann – nachdem der Auftritt in Zürich abgesagt werden musste.

Von: apa

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