Unterhaltsam, vergnüglich und spannend

Fesselnd wie ihre Krimis: Agatha Christies Autobiografie

Dienstag, 08. August 2017 | 11:36 Uhr

Ihren ersten Zeitungsabdruck hatte sie mit elf Jahren – mit einem Anti-Tram-Gedicht gegen den technischen Fortschritt: Agatha Christie. Dies ist eine Anekdoten aus der 1977 veröffentlichten Autobiografie der weltberühmten Krimi-Autorin, die in einer Neuauflage nun auf Deutsch erscheint – mit einem Vorwort ihres Enkels Matthew Prichard.

Es sollten noch fast 20 Jahre vergehen, bis Christies erster Kriminalroman “Das fehlende Glied in der Kette” veröffentlicht wurde. Und noch ein paar Jahre mehr, bis sie mit “Alibi” ihren Durchbruch hatte. 66 Kriminalromane, etliche Bühnenstücke, Erzählungen und Kurzgeschichten hat Agatha Mary Clarissa Christie Mallovan, geborene Miller, schließlich hinterlassen.

Ein Glücksfall für jeden, der das fast 700 Seiten umfassende Opus in die Hände bekommt. Denn es macht mit einer liebenswerten einzigartigen Persönlichkeit bekannt und ist nicht weniger unterhaltsam, vergnüglich und spannend als ihre in aller Welt bekannten Detektiv- und Spionagegeschichten. Und nicht nur das. Die Britin lässt uns teilhaben an etwa 75 Jahren Lebenserfahrung und -weisheit, an erlebter und gelebter Geschichte, technischen Veränderungen, gesellschaftlichen Umwälzungen aufgrund zweier Weltkriege und regionalen Konflikten – vor allem auch im Nahen Osten, ein von ihr neben England bevorzugter Lebensraum.

Genau hier, im altorientalischen Nimrud im Irak, hat sie 1950 mit ihrer Autobiografie begonnen. Hier, wo ihr zweiter Ehemann Max Mallovan archäologische Ausgrabungen leitete, an denen sie sich selbst beteiligte. Und aktuell: Hier, wo der IS vor zwei Jahren in seiner Zerstörungswut archäologische Kostbarkeiten für immer vernichtete. Christie und ihrem Ehemann blieb diese Erfahrung glücklicherweise erspart.

“Das Verlangen, meine Autobiographie zu schreiben, überkam mich ganz plötzlich in meinem Haus in Nimrud…”, bekennt sie am Ende. Sie habe sich an das erinnert, an das sie sich erinnern wollte. Im Umkehrschluss bedeutet das wohl, dass sie auch einiges weggelassen hat. Schmerzliche Reminiszenzen beschreibt sie – wenn überhaupt – ziemlich distanziert.

So ist bekannt, dass die bereits sehr populäre Autorin für einige Tage spurlos verschwand, nachdem ihr erster Ehemann sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte. Die Trennung und den Grund dafür verschweigt sie in der Biografie nicht, ihr anschließendes Untertauchen jedoch schon. Und das, obwohl ihre “Flucht” für Aufsehen und Filmstoff (“Das Geheimnis der Agatha Christie”) sorgte und an der polizeilichen Suchaktion auch Prominente wie Sherlock-Holmes-Vater Sir Arthur Conan Doyle beteiligt waren. Christies Verschwinden löste darüber hinaus unzählige mediale Spekulationen aus.

Streng chronologisch ist die Lebensgeschichte der Begründerin des modernen britischen Kriminalromans übrigens nicht, was durchaus von Vorteil ist. Das zeitweilige Hin und Her macht ihre ohnehin sehr bunten Memoiren noch lebendiger. Einen sehr großen Raum darin nimmt ihre Kindheit ein, die offenbar sehr glücklich gewesen ist. Liebende Eltern im relativ gut situierten viktorianischen Hausstand sorgten für Sicherheit und Geborgenheit. Der Vater starb, als sie gerade elf Jahre alt war. Mit der älteren Schwester Madge verstand sich das aufgeweckte, fantasiebegabte Kind bestens, mit Bruder Monty weniger.

Mit dem Ersten Weltkrieg verflog die Leichtigkeit aus Ihrem Leben. Christie (damals noch Miller) betreute als Pflegerin verwundete Soldaten, später arbeitete sie in einer Apotheke. Erfahrungen aus dieser Zeit waren – besonders was den Umgang mit Giften betraf – für ihre Krimis unbedingt von Vorteil. Ebenso wie ihre vielen Reisen: Mit der Mutter erlebte sie als Kind bereits Ägypten, sie verbrachte eine Zeit in Frankreich, mit ihrem ersten Mann Archibald Christie unternahm sie einen Trip um die Welt, zwischendurch reiste sie allein oder mit Tochter Rosalind in mehrere europäische Länder, und später entdeckte sie vor allem mit Max Mallovan den Nahen Osten.

Das Schöne an der Lebensgeschichte der Agatha Christie ist, dass sie so völlig uneitel geschrieben ist. Dabei hatte die Grande Dame der Kriminalliteratur gute Gründe, sich viel auf ihren schon zu Lebzeiten enormen Erfolg einzubilden, der schließlich auch von der Queen 1971 mit der Verleihung eines Adelstitels gewürdigt wurde. Was sie damals aber noch nicht wissen konnte: Heute zählt sie mit über drei Milliarden weltweit verkaufter Bücher zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen aller Zeiten und im Genre Kriminalroman gehört ihr unangefochten die Spitzenposition.

INFO: Agatha Christie: “Die Autobiographie”, Hoffmann und Campe, Hamburg, 640 Seiten, 30,90 Euro

Von: APA/dpa