Promi-Geburtstag vom 5. April 2017: Peter Greenaway

Filmemacher Peter Greenaway feiert seinen 75. Geburtstag

Mittwoch, 05. April 2017 | 10:06 Uhr

Seine bekannteste Komödie “Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber” schockte Zuschauer mit Kannibalismus. Sein opulentes Drama “Der Kontrakt des Zeichners” überforderte viele. Die Filme von Peter Greenaway hatten nie etwas mit Mainstream zu tun. Am Mittwoch wurde der britische Regisseur 75.

“Er kotzt über seine eigenen Schuhe und ist ein furchtbarer Trunkenbold. Er scheißt und liebt, ist problematisch.” So beschreibt Greenaway sein Vorbild, den russischen Erfinder der Filmmontage, Sergej Eisenstein (1898-1948). Halb Clown, halb Angeber sei der gewesen, irgendwie naiv, aber auch arrogant, sagt er in einem Interview mit dem Filmblog “Cine Vue”. Mit entwaffnendem Humor zeigt Greenaway in seinem Film “Eisenstein in Guanajuato” von 2015 die kurze, stürmische Beziehung des Filmpioniers mit einem mexikanischen Reiseführer. Eisensteins schmiedeeisernes Bett hat – typisch Greenaway – die Funktion einer Bühne, auf der der damals 33-jährige russische Nationalheld die Freuden einer schwulen Liebe entdeckt.

Der britische Regisseur Greenaway ist ebenso berühmt wie umstritten. Er sucht die poetische Konfrontation, egal ob er gegen ein schwulenfeindliches Russland, den britischen Realismus oder die angelsächsische Tradition des Geschichtenerzählens wettert. “Im Alten Testament heißt es: Am Anfang war das Wort.” Entschuldigung, – so hat Greenaway einmal auf einer Veranstaltung der britischen Filmakademie ihm zu Ehren gesagt – aber das sei falsch. “Am Anfang war das Bild.”

Greenaway wird 1942 in Wales geboren, wächst aber in London auf. Mit 15 entdeckt er durch Zufall das freizügige europäische Autorenkino, das sein Werk stark beeinflussen wird: “Als Teenager ist man sehr scharf drauf, eine nackte Frau zu sehen, und wahrscheinlich wird man sie nicht in englischen Filmen sehen, sondern in schwedischen.”

Wie viele andere seiner Generation versucht er, eine neue Nachkriegsidentität durch Kunst zu finden, und studiert Malerei. Bald wechselt er zum Film. Denn, so hat er “Cine Vue” gesagt: “Ich war immer etwas ernüchtert, dass Gemälde keine Soundtracks hatten; vielleicht ist es das, was ich mache.”

Am bekanntesten ist sein schockierendes, aber gleichzeitig hochstilisiertes Meisterwerk “Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber” aus dem Jahr 1989. Elegant und brutal fragt der Film, was mit unserer Gesellschaftsordnung und der Liebe passieren würde, wenn sadistische Menschen an der Macht wären. Viele Zuschauer können sich nicht gegen die starken Gefühle wehren, die diese unwirkliche Beziehung zwischen einem machtbesessenen Verbrecher (Michael Gambon) und seiner untreuen Frau (Helen Mirren) erweckt – obwohl die theatralische Inszenierung eigentlich Distanz erzeugt.

Der vielseitige Filmemacher, Theaterautor und Künstler ist seither nicht stehengeblieben: Seine multimedialen Installationen und Gemälde werden in den großen Museen Europas ausgestellt, seine Filme wie “Prosperos Bücher” und “Verschwörung der Frauen” laufen auf internationalen Filmfestivals. Derzeit nimmt er eine Reihe von Kunstwerken unter die Lupe, wie Rembrandts “Nachtwache” in “Nightwatching – Das Rembrandt-Komplott”. Eine überkandidelte Spurensuche um Verschwörungen, Sex und Mord mit Martin Freeman (“Der Hobbit”, “Sherlock”) als Rembrandt.

Seit knapp 20 Jahren lebt Greenaway in Amsterdam mit der Theaterregisseurin Saskia Boddekke und ihren beiden Kindern; er hat außerdem zwei erwachsene Töchter aus einer früheren Ehe. An den Niederlanden schätze er die Offenheit gegenüber Homosexualität, Abtreibung und Sterbehilfe, sagte er dem “Guardian” vor einigen Jahren – und kündigte an, dass er seinem Leben mit 80 ein Ende setzen werde, wenn seine jüngste Tochter 21 sei: “Man sagt, das Wertvollste am Tod ist, dass man nicht weiß, wann es passieren wird. Aber ich denke, das ist ein Fluch. Ich denke, wenn wir es wüssten, würden wir das Leben besser nutzen.”

Wahrscheinlich war es eine typische Greenaway’sche Provokation. Denn derzeit arbeitet er an einem zweiten Film über Eisenstein, diesmal über seinen Misserfolg in Hollywood. Und Sala Verónicas im spanischen Murcia zeigt seine Ausstellung “Body Parts” bis 23. April 2017. Der Filmemacher und Künstler hat noch viel vor: “Vielleicht ist es eine Art Hunger, ein Grauen vor dem leeren Raum.”

Von: APA/dpa