Haneke tritt mit "Happy End" in Cannes an

Filmfestspiele Cannes mit möglichem Haneke-Triple

Freitag, 12. Mai 2017 | 13:29 Uhr

Es ist eine der brennendsten Fragen der am Mittwoch startenden Filmfestspiele Cannes: Gelingt Michael Haneke das Triple? Mit “Das weiße Band” (2009) und “Amour” (2012) holte der Österreicher die Goldene Palme zuletzt zweimal hintereinander. Das Familienporträt “Happy End” könnte ihm als ersten Filmemacher überhaupt die Dritte einbringen – und zugleich die Erste, die mit Diamanten besetzt ist.

Für die 70. Ausgabe des bedeutendsten Filmfestivals der Welt wird die begehrte Trophäe nämlich erstmals mit kleinen Diamanten besetzt: 167 Edelsteine sollen sich “wie Sternenstaub” über das aus 18-karätigem Gold gefertigte Palmblatt legen, kündigte der Juwelier Chopard an. 19 Werke konkurrieren um den funkelnden Hauptpreis, wobei sich Haneke – genau 20 Jahre nach seiner ersten Einladung in die Hauptkonkurrenz mit “Funny Games” – zum bereits siebenten Mal in dieser Position findet. Dieses Mal tritt er u.a. gegen Sofia Coppola (“The Beguiled”), Todd Haynes (“Wonderstruck”), Arthouse-Liebling Yorgos Lanthimos (“The Killing Of A Sacred Deer”) und den Deutschen Fatih Akin (“Aus dem Nichts”) an.

Wie schon Hanekes Vorgängerfilm “Amour” dreht sich “Happy End” um das Alter und ist ganz auf den neuerlichen Hauptdarsteller Jean-Louis Trintignant zugespitzt, der als alter Mann “auf sein Familienleben zurückblickt”, wie Hanekes Stammproduzent Veit Heiduschka der APA verriet.” Neben dem 86-jährigen Franzosen standen Mathieu Kassovitz, Toby Jones und Isabelle Huppert im nordfranzösischen Calais für Haneke vor der Kamera. Letztere arbeitet zum nunmehr vierten Mal mit dem kühlen Meister zusammen und vergleicht das neue Werk stilistisch mit den überlappenden Handlungssträngen von “Code: unbekannt” (2000).

Die Weltpremiere von “Happy End” ist direkt nach dem ersten Festivalwochenende für Montag, den 22. Mai, im Grand Theatre Lumiere angesetzt – nicht zuletzt, um sicher zu gehen, dass der 75-jährige Haneke und sein illustrer Cast auch die Jubiläumsfeier tags darauf aufwerten. In punkto Staraufgebot fahren die Filmfestspiele zum Jubiläum – wie auch bei den Sicherheitsvorkehrungen – freilich sämtliche Geschütze auf.

Auf dem roten Teppich an der legendären Strandpromenade Croisette werden Hollywoodstars wie Julianne Moore, Colin Farrell, Joaquin Phoenix und Kirsten Dunst ebenso erwartet wie die Schauspiellegende Vanessa Redgrave, der umstrittene Regisseur Roman Polanski und der spanische Autorenfilmer Pedro Almodovar, der dieses Jahr den Juryvorsitz innehat. Unbestrittener Star der Filmfestspiele wird Nicole Kidman sein, die mit gleich vier Projekten – darunter zwei Wettbewerbsfilmen – zu Gast ist. Den Anfang machen zunächst die französischen Schauspielstars Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg, Hauptdarstellerinnen im Eröffnungsfilm “Les fantomes d’Ismael” von Arnaud Desplechin.

Ein eher ungewöhnlicher Gast beim elitären Filmfest ist Adam Sandler: Der Brachialkomiker wirkt neben Dustin Hoffmann und Ben Stiller in Noah Baumbachs Geschwisterdrama “The Meyerowitz Stories” mit – neben Bong Joon-hos Monsterfilm “Okja” eine von gleich zwei Netflix-Produktionen im Wettbewerbsaufgebot. Die Entscheidung von Festivalleiter Thierry Fremaux sorgte für regen Protest unter französischen Kinobetreibern, die sich durch die Strategie des Streamingdienstes, auf Kinostarts weitgehend zu verzichten, ausgebremst fühlten. Das Gerücht, die Filme würden wieder ausgeladen, wurde zuletzt zwar dementiert, Freunde werden Cannes und Netflix deshalb aber keine: Ab der Ausgabe 2018, so eine Regeländerung, werden Filme nur noch zum Palmen-Rennen zugelassen, wenn sie einen Kinostart in Frankreich garantieren.

Geschmeidiger läuft da die Öffnung in Richtung neuer Formate. Mit Jane Campions sechsteiligem Krimidrama “Top Of The Lake: China Girl” und den ersten zwei Folgen von David Lynchs lang ersehntem “Twin Peaks”-Comeback sind erstmals Serien im Rahmen des Festivals zu sehen. Beide Kultregisseure sind schon länger nicht mehr mit Kinoarbeiten in Erscheinung getreten, Lynch hat gar kürzlich verkündet, nie wieder Filme drehen zu wollen. Auch der Mexikaner Alejandro G. Inarritu – zuvor bereits zweimal im Wettbewerb vertreten – ist diesmal in anderer Mission zu Gast: Gemeinsam mit seinem Stamm-Kameramann Emmanuel Lubezki hat er die Installation “Carne y Arena” geschaffen, die mittels Virtual Reality (VR) “das menschliche Befinden von Migranten und Flüchtlingen” erfahrbar macht.

Auch am parallel stattfindenden Filmmarkt wird der möglichen Zukunftsperspektive für das Kino viel Platz eingeräumt. Die österreichische Golden Girls Filmproduktion etwa präsentiert im VR-Pavillon einen virtuellen Rundgang durch das Kunsthistorische Museum Wien, bei dem man zwischen drei Erzählsträngen wählen kann. Arman T. Riahi führte mit seinem Bruder Arash Regie, und zeigt parallel am bedeutenden “Marché du film” auch seine politisch inkorrekte Komödie “Die Migrantigen”. Potenziellen Käufern werden ferner u.a. Adrian Goigingers berührendes Spielfilmdebüt “Die beste aller Welten” und Michael Glawoggers von Monika Willi realisierter, letzter Film “Untitled” präsentiert.

Die rot-weiß-rote Fahne hält abseits davon einmal mehr die in Wien ansässige coop99 hoch: Eine erneute Koproduktion mit der Berliner Komplizen Film nach “Toni Erdmann”, Valeska Grisebachs “Western”, hat es in die renommierte Nebenschiene “Un Certain Regard” geschafft. Und mit “Teheran Tabu”, dem Kinodebüt von Ali Soozandeh, steuert man den ersten Animationsspielfilm in der Geschichte der “Semaine de la Critique” bei.

Von: apa