"Findet Dorie"-Regisseur Stanton hatte freie Hand

“Findet Dorie”-Regisseur dementiert die “Bestie Disney”

Freitag, 23. September 2016 | 12:51 Uhr

Der Schöpfer von “Findet Dorie”, Andrew Stanton (50), räumt mit dem Gerücht auf, dass Disney dessen Tochterfirma Pixar in die Arbeit pfuscht. “Es gibt diesen Mythos, dass es diese Bestie namens Disney gibt, die über uns herrscht”, erzählt der Filmemacher der APA bei einem Besuch bei Pixar in Emeryville, Kalifornien. “Uns wurde freie Hand gelassen.”

1986 kaufte Apple-Mitgründer Steve Jobs die Computerdivision von Lucasfilm und überließ die Führung des Unternehmens, das nun unter dem Namen Pixar firmierte, Ed Catmull (71) und John Lasseter (59). Mit “Toy Story”, dem ersten vollständig computeranimierten Film, emanzipierte sich das junge Animationshaus 1995 von seinem Vorbild Disney, das zwischen 1994 und 2010 nicht einen einzigen Nummer 1 Box Office-Hit landete – der letzte große Kassenschlager war “Der König der Löwen” gewesen. Als Folge dessen schluckte Disney 2006 seinen Konkurrenten für 7,4 Milliarde Dollar und machte Catmull und Lasseter zu den Präsidenten seiner Animationsabteilung.

Man befürchtete, dass der Mutterkonzern den Freigeist der Tochterfirma zerstören würde, doch Andrew Stanton, Co-Regisseur und Autor von “Findet Dorie”, schüttelt bei dem Thema den Kopf. “Etwas, das ich seit der ersten Stunde höre – und wir sprechen hier von 1990 – ist: ‘Pixar ist nicht das, was es einmal war’, ‘Disney wird es ruinieren’ und ‘Die goldenen Zeiten sind vorbei’. Man fängt irgendwann an, darüber zu lachen.” Die Individualität von Pixar sei ungebrochen, sagt er. “Es gibt etwa fünf bis sechs Personen, mit denen wir persönlich zu tun haben, die uns freie Hand lassen und die 2006 sogar einen Vertrag unterzeichnet haben, der besagt, dass Disney uns nicht sagen kann, was wir zu tun haben. Sie sind großartig! Wenn Pixar sich stetig verändert, dann deshalb, weil wir uns ändern und es darauf basiert, wer wir sind. Und Sie wollen das, weil dann wird es zu einem menschlichen, persönlichen Ort.”

Tatsächlich gibt es bis heute, zehn Jahre später, eine konzeptionelle Kluft zwischen den Filmen von Disney und Pixar, das mit seinen Projekten Themen erforscht, die sich die meisten “kinderfreundlichen” Filme bemühen zu vermeiden. Es braucht schon eine besondere Art von Vision, um den Unterhaltungswert in 35 dialogfreien Minuten (“Wall-E”) zu sehen oder in einer Fabel, die zu der Einsicht kommt, dass Traurigkeit genauso wichtig ist wie Freude (“Alles steht Kopf”).

In “Findet Dorie”, dem Nachfolger des Pixar-Blockbusters “Findet Nemo” (2003), versucht der vergessliche Doktorfisch Dorie (im Original wieder gesprochen von Ellen DeGeneres, in der deutschen Synchronfassung von Anke Engelke) seine Eltern zu finden. “Wenn Sie ein Fisch sind, ohne Kurzzeitgedächtnis, und alleine im Meer herumwandern, dann muss das traurig sein”, sagt Stanton. “Es gibt dieses Gefühl der Verlassenheit und ich finde das sehr tragisch.” Unterstützt wird Dorie auf ihrer Odyssee u.a. von den beiden Anemonenfischen Marlin und Nemo, einem Walhai, einem Weißwal und einer mürrischen Krake, Pixars technisch kniffligster Charakter bis heute.

Gegenwärtig hat das Animationshaus mit “Cars 3” (2017), “Toy Story 4” (2018) und “Die Unglaublichen 2” (2019) drei Sequels in der Pipeline, aber eine Fortsetzung von “Findet Nemo” war trotz seiner Popularität nicht immer eine Selbstverständlichkeit. “Ich wollte es nicht machen, weil ich keinen Grund dafür gesehen habe”, erzählt Stanton, der auch “Findet Nemo” schrieb. Es war “eine elterliche Sorge”, die ihn dann aber doch umgestimmt hat. “Wenn Sie vier Jahre lang mit diesen Figuren verbringen, dann werden sie zu Ihren Kindern. Ich fühlte mich wie ein schlechter Elternteil. Dorie sah sich nicht in einem positiven Licht und das würde ich meinem Kind nie wünschen. Das trieb mich an. Nicht die Ökonomie, nicht der Ruhm und nicht der Erfolg. Ich will, dass sie glücklich ist.”

Glücklich ist der Regisseur auch darüber, dass sein Film so gut ankommt. “Findet Dorie” ist an den US-Kinokassen zum erfolgreichsten Animationsfilm aller Zeiten aufgestiegen und das US-Branchenblatt “The Hollywood Reporter” berichtet, dass ein weltweites Einspielergebnis von 1,2 Milliarde Dollar erwartet wird. Damit würde der Film den bisher lukrativsten Pixar-Film, “Toy Story 3”, entthronen. “Wir wussten, es würde sich gut schlagen, allein deshalb, weil der erste Film so beliebt ist”, so Stanton.

Der 50-Jährige ist froh darüber, dass er mit der Idee gewartet hat, denn er glaubt nicht, dass er der Herausforderung damals gewachsen gewesen wäre. “Wenn Sie eine Figur schaffen, die kein Kurzzeitgedächtnis hat, dann nehmen Sie damit ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion weg. Das bedeutet, dass sie Ihnen nicht sagen kann, wie sie sich verändert. Aber eine Geschichte steht und fällt damit, wie sich ein Charakter verändert. Der einzige andere Film dieser Art ist ‘Memento’, aber wir haben eine sehr traditionelle Erzählweise. Mein jüngeres Ich wäre nicht smart genug gewesen, dieses Problem zu lösen.”

“Findet Dorie” kommt am 29. September in die österreichischen Kinos.

Das Gespräch führte Marietta Steinhart/APA

Von: apa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz