Gesangskapelle Hermann geben sich "Alles Tango"

Gesangskapelle Hermann besingt Liebe und Politik

Dienstag, 03. März 2020 | 10:14 Uhr

Ein Album über Liebe, Leidenschaft und alles dazwischen: Das hatte sich die Gesangskapelle Hermann für ihren vierten Longplayer “Alles Tango” vorgenommen. Was am Freitag erscheint, ist aber ziemlich politisch geworden, werden doch “Leistungsträger” auf die Schaufel genommen oder der “Einzelfall” durchdekliniert. Kein Wunder: “Es hat sich im letzten Jahr schon einiges angehäuft”, so die Musiker.

A-Capella-Gesang mit viel Wortwitz und stilistischer Breite, so lautet seit gut acht Jahren das Erfolgsrezept der sechsköpfigen Herrengruppe. Benannt haben sich Simon Gramberger, Simon Scharinger, Joachim Rigler, Stephan Wohlmuth, Robert Pockfuß und Bernhard Höchtel nach einer Gasse in Wien, in der sich der erste gemeinsame Proberaum befand. Nach drei Studioplatten und etlichen Projekten hat sich das Sextett für “Alles Tango” erstmals einen Produzenten geangelt: Hanibal Scheutz, selbst bei den 5/8erln in Ehr’n aktiv, veredelte die zehn Stücke und war auch in Sachen Input zur Stelle.

“Das war sicher die gröbste Veränderung zu früher”, betonte Gramberger im APA-Interview. “Die anderen Alben waren ja eher Choraufnahmen. Wir haben die Lieder geprobt, sind für drei, vier Tage ins Studio geschnalzt und haben das meiste gemeinsam eingesungen”, ergänzte Scharinger. “Jetzt waren wir einhalb Jahre immer wieder im Studio, haben Dinge geändert. Hanibal hat viele Ideen gebracht, die Arrangements wurden verändert.” Für Wohlmuth war letztlich “der Prozess insgesamt viel bewusster. Jetzt gibt es mehr Freiraum.”

Dabei stand weniger im Fokus, wie die Songs letztlich live umzusetzen sind. Denn es klingen nicht nur die Stimmen: Eine Gitarrenmelodie hier, ein Basslauf da und dazwischen ein paar Beats – was den Liedern zuträglich war, wurde gemacht und ergibt ein stimmiges Klangbild, das den Gesang der sechs Männer wohltuend bereichert, ohne den A-Capella-Gedanken in den Hintergrund zu drängen. “Wir haben schon vorher damit kokettiert, wie man eine zweite Ebene reinbringen kann. Die Hälfte der Songs hat das nun, was Spaß macht. Das ist ja auch für den Zuhörer recht angenehm”, so Wohlmuth. Mittlerweile gibt es live jedenfalls drei “zusätzliche” Elemente: Gitarre, Drumpad und Synth.

Was auch die amüsante Episode nach sich zog, dass etwa die ersten Proben des instrumental aufgefetteten Songs “Bitcoinmillionär” alles andere als nach Wunsch verliefen, wie Scharinger lachend aus dem Nähkästchen plauderte. “Das hätten wir wirklich dokumentieren müssen, es war einfach so elend.” Weder hatte die Gruppe die richtigen Instrumente, noch fand man sich im Rhythmus zurecht oder war beim Text sattelfest. “Wann das beim Konzert so klingt, rennen uns die Leute davon”, schmunzelte Gramberger, konnte aber auch beruhigen: “Mittlerweile passt es. Oft ist man ja verwöhnt, wenn es zu gut klappt, und wird probenfaul. Ich glaube, es tut uns ganz gut, dass wir hin und wieder einen Dämpfer bekommen.”

Womit man fast beim Stichwort “Leistungsträger”, einem der zehn neuen Stücke wäre: “Wir waren uns gar nicht sofort einig, was das jetzt heißt. Sind es unbedingt die Leute, die früh aufstehen und arbeiten gehen?”, überlegte Gramberger. In der Band selbst sieht man sich übrigens schon als Aktivposten, “auch wenn uns eine andere Gruppe von Menschen wohl eher als Owezahrer bezeichnen würde”, witzelte Wohlmuth. “Stimmt. Wenn wir eine Stunde geprobt haben, dann sagt sicher irgendwer: ‘Heute waren wir wieder fleißig! Was wir jetzt schon wieder geleistet haben'”, ergänzte Gramberger lachend.

Hört man sich die schwungvoll intonierten und leichtfüßig groovenden Stücke an, ist es jedenfalls schwer, den “Hermännern” nicht Respekt zu zollen. Vor allem versteht es die Band, die Inhalte nicht zu kurz kommen zu lassen – neben der Liebe eben auch Gesellschaftskritisches. “Politisch waren unsere Sachen ja eigentlich schon immer, aber es ist oft mehr über Metaphern passiert”, so Wohlmuth. “Jetzt gehen wir einen anderen Weg”, nickte Scharinger, “weil wir ziemlich konkrete Begrifflichkeiten wie ‘Einzelfall’ aufgreifen, ohne aber die Dinge ganz explizit zu nennen. Damit wird es übersetzbar auf ganz viele Sachen.”

Ohnehin sei es schwer, sich nach Ibiza-Affäre und Co diesen Dingen nicht zu widmen. “Das passiert einfach. Du unterhältst und kannst dennoch eine Message streuen”, so Scharinger. Zudem habe man gemerkt, wie ältere Nummern vom Publikum plötzlich in diese Richtung gedeutet wurden. “Da lachten die Leute auf einmal bei bestimmten Stellen, und wir wussten zunächst gar nicht warum. Später realisierst du: Ach ja, es ist in der Politik wieder etwas passiert”, schmunzelte der Sänger. “Da stellt man sich schon die Frage: Was war zuerst da, die Gesangskapelle oder Ibiza?”

Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA

INFO: Gesangskapelle Hermann auf Tour: Start am 13. März im Brucknerhaus Linz, weitere Termine unter www.gesangskapellehermann.at

Von: apa