Konstantin Gropper von Get Well Soon wird auch politisch

Get Well Soon untersucht den “Horror”

Dienstag, 05. Juni 2018 | 12:14 Uhr

Konstantin Gropper ist zurück: Für das fünfte Album seiner Band Get Well Soon hat sich der deutsche Musiker dem “Horror” gewidmet, wobei dieser neben Albträumen durchaus realpolitische Gründe hat. Musikalisch kontrastiert er inhaltliche Strenge mit ausuferndem orchestralen Pathos. Mit der APA sprach Gropper über seine Themensuche, den politischen Unterton und einen Zwerg ohne Hände.

APA: Wie finden Sie Ihre Themen – zufällig oder bewusst?

Konstantin Gropper: Das passiert. Ich weiß nicht, ob es zufällig passiert, das wäre dann ja eher eine esoterische Frage. Aber ich suche nicht aktiv nach Themen. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich anfange mit der Arbeit am Album, ist mir schon klar, worum es geht.

APA: Ihre Vorgängerplatte hieß “Love”. Muss auf die Liebe der Horror folgen?

Gropper: Vielleicht. Es mag sein, dass das mit rein spielt. Aber wie gesagt: Warum das Thema jetzt kommt, weiß ich nicht. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Schaut man meine Alben an, erkennt man aber auch, dass ich ein Freund der Gegensätze bin. Die neuen Songs klingen ja auch wieder ganz anders. Aber dass sich derzeit Angst als Thema aufdrängt, hat ja eher andere Gründe.

APA: Damit beziehen Sie sich auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen der vergangenen Monate und Jahre. Wie haben Sie das verarbeitet?

Gropper: So konkret wie jetzt bin ich noch nie damit umgegangen. Die Songs sind also zum Teil gesellschaftlich beziehungsweise politisch motiviert, das kann ich eindeutig so benennen. Ich musste es zulassen, weil ich das Gefühl hatte, dass man sich im Moment auf Aktualität beziehen muss. Es war für mich unumgänglich, alles andere hätte sich falsch angefühlt.

APA: In einem Stück singen Sie auch über die AfD, die in Ihrer Nähe eine Kundgebung abgehalten hat…

Gropper: Da ist es relativ eindeutig, weil es quasi bei mir vor der Haustüre war. Das treibt mich schon sehr um.

APA: War es schwierig, dafür die richtigen Worte zu finden?

Gropper: Es sind ja keine tagespolitischen Songs oder explizit politische Stücke im Sinne von Protestliedern. Es geht um die Stimmung und um ein Klima. Darum das, was im Moment nicht nur in Deutschland, sondern überall passiert, auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Der war für mich relativ schnell und eindeutig mit Angst gefunden. Angst lässt sich immer als die Motivation für solche Entwicklungen definieren. Wie die Musik, gehen auch die Texte bildhaft darauf ein. Aber auf eine gewisse Art bezieht das Album natürlich auch Stellung.

APA: In dieser Hinsicht gibt es wohl viele verschiedene Ängste von verschiedenen Gruppen und Akteuren, die da reinspielen.

Gropper: Ja. Es ist eine Kettenreaktion. Grundsätzlich würden wir jetzt wahrscheinlich psychologisch sagen, man kann niemandem Angst absprechen. Das muss man wohl ernst nehmen. Aber wenn du dir das alles anschaust, ist manche Angst legitim und wirklich erfahrbar, eine andere ist instrumentalisiert. Das ist eine Reaktion auf etwas. Das zentrale Zitat auf dem Album ist von daher schon “The only thing we have to fear is fear itself” von Roosevelt, weil es so wahnsinnig gut in unsere Zeit passt. Mit Angst gewinnt man mehr oder weniger die Wahlen.

APA: Sehen Sie trotz des damit verbundenen Aufschwungs rechter Parteien einen Lichtblick?

Gropper: Der Lichtblick ist sicherlich wiederum die Reaktion darauf. Was man etwa in Amerika extrem sieht, ist ein politisches Aufwachen. Das hat es in diesem Land ewig nicht gegeben, man war gleichgültig und frustriert. Es mussten sich wahrscheinlich erst die Fronten so arg verhärten, damit die Reaktion so stark ist, die Leute auf die Straßen gehen und sich das alles nicht mehr bieten lassen. Das ist in Deutschland so und in Österreich mit Sicherheit auch – wobei Österreich ein bisschen ein deutscher Albtraum ist: Davor haben alle Angst, dass es sich über die Jahre normalisiert und etabliert. Also muss man aufpassen, dass man die Vorsicht nicht verliert.

APA: Diesen Inhalten stellen Sie orchestrale Arrangements zur Seite. Soll das wie ein Gegenpart wirken?

Gropper: Ich stelle es entgegen, aber nicht damit es bekömmlicher wird. Mir geht es schon darum zu sagen: Diese Angst ist nicht so richtig real. Die Musik stellt die Idylle her und macht damit die Fallhöhe auf. Zwischen den Zeilen ist dann das Dunkle. Das fand ich von Anfang an interessanter, als ein richtig düsteres Album zu machen. Im Idealfall ist es subversiv, was da passiert.

APA: Wie sicher sind Sie im Umgang mit dieser musikalischen Breite?

Gropper: Gute Frage. Ich bin da eher Autodidakt, aber auch gut im Zitieren – um jetzt nicht Kopieren zu sagen. Neben einer thematischen Recherche geht auch jedem Album voraus, dass ich viel Musik höre. Das inspiriert, und ich versuche es halbwegs nachzuahmen, ohne dass es jetzt geklaut ist.

APA: Sie haben auch drei Ihrer Albträume für das Album vertont. Wie fühlt sich das im Nachhinein an?

Gropper: Ich träume extrem selten so, dass ich es noch weiß. Bei diesen drei Träumen war es aber der Fall. Natürlich habe ich die ausgeschmückt, ein bisschen analysiert und hinsichtlich der aktuellen Situation interpretiert. Das war die Idee: die persönlichste Angst aus dem Kopf zu bringen. Aber Albträume sind ja auch Auslegungssache, es sind jedenfalls sehr seltsame Träume. Dass ich mit wirklichen Schweißausbrüchen aufwache, kommt bei mir so gut wie nie vor. Es ist eher seltsam, und man fragt sich, wie das zustande kommt. Zum Beispiel ein Zwerg, der keine Hände hat, aber trotzdem dein Auto repariert.

APA: Und wie geht es Ihnen vor einer neuen Veröffentlichung?

Gropper: Furchtbar, das ist immer die schlimmste Zeit. Ich bin da vollkommen paranoid. Bisher habe ich immer Glück gehabt, es interessieren sich ja Leute dafür. Aber es ist keine einfache Zeit für mich. Natürlich ist das ein ganz großes Wohlstandsproblem, das ich da habe (lacht).

Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA

Von: apa