Heiduschka feiert am 20. Mai seinen 80. Geburtstag

Heiduschka: “Hab mich nie nur als Scheckaussteller gesehen”

Montag, 14. Mai 2018 | 13:20 Uhr

Im Hauptquartier der Wega Film in Wien-Penzing ist es ruhig und beschaulich. Nur Aushänge für das Casting zu Arash T. Riahis Verfilmung von Monika Helfers Roman “Oskar und Lilli”, die im Sommer gedreht werden soll, deuten darauf hin, dass dieser Kleinbetrieb mit sieben Angestellten für das österreichische Kinowunder hauptverantwortlich ist. Am 20. Mai wird Wega-Gründer Veit Heiduschka 80.

APA: Herr Heiduschka, hätte 1980 bei der Gründung der Wega Film jemand von Goldenen Palmen und Oscars gesprochen, hätten Sie den für verrückt erklärt?

Veit Heiduschka: Ich sag Ihnen was: Der erste Film, den die Wega Film gemacht hat, und bei dem ich auch Regie geführt habe, war 7 1/2-Minuten lang: “Was könnte ich werden: Maler und Anstreicher”. Und der zweite hatte auch 7 1/2 Minuten und hieß: “Was könnte ich werden: Koch”. Die waren für das WIFI. An Spielfilm war ja überhaupt nicht gedacht. Aber natürlich hat mich Spielfilm interessiert. Der Spielfilm ist der König des Films, da brauchen wir nicht darüber diskutieren.

APA: Ist mit dem Oscar für “Amour” ein Bubentraum in Erfüllung gegangen?

Heiduschka: Nein, es war ja nie so, dass ich unbedingt zum Film wollte. Ich hab mich in meiner Jugend und in meiner Studienzeit eher als Schriftsteller gesehen.

APA: Wie kommt jemand wie Sie, der Einzelhandelskaufmann- und Industriekaufmannlehre gemacht und dann studiert hat, zum Film?

Heiduschka: Ich habe im letzten Semester meines Studiums schon am Theater der Jugend gearbeitet und war Regieassistent und Inspizient. Peter Weihs hat mir immer eine Regie versprochen, und als ich fertig war mit meinem Studium bin ich zu ihm und hab gesagt: So, Herr Direktor, was ist jetzt mit meiner Regie? Er hat gesagt: Na, reden wir in einem Jahr darüber. Darauf ich: Muss ich schriftlich kündigen oder kann ich das auch telefonisch? Ich war immer ein Mann von schnellen Entschlüssen.

APA: Klingt nach viel Selbstbewusstsein.

Heiduschka: Möglicherweise ja. Ich stehe seit meinem 17. Lebensjahr auf meinen eigenen Füßen. Wir wollten aus der DDR flüchten, mein Vater war politischer Häftling. Meine Mutter schaffte es mit meinen beiden Brüdern nach Berlin, mich haben sie wieder zurückgeschickt: Verdacht auf Republikflucht! Ich kam ein paar Tage ins Gefängnis, wurde zurückgeschickt und bin dann zurück zu meinen Großeltern. Ein Jahr später gelang es mir, nach Berlin zu kommen. Ein Freund, der auch geflüchtet war, war in Wien am Reinhardt-Seminar und studierte Theaterwissenschaft. Ich hatte in meinem jugendlichen Leichtsinn ein Drehbuch geschrieben, und er schrieb mir: Ich hab hier einen Professor, der sagt: Das wird verfilmt. Wir brauchen dich! Ich hab dann von einem Tag auf den anderen gekündigt, bin nach Wien, doch es gab kein Geld für das Projekt. Aber ich wollte nicht nach Deutschland zurück. In der DDR hatte ich kein Abitur machen dürfen, weil das Elternhaus politisch nicht tragbar war. Ich hatte aber den Wunsch zu studieren, also hab ich hier die Externistenmatura gemacht. Unter vielen Mühen. Diese Matura war für mich mehr wert als das Doktorat.

Als ich mit dem Studium fertig war, bin ich zu einem Studienkollegen: Wie komme ich in den ORF hinein? Er: Hast jemanden, der politisch anschiebt? Ich: Nein. Er: Keine Chance. Aber geh mal zu den und den Filmproduzenten und sag einen schönen Gruß von mir. Da hab ich die österreichischen Filmproduzenten abgeklappert. Einer von ihnen, Helmut Pfandler, hat mich in die Branche eingeführt. Dort fing ich 1971 als Produktionsleiter an – und hatte keine Ahnung, was Film ist. Ich begann dort am 1. März und schon in der zweiten Maiwoche hab ich in Wien eine Koproduktion mit Italienern, ausgekochten Profis, abgewickelt. Er ist dann zurückgekommen aus dem Urlaub und hat gesagt. Das ist ja gut gegangen, ich möchte dass du Geschäftsführer der Firma wirst. Nach einem halben Jahr wurde ich Teilhaber. Und nach vier Jahren bin ich draufgekommen, dass es doppelte Buchhaltung gab. Da hab ich eine Stunde gebraucht, um meinen Schreibtisch aufzuräumen, und bin gegangen.

APA: Wie war das damals in den 1970er-Jahren, als Sie in der Branche angefangen haben?

Heiduschka: Es gab in Österreich keine kontinuierliche Filmproduktion. Fernsehen war sehr gut, die haben zum Teil 26 bis 28 Fernsehspiele im Jahr gemacht. Das waren aber alles Leo-Kirch-Firmen, bis auf Heinz Scheiderbauer, der war Zögling von Kreisky, an dem kamen sie wohl nicht vorbei. Für “Abenteuer eines Sommers” (1973) hab ich einmal Gelder bekommen, aber da erzähle ich jetzt keine Details, das steht dann in meinen Memoiren. Da stehen ein paar abenteuerliche Dinge drinnen… Ich hab meiner Tochter gesagt: Die veröffentlichst Du aber erst, wenn ich tot bin.

APA: Sie schreiben Ihre Memoiren?

Heiduschka: Ja, ich hab schon über 100 Seiten geschrieben. Je näher ich dabei aber in die Gegenwart komme, umso schwieriger wird es. Ich weiß leider Gottes ein bisschen zu viel.

APA: Dabei wirken Sie immer so verbindlich und freundlich.

Heiduschka: Ich sag immer: Leben und leben lassen. Ich hab mit dem Michael Wolkenstein nie Probleme gehabt, oder mit dem Kurt Mrckwicka. Wir waren immerhin die drei Großen in den 80er-Jahren. Sie machten aber hauptsächlich Fernsehen. Nach dem ersten Spielfilm, “Zeitgenossen” (1982, Regie: Ernst Josef Lauscher), gab es ein Gespräch beim ORF, ob ich auch zugelassen werde für den ORF oder nicht. Ein Freund von mir, der bei der Sitzung dabei war, hat gesagt: Keine Chance! Die Kirch-Leute haben gesagt, es kommt niemand dazu. Die damaligen großen Produzenten waren ja fix angestellt beim ORF. Die bekamen im Herbst einen Brief vom Zilk: Wir beabsichtigen Sie im kommenden Jahr mit dem und dem zu beauftragen. Die haben nichts entwickelt, die bekamen die Besetzung schon vom Besetzungsbüro des ORF. Die mussten nur das Ganze abwickeln – mussten dafür aber auch einen Obolus an den Herrn Kirch nach München zahlen. Der sicher seinerseits einen Obolus nach Wien zurückgezahlt hat.

APA: Sie sind also eigentlich aus Not zum Spielfilm gekommen?

Heiduschka: Ich hatte also eigentlich nur damit eine Chance. Die Spielfilmförderung hat aber damals, die Gegenwart der Filmbranche verkennend, 20 Prozent Eigenkapital verlangt. Das war ja eigentlich nicht aufzustellen. Das ist mir dann beim ersten Film gelungen, mithilfe von Dr. Herbert Kloiber von der Tele München. Wofür ich ihm heute noch dankbar bin! Das war viel Geld: Bei 10 Millionen Schilling waren das zwei Millionen.

APA: Wie würden Sie Ihren Anteil am kreativen Output eines Films sehen?

Heiduschka: Ich hab mich nie nur als Scheckaussteller gesehen. Das war mir zu wenig. Bei “Müllers Büro” stand ich von früh bis abends oder von abends bis früh neben Niki List. Niki List war ja ein Autodidakt. Da gibt es etwa eine Kampfszene, und er wollte das drehen wie in einem amerikanischen Film. Aber weder hatten wir Stuntleute, noch passt das zum Film, der ja eine Parodie war. Ich hab gesagt: Das machen wir nicht. Am nächsten Tag hat er gesagt: Ich hab da Breakdancer, die können wir einbauen. Wunderbar, das passte wieder! Ich hab den Film eben erst in Dresden beim Freiluftkino wieder gesehen, die hatten sich das gewünscht. “Müllers Büro” war in der DDR äußerst populär, über zwei Millionen Zuschauer. So gesehen ist er noch immer der erfolgreichste Film seit den 1960er-Jahren. Und da hab ich wieder gesehen: Genau diese Sachen, die der Niki zum Teil gar nicht im Buch hatte, kommen an. Mit österreichischen Regisseuren hab ich immer das Problem, dass sie nicht stilsicher sind – bis auf Haneke.

Von: apa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz