Phettberg jedes Jahr bei der Regenbogenparade dabei

Hermes Phettberg wird 65

Donnerstag, 05. Oktober 2017 | 09:46 Uhr

“Ich muss mein Leben ohne Jeansboys verbringen scheinbar! Bluejeans in Ärsche gedrängt, das wär mein Lebensinhalt gewesen eigentlich”, klagt Hermes Phettberg der APA. Seine den Sadomasochismus betreffenden Sehnsüchte fänden immer weniger Genossen. Dafür wurde er von jungen Bands als Darsteller für Musikvideos entdeckt, berichtet der Ex-Talkmaster, der am Donnerstag seinen 65. Geburtstag feiert.

“Meine Unattraktivität hat niemanden auf mich richtig geil gemacht. Und wo keine Geilheit ist, geschieht auch kein Echo”, benennt Phettberg das Problem. “Ich lieg meistens allein im Bett und schlafe. Meine Wohnung wurde grundgereinigt, der Boden renoviert und die Tapete in meinem Schlafzimmer entfernt. Sie ist jetzt nicht mehr so schön versaut wie früher.”

Nach mehreren Schlaganfällen lebt Phettberg, der mit bürgerlichem Namen Josef Fenz heißt und sich selbst als “Elender” bezeichnet, zurückgezogen. Dafür wurde der “Extremneurotiker” in den letzten Jahren von mehreren jungen Bands entdeckt: Er wirkte zum Beispiel im Musikvideo “High Castle” der österreichischen Band Nancy Transit und in “Metropolis” der Hamburger Black-Metal-Band Fäulnis mit, die zum Drehen in seine Wohnung in Wien-Mariahilf kam. Auch von der Berliner Band Drangsal und von Dagobert und Band wurde er besucht. “Junge Bands scheinen mich zu mögen”, wundert sich Phettberg.

Im Alltag braucht Phettberg Hilfe, aufgrund der Beeinträchtigung von Feinmotorik und Sprachvermögen selbst beim Schreiben. Dennoch erscheint im “Falter” nach wie vor “Phettbergs Predigtdienst” – “immer ziemlich weit hinten”, wie der Autor präzisiert – und seit Juni 2016 in der Straßenzeitung “Augustin” die “Fisimatenten” – “immer ziemlich weit vorn”. Seine “Gestionsprotokolle”, eine Art Internettagebuch, diktiert er der “göttlichen Erscheinung” Sir eze, einem seiner “Nothelfys”, wie Phettberg Menschen nennt, die sich um ihn kümmern. Dazu gehören “Apfelstrudi”, Martin R. und der junge Autor Johannes-Philipp Langgutt.

Als jährlicher Fixpunkt gilt sein Auftritt auf der Regenbogenparade am Wiener Ring, obwohl Phettberg zugibt, gar keine Ahnung zu haben, was sich die Schwulen- und Lesbenbewegung eigentlich wünsche. “Ich fahre jedes Jahr mit, und halte jedes Mal mir einen Gottesdienst ab. Vor allem hat mich ein Chauffeur gefunden, der voller sozialer Herzlichkeit ist und der mich und meine Gesellschaft nachher zum Abendessen einlädt.”

Essen ist auch auf Phettbergs Twitter-Accounts ein wichtiges Thema. Neben seinem täglichen Speiseplan postet Phettberg, dessen Geist nach wie vor wach und kritisch ist, Kommentare zur eigenen Befindlichkeit und aktuellen Ereignissen. Die bevorstehende Nationalratswahl kommentiert er der APA gegenüber folgendermaßen: “Ohgott, ohgott, ohgott, ich würde mich so sehnen, dass die linke Partie (SLP, SPÖ, Grüne, KPÖ plus, Liste Pilz, Gilt!) mit knappster Not eine Regierung bilden vermögen und nicht die ‘Gegenübrigen’.”

Geboren wurde Hermes Phettberg am 5. Oktober 1952 in Hollabrunn. Der Sohn von Weinbauern arbeitete zunächst als Bankangestellter, bevor er nach einer theologischen Fortbildung Pastoralassistent in der Erzdiözese Wien wurde. Mitte der 80er-Jahre war er Mitbegründer des Vereins “Libertine Sadomasochismusinitiative Wien” und des Projekts “Polymorph Perverse Klinik Wien”. Öffentlich bekannt wurde er mit sadomasochistischen Kunstaktionen (wie seiner “Verfügungspermanenzen”) gemeinsam mit Walter Reichl im Rahmen von “ErotiKreativ” im WUK. In der Theatergruppe “Sparverein Die Unz-Ertrennlichen” rund um Kurt Palm spielte er ab Anfang der 90er-Jahre verschiedene Rollen, seit 1992 schreibt Phettberg für den “Falter” die wöchentliche Kolumne “Phettbergs Predigtdienst”. Eine Sammlung der Falter-Kolumnen erschien als Faksimile der Typoskripte unter dem Titel “Hundert Hennen. Katechesen 1992 – 2003”.

In seiner Talkshow “Phettbergs Nette Leit Show” begrüßte er ab Ende 1994 verschiedene Prominente, darunter etwa Marcel Prawy, Hermann Nitsch, Manfred Deix oder Josef Hader. Gemeinsam mit Kurt Palm gab er 1996 das Buch “Frucade oder Eierlikör” mit Interviews und Monologen aus der Show heraus. 2003 und 2004 strahlte ATV die Sendung “Beichtphater Phettberg” aus.

Phettberg erhielt 1993 den Franz-Grillparzer-Preis der “Anonymen Aktionisten” und 2002 den Preis der Stadt Wien für Publizistik. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) nannte Phettberg damals einen “radikalen und subjektiven Beobachter des Wiener Alltagslebens”, mit seiner “Nette Leit Show” habe er Kulturgeschichte geschrieben. 2007 widmete ihm sein alter Freund und Entdecker Kurt Palm einen Dokumentarfilm: “Hermes Phettberg, Elender”, in dem die beiden das Leben der einstigen bunten Wiener Szenefigur im Zwiegespräch Revue passieren ließen.

Mit “Garten der Lüste”, einer öffentlichen Fesselungs-Aktion im Rahmen der “Wienwoche” sorgte er 2012 für Aufregung, im selben Jahr erschien im Sensationsverlag das Künstlerbuch “Alles Erschreckliche! Ausgewählte Texte”. Als im Sommer 2013 die mit dem Max-Ophüls-Preis 2012 ausgezeichnete Schwarz-Weiß-Doku “Der Papst ist kein Jeansboy” von Sobo Swobodnik über Phettbergs Alltag im Wiener Stadtkino an 28 Abenden gezeigt wurde, wohnte der Protagonist trotz Gehbehinderung jeder einzelnen Vorführung bei.

Aus den in diesem Zeitraum entstandenen Einträgen in sein “Gestionsprotokoll” machte Walter Fröhlich eine Graphic Novel: 2015 erschien “Blue Jeans. Der Phettberg-Comic” abseits des Buchmarktes, finanziert durch eine Crowdfunding-Aktion. Ebenfalls 2015 spielte Phettberg in dem Spielfilm “A Perception” des deutschen Regisseurs Daniel Pfander mit, seit Juni 2016 erscheinen seine “Fisimatenten” in der Straßenzeitung “Augustin”.

(S E R V I C E – “Gestionsprotokolle”: www.phettberg.at/)

Von: apa