Die Schauspielerin mag keine genuschelten Sätze

Ingrid van Bergen auch mit 90 noch sehr kritisch

Freitag, 16. Juli 2021 | 10:46 Uhr

Das Fernsehgerät läuft bei Ingrid van Bergen, gerade 90 Jahre alt geworden, in Dauerschleife. Sie guckt viele Sendungen aufmerksam, ihr Blick ist kritisch. Mit der Tonqualität und der Ausdrucksweise ihrer jungen Kolleginnen und Kollegen ist sie manches Mal unzufrieden. Ihre tiefe Stimme ist einst an der Schauspielschule geschliffen worden, und so ärgert sie sich heute über genuschelte Sätze im TV: “Wir transportieren Sprache, das muss verständlich sein.”

Debatten wie MeToo über sexuelle Belästigung gab es zu Zeiten ihrer Karriere nicht – die blonde deutsche Charakterdarstellerin hatte dafür immer eigene Strategien im Umgang mit dem anderen Geschlecht. “Ich wusste mich verbal zu wehren, Machos gibt es überall, aber die hatten vor mir Respekt”, erinnert sie sich. Die meisten Männer seien heutzutage ein wenig femininer geworden, findet van Bergen, die mit Robert Mitchum, Kirk Douglas und William Holden drehte. Ihre Rolle in der Nachkriegssatire “Rosen für den Staatsanwalt” von 1959 blieb ihre wohl bekannteste.

Der Name Ingrid van Bergen ist aber bis heute mit Schlagzeilen aus dem Jahr 1977 verbunden. Die Schauspielerin erschoss damals ihren verheirateten Liebhaber und wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, kam aber bereits 1981 frei. In ihrer Zeit hinter Gittern habe sie auch wertvolle Erfahrungen gemacht, sagt sie im Rückblick. “Ich bin damit ganz positiv umgegangen, man lernt ganz viel über Toleranz und Verständnis.” Nach ihrer Entlassung spielte sie vorwiegend in Fernsehserien einzelne Episodenrollen.

Mit drei Möpsen, drei Katzen und einer langjährigen Freundin aus München lebt van Bergen, die nach einem Oberschenkelhalsbruch auf den Gehwagen angewiesen ist, in ländlicher Idylle. Der Swimmingpool ist inzwischen zugeschüttet, die Sauna im Garten schon lange nicht mehr in Betrieb. Das Pferd mit Namen Te Quiero hat sie verschenkt. “Ich freue mich meines Lebens und bin dankbar, mein Alter ohne Beschwernisse erreicht zu haben.” Ihre Kindheit in Ostpreußen hat die 1931 in Danzig Geborene geprägt, sie klagt nicht.

Im Rückblick gibt es einiges, was sie bereut. Wichtig sei, was man daraus mache, sagt die blonde Lady mit der rauchigen Stimme. So habe sie sich von einem Manager überreden lassen, ihren Wohnsitz auf Mallorca nach sieben Jahren aufzugeben. Ein großer Fehler, findet sie noch heute. Dort habe sie einen großen Freundeskreis gehabt.

Umgekehrt macht sich van Bergen auch im Fernsehen rar. Am häufigsten denken jüngere TV-Zuschauer bei ihrem Namen gewiss noch an den Sieg in der RTL-Realityshow “Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!” des Jahres 2009. Weitere Auftritte im Fernsehen plant van Bergen jetzt nicht mehr: “Ich denke Nein.”

Von: APA/dpa