Josef Hader am Set von "Wilde Maus"

Josef Hader: Berlinale ist wie “Freispiel beim Flipper”

Freitag, 10. Februar 2017 | 10:54 Uhr

Erstmals hat der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader bei einem Film selbst Regie geführt. Mit seinem Debüt “Wilde Maus” landete der Österreicher prompt im Berlinale-Wettbewerb.

Dem langjährigen Musikkritiker einer Wiener Zeitung wird gekündigt – und er plant einen Rachefeldzug gegen seinen Chef. Mit der Gesellschaftssatire “Wilde Maus” (Berlinale-Premiere 11.2.) gibt der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader sein Debüt als Filmregisseur – er schrieb auch das Drehbuch selbst und spielt die Hauptrolle. Beim Schreiben neuer Bühnenprogramme oder eines Drehbuchs lache er auch über seine eigenen Witze, sagt Hader im Interview der Deutschen Presse-Agentur. “Ich sitze dann da und kichere in mich hinein – was sehr peinlich ist, wenn man zum Beispiel in einem Café oder auf einem kroatischen Dorfplatz sitzt.”

Frage: Ist die Gesellschaftssatire “Wilde Maus” mehr tragisch oder komisch?

Antwort: Die Absicht war, dass die Komik nicht so dominiert, dass die Probleme im Film nichts mehr wert sind. Die Komik kommt manchmal wie eine kleine Erlösung – aber die Probleme bleiben groß, so dass man immer Angst haben muss, dass alles ganz furchtbar endet.

Frage: In “Wilde Maus” spielen der Wiener Prater und die gleichnamige Achterbahn eine große Rolle. Sind Sie privat ein Jahrmarkt-Gänger?

Antwort: Ich bin als Student schon gerne in den Prater gegangen und mit ein paar wilden Dingen gefahren. Allerdings werden dann die Nerven schlechter und man hält die Musik nicht so lange aus. Und als ich dann mit meinen Kindern den Prater besucht habe, hatte ich nach eineinhalb Stunden immer genug.

Frage: Als Regisseur ist man ja der Mensch, der die letzte Entscheidung trifft – fällt es Ihnen leicht, Entscheidungen zu treffen?

Antwort: Ja. Ich denke, das Ausschlaggebende war, dass ich fast drei Jahre lang am Buch geschrieben habe, bevor wir mit dem Drehen begonnen habe. Ich habe mich da durch viele Fassungen hindurch geschrieben. Und dann weiß man doch ein wenig, was man erzählen will. Und wenn dann andere Leute in den Film hineinkommen, wie die Schauspieler, und Fragen stellen und auch Vorschläge haben – dann kann man sehr gut Entscheidungen treffen, ohne sich zu verlieren. Ich würde mir aber nie zutrauen, als Regisseur einen Film zu machen, bei dem ein anderer das Buch schreibt.

Frage: Sie sind als Kabarettist, Schauspieler und Autor erfolgreich – wie kam es zu der Entscheidung, dass sie auch selbst Regie führen wollen?

Antwort: Da war zunächst der Gedanke, ich will mal selbst ein Buch ganz allein schreiben, und zwar ein Originaldrehbuch, das an keine Vorlage gebunden ist. Beim Schreiben dieses Drehbuchs entstand dann der Gedanke, dass ich so tief in der Materie drin bin, dass ich es auch selbst machen sollte – schon allein, weil jeder Regisseur relativ arm dran wäre mit mir und meinen relativ klaren Vorstellungen und umgekehrt ich relativ arm dran wäre mit einem Regisseur.

Frage: Hatten Sie selbst schon einmal Rachegefühle – und haben Sie sie ausgelebt?

Antwort: Ich kenne das schon, dass ich Rachegefühle habe. Aber ich lebe sie nie aus, weil ich das Gefühl habe, dass ich dem Betreffenden dann noch mehr Wichtigkeit zumesse. Und der soll ja nicht denken, dass ich in irgendeiner Weise von ihm beeindruckt bin. Insofern hat noch nie jemand, auf den ich böse war, irgendeine Art von Rache zu spüren bekommen. Weil ich mir dafür immer zu fein war.

Frage: Der geschasste Musikkritiker Georg verschweigt seiner Frau, dass er arbeitslos geworden ist, und geht am liebsten jeder Auseinandersetzung aus dem Weg. Wie gehen Sie mit Konflikten um?

Antwort: Mit Konflikten gehe ich teilweise wie die Hauptfigur des Films um. Ich bringe Probleme nur nach und nach zur Sprache. Ich bin nicht der, der alles auf der Zunge trägt. Der Unterschied ist, dass ich nach einer gewissen Zeit schon damit rausrücke.

Frage: Haben Sie einen Rat für die von Ihnen porträtierten verängstigten Menschen der Mittelschicht, die sich von allen Seiten her angegangen sehen und in ihrer Existenz bedroht fühlen?

Antwort (lacht): Nein! Ich habe keinen Rat. Ich wollte eine Satire darüber machen, weil ich das Problem interessant finde. Aber so wie das bei den Künstlern oft ist: Sie wissen keine Lösung. Ich habe sehr leicht reden. Denn ich habe einen Beruf, bei dem ich nicht entlassen werden kann. Ich kann von mir nur sagen, dass ich mit Rückschlägen immer so umgehe, dass ich mir überlege, wofür es gut sein könnte. Und dann komme ich irgendwie wieder in eine Vorwärtsbewegung hinein.

Frage: Sind Sie ein selbstkritischer Mensch?

Antwort: Ja und nein. Das Selbstbewusstsein ist jedenfalls nicht grundsätzlich da, man muss es immer erst ein bisschen hervorkitzeln. Zum Beispiel indem man ordentlich arbeitet. Und wenn ich dann richtig ordentlich gearbeitet habe und mir nichts vorzuwerfen habe, dann habe ich das Selbstbewusstsein zu sagen: Jetzt ist das Ding fertig, besser kann ich’s nicht. Dann habe ich eigentlich ein starkes Selbstbewusstsein und kann ganz gut damit umgehen, wenn es jemandem nicht gefällt.

Frage: Sie gehen also ganz gelassen über den roten Berlinale-Teppich?

Antwort: Ich gehe sehr gelassen über den roten Teppich – und zwar aus dem Grund, weil ich ja Kabarettist bin und, wenn das Ganze schief geht, immer noch andere Arbeitsmöglichkeiten habe. Zweitens bin ich 55 Jahre alt und bin Anfänger im Filmgeschäft. Für mich ist das ein bisschen wie ein Freispiel beim Flipper! Ich bin schon sehr gespannt auf die internationalen Kritiken. Wie internationale Kritiker diese sehr europäische Form vom “Angry White Man” erleben, da bin ich sehr neugierig.

Frage: Was ist der Unterschied zwischen Kabarettspielen und Filmemachen?

Antwort: Film ist im Unterschied zum Kabarettspielen eine Tätigkeit, in die man lange Zeit hineininvestiert und wo erst ganz am Schluss etwas herauskommt. Film ist wie eine lange Liebesbeziehung. Kabarett ist eher eine schnelle stürmische Affäre. Zwei Stunden, Applaus, fertig.

Frage: Der Held in “Wilde Maus” ist Musikkritiker. Hören Sie selbst gerne klassische Musik?

Antwort: Ja. Für mich ist klassische Musik die wichtigste Musik. Ich habe von Anfang an gewusst, dass ich für den Film keinen Score haben will, keine komponierte Filmmusik, die irgendwelche Szenen hervorhebt. Ich wollte aber monolithisch an bestimmten Wendepunkten der Geschichte klassische Musik haben. Eine wilde und beunruhigende, keine Fahrstuhlmusik.

Frage: Wie entstehen Ihre Drehbücher und Bühnenprogramme?

Antwort: Wenn ich ein Drehbuch oder ein Kabarettprogramm schreibe, dann bin ich das erste Publikum. Ich lache auch über meine eigenen Witze, es ist ja peinlich, das zuzugeben. Ich sitze dann da und kichere in mich hinein – was sehr peinlich ist, wenn man zum Beispiel in einem Café oder auf einem kroatischen Dorfplatz sitzt. Wenn man dann da so schreibt und gestikuliert, dann ist man schnell der Dorftrottel und darf nie wieder hinfahren.

Josef Hader, der am 14. Februar während der Berlinale seinen 55. Geburtstag feiert, ist preisgekrönter Kabarettist, Autor und Schauspieler. 1991 schrieb er gemeinsam mit Alfred Dorfer die Satire “Indien”, die mit den beiden Autoren in den Hauptrollen auch verfilmt wurde. Neben seinen Auftritten als Kabarettist spielte Hader ab 2001 auch in den Verfilmungen der Wolf-Haas-Krimis als Privatdetektiv Brenner mit. 2016 trat er in Maria Schraders Kinofilm “Vor der Morgenröte” als Schriftsteller Stefan Zweig auf. Sein Film “Wilde Maus”, in dem die gleichnamige Achterbahn auch eine Rolle spielt, startet am 17. Februar in den österreichischen Kinos.

Von: APA/dpa