Von Anspruch bis Trash - Roll drehte alles

“Kamerakünstler” Gernot Roll wird 80

Dienstag, 09. April 2019 | 10:14 Uhr

Eigentlich steht der Name Gernot Roll für anspruchsvolle Literaturverfilmungen wie Golo Manns “Wallenstein” oder Joseph Roths “Radetzkymarsch”, er drehte Helmut Dietls “Rossini” und Heinrich Breloers “Die Manns”. Der größte Erfolg Rolls, der am 9. April 80 Jahre alt wird, war allerdings “Ballermann 6”, eine seichte Komödie über aus Eimern saufende Prolls am Strand von Malle.

5,5 Millionen Zuschauer sahen sich den trashigen Streifen an, der 1997 in die Kinos kam. “Viel für deutsche Verhältnisse”, sagt Roll, einer der bekanntesten deutschen Kameraleute. Bernd Eichinger, der große Münchner Filmproduzent, habe die Idee für “Ballermann 6” ausgebrütet und keinen Regisseur gefunden. “Als er mich fragte, ob ich das zusätzlich zur Kamera machen wollte, habe ich zugesagt. Und dazu stehe ich bis heute.”

Die Feuilletonisten jedenfalls waren entsetzt. Wie konnte Roll sich für so etwas hergeben? Doch Roll selbst sieht darin keinen Widerspruch. “Auch eine Komödie wie Ballermann, die nur auf aneinander gereihten Gags beruht, ist filmhandwerklich äußerst schwierig umzusetzen. Da muss man sehr genau darauf hinarbeiten, das muss sitzen.” Außerdem kennt der überaus erfahrene Kameraprofi, der in seinem Leben “nie etwas anderes gelernt und gemacht hat als Film”, keine Berührungsängste. So gehören auch “Tach, Herr Doktor”, der erste Kinofilm des Kabarettisten Gerd Dudenhöfer alias Heinz Becker, und die fünfte Episode der “Werner”-Reihe “Werner eiskalt” zu seiner mehr als 200 Werke umfassenden Filmografie.

Roll stammt aus dem sächsischen Pirna. Nach der Grundschule begann er schon mit 14 Jahren eine dreijährige Ausbildung als Kameramann und verdingte sich danach bei den DEFA-Studios in Berlin-Babelsberg. Er kann sich noch gut an den ersten Film erinnern, bei dem er an der Kamera assistierte: Es war der Märchenfilm “Das singende, klingende Bäumchen”, ein Klassiker des DDR-Films. “Den kennt in Ostdeutschland immer noch jedes Kind”, sagt Roll.

Weil er in Babelsberg keine Entwicklungsmöglichkeiten sah, wechselte er 1960 nach Westdeutschland und heuerte bei der Münchner Bavaria an, damals eines der größten Studios für TV-Produktionen. 1961 stand er erstmals selbst hinter der Kamera. Er drehte Serien wie “Graf Yoster gibt sich die Ehre” und mehrere Folgen der Krimireihe “Tatort” mit Hansjörg Felmy, bei denen auch sein Idol Wolfgang Staudte Regie führte.

Nachdem Roll zusammen mit Edgar Reitz das Nachkriegsdrama “Stunde Null” in Szene gesetzt hatte, gelang ihm mit der gefeierten TV-Serie “Heimat – Eine deutsche Chronik”, die Reitz 1984 herausbrachte, der Durchbruch. Seither reiht sich in seinem filmischen Schaffen ein prestigeträchtiger Streifen an den anderen: Fritz Lehners Schubert-Trilogie “Mit meinen heißen Tränen”, für die Roll einen von mehreren Grimme-Preisen erhielt, Caroline Links Familiendrama “Jenseits der Stille”, das sogar für den Oscar nominiert wurde. Schließlich Helmut Dietls legendäre Gesellschaftssatire “Rossini”. Zu erwähnen wären auch Sönke Worthmanns Schwulen-Komödie “Der bewegte Mann” und später noch der Kinderfilm “Räuber Hotzenplotz” nach Otfried Preußler, in dem er selbst Regie führte.

Zu den großen Regisseuren, mit denen Roll zusammenarbeitete, gehörte nicht zuletzt der Österreicher Axel Corti. Während der Dreharbeiten zu Roths “Radetzkymarsch”, einem bewegenden Abgesang auf das alte Europa, starb Corti an einer Krebserkrankung. Roll übernahm für seinen Freund auch die Regie und vollendete den Streifen kongenial. Das führte dann auch zu Engagements wie “Ballermann 6”.

Zur Zeit ist Roll “arbeitslos”. Zwei Projekte seien gerade geplatzt, erzählt er. “Nichts zu machen, ist für mich eine ungewohnte Situation. Das habe ich in meinem ganzen Leben nicht gelernt.” Zu seinem runden Geburtstag will er zusammen mit seiner Tochter sowie seinem Sohn Michael Roll, einem bekannten TV-Schauspieler und Synchronsprecher, nach New York fliegen.

Doch natürlich will er bald wieder arbeiten. Und Pläne hat Gernot Roll auch im fortgeschrittenen Alter. Gerne würde er noch einen großen Film über Preußenkönig Friedrich den Großen drehen. Zweimal verfilmte er die “merkwürdige Lebensgeschichte” des preußischen Abenteurers und Schriftstellers Friedrich Freiherrn von der Trenck, der behauptete, mit einer Schwester Friedrichs II. liiert gewesen zu sein. “Mit Friedrich (dem Großen) habe ich mich mein ganzes Leben beschäftigt. Einen wirklich guten Film über ihn gibt es noch nicht.”

Von: APA/dpa