"Die schnellste Platte bisher"

“Kleiner Scheißer”: Neue Neurosis-Platte zum 30er

Dienstag, 20. September 2016 | 11:30 Uhr

Seit mittlerweile 30 Jahren steht der Name Neurosis für harte Musik mit Anspruch. In den Anfängen noch im Punk-Fahrwasser unterwegs, fand die Gruppe spätestens mit Album Nummer 3, “Souls At Zero”, einen höchst eigenständigen, Post- und Doom-Metal nutzenden Sound. Das neueste Werk “Fires Within Fires” erscheint am 23. September – für Sänger Steve von Till “unsere schnellste Platte bisher”.

Damit spricht der bärtige Musiker allerdings nicht die darauf enthaltenen fünf Songs an, sondern deren Entstehungsgeschichte. “Im Februar 2015 haben wir begonnen, da kamen zwei von uns zusammen und haben die Box geöffnet. Das darauffolgende Wochenende haben dann Scott (Kelly, zweiter Sänger und Gitarrist, Anm.) und ich weitergemacht, die Ideen des jeweils anderen angehört. So kamen wir zu einigen Samen, an denen wir dann alle gemeinsam weitergearbeitet haben”, erzählt Von Till im APA-Interview. “So stand nach nur einigen Tagen Vorbereitung das gesamte Skelett der Platte.”

Dieses Tempo hat letztlich auch dazu geführt, dass die fünf Musiker das gemeinsame Jubiläum im Studio verbracht haben. War der Sommer des Vorjahres noch einer Tour gewidmet, hat man sich im Herbst weiter Gedanken gemacht und schließlich im Dezember die Tracks eingespielt. “Das passierte in den sieben Tagen nach Weihnachten, da war dieser kleine Scheißer dann fertig”, schmunzelt Von Till. “Es hat sich wirklich mühelos angefühlt. Aber gleichzeitig haben wir ein ganz schön großes Gebiet beackert.”

Mühelos und einfach sind ja gemeinhin Bezeichnungen, die wohl nur wenigen Hörern zur Musik von Neurosis einfallen würden. Auch “Fires Within Fires” gefällt sich als mächtiger Brocken, der schwere, langsame Gitarrenriffs einem monolithischen Drumsound gegenüber stellt, wo Von Till und Kelly mit Grabesstimmen dunkle Bilder zeichnen. Die immer wieder eingestreuten ruhigen Passagen, meist eher atmosphärisch und vage, dienen zwar als Orte des In-sich-gehens, bieten ein paar Momente zum Durchatmen, lassen aber die folgenden Krachgewitter nur umso direkter wirken. Bestes Beispiel dafür ist der Opener “Bending Light”, der nach einem lautstarken Intro mehrere Minuten in trügerischer Ruhe verharrt, bevor das große Finale aus den Boxen bricht.

Für Von Till ist das Suchen und Finden von neuen Songideen jedenfalls mit den Jahren leichter geworden. “Desto mehr wir machen, desto mehr Erfahrung und Wissen sammeln wir. Und eigentlich geht es darum, sich dem kreativen Prozess einfach auszusetzen. Du musst die Dinge fließen, sie sich natürlich entwickeln lassen.” So sei es möglich, sich auch nach drei Dekaden neu zu finden. “Wiederholung ist für uns keine Option, Stagnation bedeutet Tod. Wir sind auch unsere schärfsten Kritiker. Natürlich gibt es Elemente, die sich wie dasselbe anfühlen. Aber wir suchen dann einen anderen Zugang, eine andere Perspektive. Wir sind keine Band, die sich damit zufriedenstellt, ein gewisses Charakteristikum zu haben. Wenn, dann ist es Evolution. Wir suchen immer einen neuen Ort.”

Klingt das nach Planung, dann hat man Von Till falsch verstanden. “Keinesfalls wollen wir zu verkopft an die Dinge gehen”, untermauert der Musiker. “Dann jagt man nämlich Geister. Wir sind keine hochkonzeptuelle Band, sondern arbeiten eher mit einem Bauchgefühl.” Auch live sei für ihn zentral, “in einer eigenen Zone” zu sein. “Du gelangst dann an einen Ort, wo du deinen Kopf nicht mehr brauchst.” Das direkte Ansprechen einer emotionalen Seite gelingt Neurosis in beiden Fällen, auf der Bühne wie im Albumformat. Vor allem kann man sich fallen lassen in den überlangen Kompositionen des Quintetts, die stets unterschiedliche Entwicklungen durchmachen.

Und das Jubiläum selbst? Wurde von der US-amerikanischen Band einerseits mit einem umfangreichen Boxset mit allen bisherigen Veröffentlichungen sowie andererseits mit einigen exklusiven Shows in ihrer Heimat gefeiert, wo auch sehr alte Nummern wieder ausgegraben wurden. “Das war schon schwierig, wir sind ja nicht mehr 19”, lacht Von Till. “Es hat zwar Spaß gemacht, aber diese Songs haben einfach eine bestimmte Lebensdauer.” Man habe es als “Wertschätzung” jener Fans gesehen, die sie seit den ersten Tagen begleiten. 30 Jahre seien auch eine ansprechende Leistung im Musikbusiness. “Wir sind stolz darauf und in erster Linie dankbar dafür, dass wir uns gefunden haben – und unseren Sound, der es uns ermöglicht, uns auszudrücken. So können wir den ganzen negativen Scheiß in etwas Positives umwandeln. Letztlich sind wir Teil von etwas, das größer ist als wir selbst.”

Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA

Von: apa

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