Stellte DDR-Drama "Das schweigende Klassenzimmer" bei Berlinale vor

Kraume: “Zeitloses Drama der Rebellion von Jugendlichen”

Freitag, 23. Februar 2018 | 12:14 Uhr

Nach seinem preisgekrönten Justizthriller “Der Staat gegen Fritz Bauer” (2015) stellte der deutsche Regisseur Lars Kraume bei der Berlinale gerade das DDR-Drama “Das schweigende Klassenzimmer” vor. Im Interview der dpa erzählt der 44-Jährige, warum ihn das Thema packt.

Frage: Wieder ein zeitgeschichtliches Drama – verfolgen Sie einen Aufklärungsauftrag?

Lars Kraume: Nein, wirklich nicht. Aber ich bin durch “Fritz Bauer” an dieser Zeit der 50er-Jahre hängen geblieben, an dem verschwiegenen Umgang mit der NS-Vergangenheit. Sowohl im Westen wie auch im Osten ging es darum, nach dem Dritten Reich eine neue Gesellschaftsordnung aufzubauen. Die Menschen haben sich nur damit beschäftigt, sie haben nicht darüber geredet, was im Krieg und in der NS-Zeit alles passiert ist. Und für ein Drama oder einen Thriller ist das eine wahnsinnig gute Zeit, weil in dem Verschweigen so viel Geheimnisvolles liegt, das man dann entdecken kann.

Frage: Es geht ja um eine wahre Geschichte nach dem Buch von Dietrich Garstka – was haben Sie dazuerfunden?

Kraume: Der Film besteht im Grunde aus zwei Teilen – der relativ genau erzählten Geschichte der äußeren Ereignisse: eine Klasse, die vor dem Hintergrund des Ungarnaufstands eine Schweigeminute einlegt, das Ultimatum des Ministers und schließlich die Flucht der Klasse in den Westen. Ausgedacht sind dagegen die Figuren und die familiären Hintergründe mit ihrer Einbettung in die deutsche Geschichte.

Frage: Was gefällt Ihnen an wahren Ereignissen?

Kraume: Bei politischen Dramen packt mich die Verankerung in einer wahren Begebenheit mehr, als wenn alles nur ausgedacht ist. Das wertet die Geschichten auf, es macht den Horizont größer, weil man dann tatsächlich über die Zeit nachdenkt. Letztlich interessiert mich aber das zeitlose Drama der Rebellion von Jugendlichen gegen eine Elterngeneration, die ihnen ein Gesellschaftsbild aufzwingen will. Dafür erzähle ich die Geschichte. Für eine Geschichtsstunde allein ist ein Kinofilm zu aufwendig.

Frage: Meinen Sie, dass junge Leute heute noch ähnlich solidarisch wären?

Kraume: Man kann die Zeiten nicht so gut vergleichen, weil es heute im globalisierten Kapitalismus nichts mehr gibt, wogegen Jugendliche rebellieren könnten. Damals hat das System den linientreuen Gehorsam für die sozialistische Staatsmacht verlangt – kein Querdenken, kein Anderssein. Heute wäre die Auflehnung gegen das System vielleicht, dass man sein Whatsapp abschafft oder sein Handy wegwirft. Und da könnte ich mir schon vorstellen, dass eine Gruppe von Freunden oder von Gleichgesinnten sich hinter so eine Aktion stellt.

(Das Gespräch führte Nada Weigelt/dpa)

(ZUR PERSON: Lars Kraume, 1973 im italienischen Chieti geboren, gehört zu den wichtigsten deutschen Regisseuren. Sein Justizthriller “Der Staat gegen Fritz Bauer” (2015) wurde mit sechs deutschen Filmpreisen ausgezeichnet. Schon sein Abschlussfilm an der Berliner Filmakademie – “Dunckel” – erhielt einen Grimme-Preis. Im Fernsehen war er mit zahlreichen “Tatort”-Folgen vertreten.)

Von: APA/dpa